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Wortbruch beim Nachtflugverbot

Um mich nicht in Sarkasmen zu flüchten, angesichts des grandiosen Wortbruchs der hessischen CDU- und FDP-Politiker, lasse ich heute andere reden und empfehle die Lektüre der Frankfurter Rundschau: Kommentar: Die Koch´sche Täuschung

Die beiden Pinocchios Roland Koch und Jörg Uwe Hahn sollten sich zur Lektüre der nachfolgenden Bücher aus dem politischen Tagesgeschäft zurückziehen:

Moral und Politik. Grundlagen einer Politischen Ethik für das 21. Jahrhundert“, C.H. Beck Verlag; 49,90 Euro, ISBN-10: 3406427979, ISBN-13: 978-3406427978

Privatisierung der politischen Moral?“ von Erhard Eppler, 141 Seiten, Suhrkamp; 8,50 Euro, ISBN-10: 3518121855, ISBN-13: 978-3518121856

Und allen fluglärmbelasteten Anwohnern im Rhein-Main-Gebiet und anderswo rate ich folgende CD laut zu hören:

„Politiker-Märchen: Die schönsten Lügen aus 60 Jahren Bundesrepublik.“ Ausgewählt und moderiert von Dieter Hildebrandt, Audio CD, Verlag: Diederichs; 17,95 Euro, ISBN-10: 3424350079, ISBN-13: 978-3424350074

Den Feminismus bin ich mir schuldig

Ich hatte mir das vielgelobte Buch „Älter werden“ von Silvia Bovenschen monumentaler vorgestellt. Doch es handelt sich bei dem pinkfarbenen Band, der seit 2006 bereits in 7. Auflage erschienen ist, um ein nur 154 Seiten starkes Büchlein – ein Essay, der es allerdings in sich hat.

Älter werden wir vom ersten Tag, es gibt also keinen Grund, das Buch erst ab einem bestimmten Alter zu lesen. Trotz oder wegen Bovenschens zutiefst subjektivem Blick ist das Buch voller kleiner und großer Wahrheiten. Dieses Buch nimmt man immer wieder zu Hand.

Im Folgenden ein paar Zitate:

„Aber wie viele sogenannte Achtundsechziger neigte ich heimlich zu einer Überschätzung des Konservativen.“

„Je ohnmächtiger sich das Volk den einzelnen Folgen dessen, was pauschal Globalisierung genannt wird, ausgesetzt sieht, desto häufiger erhält es jetzt kostenfreie und folgenlose Mitspracheangebote im Fernsehen. Es darf ganz viel wählen: den besten Popsänger, das beste Wort, das beste Buch und den besten Deutschen.“

„Zu den von Wilhelm Reich inspirierten vermeidbaren Irrtümern der siebziger Jahre zählte die Annahme, dass ein Spießer, den man sexuell enthemmt, etwas anderes sein könnte als ein sexuell enthemmter Spießer.“

„Bist du eine Feministin“ werde ich von einer jungen Frau (…) gefragt. „Ja, bin ich“ (…) Ich füge hinzu, dass ich das für eine Frage der Intelligenz halte.“

Bovenschens Buch ist ein kleiner Schatz, den ich allen empfehle, die den Mut zum Älter werden haben.

Das Buch gibt es auch als Taschenbuch: „Älter werden“ von Silvia Bovenschen, 8,95 Euro, Fischer (Tb.), ISBN-10: 3596175321, ISBN-13: 978-3596175321

BÜCHER FÜR ALLE :

Für die beste Freundin, die Schwester, die Lieblingskollegin: „Grenzgang“ von Stephan Thome, Suhrkamp Verlag, 22,80 Euro

Für politisch interessierte Freunde und Verwandte: „Tschüss, ihr da oben: Vom baldigen Ende des Kapitalismus“ von Peter Zudeick, Westend-Verlag, 16,95 Euro

Für Schwiegermütter und andere belesene Damen: „Ein Leben in Briefen“ von Marion Gräfin Dönhoff, Verlag Hoffmann und Campe, 20 Euro

Für Kinder von 6 bis 10 Jahre: „Ein gutes Wort ist nie verschenkt – Gedichte und Geschichten für Kinder“ von Robert Gernhardt, illustriert von Almut Gernhard, Verlag Fischer (Tb.), 22,95 Euro

Für den Freund, der (noch oder wieder) Single ist: „Liebesbrand“ von Feridun Zaimoglu von Fischer (Tb.), 9,95 Euro

Für Feministinnen, LehrerInnen, Soz-Päds: „Begabte Mädchen, schwierige Jungs: Der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen“ von Susan Pinker, Pantheon Verlag, 12,95 Euro

Für intellektuelle Freunde: „Soziologie – Kapitalismus – Kritik: Eine Debatte“ von Klaus Dörre, Stephan Lessenich, und Hartmut Rosa; Suhrkamp Verlag, 12 Euro

Und für alle Gestressten, denen man besinnliche Stunden wünscht: „Gedichte fürs Gedächtnis: Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen“ herausgegeben von Ulla Hahn, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 19,90 Euro

Die Welt zu verändern suchen, wenn auch nur in Bruchstücken, um so das zu vergessen, was wir nicht besitzen können.

Alles hat sich wunderbar gefügt im Leben von Alex. Das Architekturstudium hat er erfolgreich abgeschlossen, die schöne Sonja, ebenfalls Architektin, hat ihn erwählt, das gemeinsame Büro läuft gut an. Beider Leidenschaft gilt der Arbeit, sie verstehen sich gut und führen eine vernünftige und erfolgreiche Beziehung. Was fehlt? Die Unvermeidlichkeit, das „Es muss sein“.

Iwona, eine illegal in Deutschland lebende Polin, hingegen liebt Alex grenzenlos und unerbittlich. Diese Liebe gibt ihrem Leben Sinn und wird nie hinterfragt. Auf unerklärliche Weise bindet sie Alex an sich. Sieben Jahre sehen sie sich nicht, dann wird sie Alex Geliebte:

„Es war nicht Lust, die mich an sie band, es war ein Gefühl, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr empfunden hatte, eine Mischung aus Geborgenheit und Freiheit.“

Iwonas Perspektivlosigkeit scheint Alex reizvoller als die Getriebenheit des eigenen bürgerlichen Lebens. Als in einer längeren Krise das Architektur-Büro Insolvenz anmelden muss, ist Alex fast erleichtert:

„Mein Abstieg war eine große Beruhigung nach Jahren der Anstrengung.“

Peter Stamm, der mit seinem Roman für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, ist ein wunderbarer Erzähler. Wie Stephan Thomes „Grenzgang“ wirkt die Geschichte aktuell, die Figuren scheinen gegenwärtig, der Autor ist zurückhaltend und uneitel. Es ist ein ganz ähnliches Setting (Menschen in den Vierzigern, die auf die erste Hälfte ihres Lebens zurückschauen und versuchen, dem Leben eine neue Wendung zu geben), aber Stamms Protagonist hat den leichten Weg gewählt und rutscht so ins falsche Leben, während Thomes Protagonist am Ideal gescheitert war und dieses Scheitern als Lebensgefühl kultivierte.

Sehr zu empfehlen, auch als Weihnachtsgeschenk für Männer (während Thomes Buch doch eher ein „Frauenbuch“ ist).

Peter Stamm: Sieben Jahre
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN-10 3100751264, ISBN-13 9783100751263, 304 Seiten, 18,95 EUR

Darf man Goetz kritisieren? Der ist doch so intelligent, so hip, so crazy, der labert uns doch alle in Grund und Boden. Mit seinen Endlossätzen, seinen Beschimpfungen, seiner Aufgekratztheit.

Goetz war der erste, der sich während einer Lesung selbst verstümmelte, 1983 beim Bachmann-Wettbewerb. Er war mit seinem Internet-Buch „Abfall für alle“ der erste Blogger. Sein Buch „Rave“ veredelte die Techno-Szene, es waren demnach nicht einfach nur reiche Bürgersöhnchen und –töchterchen, die zugedröhnt und mit Papis Auto von München zur Fete nach Sylt düsten. Nein, feiern war unglaublich bedeutsam und er, Goetz, immer mittendrin, superstolz, dass er dabei war, obwohl damals eigentlich schon zu alt für die Szene.

Ich habe einen Abend seiner Poetik-Vorlesungen in Frankfurt 1998 miterlebt. Er lief die Bühne auf und ab. Laute Musik spielte. Was er uns über Textproduktion erzählte, war unverständlich. Unseld senior saß in der ersten Reihe, ich hatte Mitleid mit ihm.

Jetzt also „Loslabern“. Suhrkamp behauptet im Klappentext, es handele sich um eine Erzählung in drei Kapiteln. Ich kann keine Erzählung erkennen, das ist ungestalteter Text, also Gelabere. Die ZEIT ermöglichte Goetz im Oktober 2009 im ZEITmagazin-Literaturheft die Entstehung von „Loslabern“ passgenau zum Erscheinungsdatum zu skizzieren.

Loslabern: Goetz ist unterwegs, z. B. auf der Buchmesse 2008, Name-Dropping ohne Ende. Manchmal benutzt er nur Vornamen, der Leser ist doch selbst schuld, wenn er sich so wenig in der Szene auskennt. An anderer Stelle wird eine Frankfurter Studentin, die für die FAZ schreibt, mit ihrem vollen Namen genannt und kräftig denunziert. Einmal durfte Goetz an einer Medien-Veranstaltung teilnehmen und hat die Kanzlerin gesehen, wow!

„Kitschreaktionärheiten“ nennt Goetz die Texte von Botho Strauß und ich behaupte: Wenn Strauß den Stift in die Hand nimmt, entsteht Poesie, wenn Goetz seine Stichworte hinkritzelt, lesen wir die Gedanken eines chronisch Überhitzten.

Dennoch: Goetz hat eine große Fan-Gemeinde. Und auch mich rührt er stellenweise. Vielleicht weil er sich so schutzlos macht mit seiner Selbstoffenbarung, weil er zu brennen scheint.

Rainald Goetz: Loslabern, Suhrkamp Verlag, 187 Seiten, 17,80 Euro, ISBN-10: 3518421123, ISBN-13: 978-3518421123 c

Endlich stellt jemand das Menschenbild in Frage, dem seit Jahren nicht nur die sogenannten Liberalen, sondern auch die Stammtisch-Schwätzer huldigen. Josef Ackermann ist eine Ausnahme, Jürgen Schrempp und Klaus Zumwinkel sind Ausnahmen, die grenzenlose Gier, die Vollkasko-Mentalität, die Asozialität der Manager entsprechen nicht der Norm – diese Figuren sind nicht Abbild des Menschen. Und nein, es ist unwahr, dass die meisten Menschen genauso handeln würden, wenn sie könnten.

Peter Zudeick hat über den Wunsch der Menschen nach Gerechtigkeit geschrieben. So ein Buch war lange fällig.

In den ersten 50 Seiten breitet Zudeick die Fakten aus, die wir kennen und eigentlich nicht mehr hören wollen. Josef Ackermanns Gehalt hat sich in zwölf Jahren versiebenfacht. Klaus Kleinfeld erhielt von Siemens eine Abfindung von sechs Millionen und vom nächsten Arbeitgeber Alcoa eine Antrittsprämie von 6,5 Millionen.

Natürlich ist das obszön angesichts Tausender von Arbeitsplätzen, die gleichzeitig bei Siemens verlorengingen. (Wer heute den Kommentar von Robert von Heusinger in der Frankfurter Rundschau gelesen hat, mag angesichts der Rückkehr der Zocker an den Finanzmärkten verzweifeln an der herrschenden Wirtschaftspolitik:
Leitartikel: Heißes Geld außer Kontrolle)

Aber das Buch bietet mehr als eine Auflistung von Beispielen der Managergier und eine Abrechnung mit den Hartz-Reformen. Zudeick fragt nach bei den großen Philosophen: Was ist gerecht? Was bedeutet Gleichheit? Gibt es so etwas wie den Gerechtigkeitssinn?

Die sogenannten Liberalen glauben das nicht. Stellt jemand die Frage nach Angemessenheit z.B. von Managergehältern wird die „Neid“-Keule herausgeholt. Die sind doch alle nur neidisch, meint neben Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, auch der gerade wieder ins Gerede gekommene Philosoph Peter Sloterdijk.

Zudeick legt nun eine Reihe neuer Forschungsergebnisse vor, die dem egozentristischen Menschenbild ein kooperatives entgegenhalten. Soziale Anerkennung und positive Zuwendung setzen die größten Glücksgefühle frei, so die Ergebnisse eines Experiments von Neurobiologen. „Es gibt eine Rationalität des Miteinanders“ sagt Ernst Fehr von der Uni Zürich, der den Gerechtigkeitssinn bei Kindern im Alter zwischen drei und acht Jahren untersuchte.

Was kommt nach dem Kapitalismus? Wie könnte eine gerechte Gesellschaft aussehen? Wen diese Fragen interessieren, wer über die Empörung hinaus mehr will, etwas verändern und ja, vielleicht eine Utopie entwickeln, sollte unbedingt Zudeicks Buch lesen.

(Das erste Mal, dass ich einen Text von Peter Zudeick las, liegt lange zurück. Damals habe ich mit meinem Freund Axel ein Seminar mit dem Titel „Soziologische Interpretation utopischen Denkens“ bei Prof. Hack in Frankfurt a.M. belegt. Wir hatten uns für ein Referat mit dem Titel „Utopias Strahlen im Alltagsbewußtsein“ entschieden. Also lasen wir Bloch, Adorno und Marcuse sowie Zudeicks Bloch-Biographie „Der Hintern des Teufels“.
Seit dem denke ich jedes Mal, also wirklich jedes Mal in zig Jahren, wenn ich im Hessischen Rundfunk Zudeicks satirische Wochenrückblicke höre: Ach, das ist doch der Zudeick, der die Bloch-Biographie geschrieben hat.)

Peter Zudeick: Tschüss, Ihr da oben – Vom baldigen Ende des Kapitalismus
Westend Verlag, 232 Seiten, 16,95 Euro, ISBN-10: 3938060301,
ISBN-13: 978-3938060308

Nachtrag vom 24.11.09: Wie kurz der Weg von der Demokratie zur Bananenrepublik ist, zeigt die hessische Landesregierung im Fall der erfolgreichen und gerade deshalb gemoppten, verunglimpften und geschassten Steuerfahnder. Dahin kommen wir, wenn wir aufhören, Gerechtigkeit als Selbstverständlichkeit einzufordern. Zum Thema hat heute Matthias Thieme in der Frankfurter Rundschau einen sehr guten Leitartikel geschrieben:
Leitartikel: Der Wahn der Macht

Es war ein Muss, diesen Roman zu lesen. Kathrin Schmidt hat für „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis 2009 erhalten. Ich aber hatte den Preis für Stephan Thome und sein Debüt „Grenzgang“ erhofft. Es war eine Frage des Respekts, Schmidts Roman zu lesen, so wie man eine Abend-Einladung wahrnimmt, zu der man überhaupt keine Lust hat, weil man den Gastgeber nicht kränken will. Und wie solche mit Unlust begonnenen Abende immer die nettesten werden, so verließ mich auch im Laufe der Lektüre meine Abwehr. Eine Abwehr, die sich gegen die „Zumutung“ des Themas richtete.

Es kostete mich Überwindung, einen Roman von und über eine Frau zu lesen, die darin von ihrem Schlaganfall erzählt. Auch weil meine Lektüre des (sehr empfehlenswerten) Sachbuches „Mit einem Schlag“ der Hirnforscherin Jill B. Taylor noch nicht lange zurücklag, das ebenfalls aus eigener Erfahrung die Zeit nach dem Schlaganfall thematisiert.

Kathrin Schmidt beschreibt die Versehrtheit ihrer Protagonistin Helene in schonungsloser Offenheit. Manchmal war mir das zu intim. Manchmal habe ich mich an den Worten gestoßen, die Helene mühsam wiederentdeckte und „ausprobierte“. Doch immer mehr ließ ich mich hinein ziehen in diesen Prozess der Selbstfindung und Selbstvergewisserung. Helene erinnert sich nur langsam an die Zeit vor dem Platzen des Aneurysma. Dass sie Mutter, Ehefrau und Schriftstellerin ist, wird schnell offenbar, aber an ihre Liaison mit einer Transfrau (Mann, der das Geschlecht gewechselt hat) erinnert sie sich nur mühsam. Ich gebe zu, dass mich diese Liebesgeschichte nicht überzeugt hat. Ob der Teil nun biographisch ist oder nicht, es ist ein Zuviel an Identitätsverwirrung. Mir kam der Verdacht, dass das Transgender-Motiv aus feministisch-korrekten Gründen aufgenommen wurde.

Gerne habe ich Schmidts Beschreibung der Lebensverhältnisse im Osten gelesen. Noch immer scheinen die Gewichtungen andere als bei uns im Westen zu sein. Kinder sind wichtig, Liebe, Freundschaft und die Arbeit. Mode interessiert Helene nicht. Exemplarisch hierfür ist die Stelle, in der Helene von ihren Stoff-Turnschuhen zum Joggen erzählt, erst von ihrem Mann erfährt sie, dass es heutzutage spezielle Jogging-Schuhe gibt. Wie ja auch der ganze Roman vom Existenziellen handelt, vom Wesentlichen und ohne Überbau auskommt.

Fazit: Ein mutiges, ehrliches Buch, das sich zu lesen lohnt.

Kathrin Schmidt: „Du stirbst nicht“, ISBN-10: 3-462-04098-7, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 347 Seiten, 19,95 Euro

Am 18. November 2009 wird Margaret Atwood 70 Jahre alt. Atwood gilt als eine der wichtigsten kanadischen SchriftstellerInnen der Gegenwart und wurde mit unzähligen Literaturpreisen ausgezeichnet. Zentrale Themen ihrer Literatur sind das weibliche Rollenverständnis, die Möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung sowie die Umweltzerstörung.

Einem großen Publikum bekannt wurde die Kanadierin mit dem 1985 (D: 1987) erschienenen Roman „Der Report der Magd“, der 1990 von Volker Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“ verfilmt wurde. Mit ihrer negativen Utopie hat sich Atwood einen Platz neben Aldous Huxley und George Orwell erschrieben.

Der Roman spielt im Staat Gilead, der aus den zerfallenen Vereinigten Staaten von Amerika hervorgegangen ist, es herrschen dort bürgerkriegsähnliche Zustände. Oberstes Staatsziel ist die Bekämpfung des Geburtenrückgangs. Sogenannte „Mägde“ (Frauen aus unteren Schichten) werden gezwungen, unfruchtbaren Ehefrauen (und deren Männern) zwecks Fortpflanzung zur Verfügung zu stehen. Mägde, die als Gebärerinnen versagen, müssen in entlegenen Gegenden Gift- und Atommüll entsorgen. In der hervorragenden Schlöndorff-Verfilmung spielen in den Hauptrollen Natasha Richardson, Faye Dunaway und Robert Duvall.

Atwood hat neben ihren 13 Romanen auch Kinderbücher, Gedichtbände und Sachbücher veröffentlicht. Im vergangenen Jahr erschien ihr Essayband „Payback: Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“, indem sie Klimawandel und Umweltzerstörung als die ernsten Gefahren unserer Zeit thematisiert – und nicht etwa Schweinepest oder Aids.

Margaret Atwood: „Payback: Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“, Berlin Verlag, Berlin 2008; ISBN-10 3827008573; ISBN-13 9783827008572, 250 Seiten, 18 Euro

„Denn so ist das Leben in Deutschland geworden: Die einen haben Katzen, die anderen nichts und Ekel Konjunktur“ (frei nach Katja Lange-Müller)

In diesen Tagen, da sich zum zwanzigsten Mal der Mauerfall jährt, wird viel von der alten DDR geredet, gesendet und gedruckt. Vor einigen Tagen sah ich ein Porträt über Regine Hildebrand, das mich sehr gerührt hat. Ihre Tochter Frauke stand dem politischen Engagement oder, wie sie es beschrieb, der „Getriebenheit“ ihrer Mutter sehr kritisch gegenüber. Für Außenstehende aber war Regine Hildebrand eine ungewöhnliche, mutige und direkte Frau. Und nie werde ich vergessen, wie sie bei Alfred Biolek einen Frankfurter Kranz gebacken hat, noch Jahre nach der Wende mit Haferflocken und Margarine!

Ich hatte keine Verwandten in der DDR und keinerlei sonstige Bezugspunkte dorthin. Aber ich fand eines Tages in den 80er Jahren in einem Frankfurter Antiquariat einen kleinen Gedichtband von Gisela Steineckert: „Nun leb mit mir – Weibergedichte“. Wunderbare Gebrauchslyrik. Steineckerts Sprachmelodie hat mich in meiner Jugend lange begleitet.

„Würde mich einer lieben
wie ich geliebt werden will
der Tod wär wenig mehr als tiefer Schlaf
nach einem harten Tag
so aber steht das Ende aus und scheint unfassbar
wie denn und warum wenn noch gar nichts gewesen ist“

Gisela Steineckert, 1931 in Berlin geboren, war seit 1957 freischaffend. Neben den Büchern (Lyrik, Kurzprosa, Briefe) verfasste sie Liedtexte (Schlager, Chansons, Kinderlieder, Rockmusik ) für unterschiedliche Interpreten und arbeitete an Filmen der DEFA mit. (Quelle: Wikipedia) Für die Frauen aus der DDR scheint sie aber auch eine Art Briefkastentante gewesen zu sein, wie man dem Buch „Ich umarme dich in Eile“, entnehmen kann, dass 1992 erschienen ist.
Nicht lange nach der Wende erschien in der EMMA ein Interview mit Gisela Steineckert. Danach hab ich nie wieder von ihr gehört.

Eine andere Lyrikerin, die ich immer gern gelesen habe, ist Eva Strittmatter:

Bilanz
Wir alle haben viel verloren.
Täusche dich nicht: Auch ich und du.
Weltoffen wurden wir geboren.
Jetzt halten wir die Türen zu
Vor dem und jenem. Zwischen Schränken
Voll Kunststoffzeug und Staubkaffee
Lügen wir, um uns nicht zu kränken.
Und draußen fällt der erste Schnee…
Wir fragen kalt, die wir einst kannten:
Was machst denn du, und was macht der?
Und wie wir in der Jugend brannten….
Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.

Eva Strittmatter, geboren 1930 in Neuruppin, studierte Germanistik, Romanistik und Pädagogik. Seit 1951 arbeitete Eva Strittmatter freiberuflich beim „Deutschen Schriftstellerverband“ der DDR als Lektorin. Ab 1952 veröffentlichte sie literaturkritische Arbeiten in der Literaturzeitschrift ndl. Von 1953 bis 1954 war sie Lektorin beim Kinderbuchverlag der DDR. Zudem wurde sie 1953 Mitglied des ndl-Redaktionsbeirates. Seit 1954 ist sie freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte eher unpolitische Werke, darunter vor allem Gedichte, aber auch Prosa für Kinder und Erwachsene. (Quelle: Wikipedia)

Meine Befürchtung, dass die beiden Dichterinnen in Vergessenheit geraten sind, hat sich aber nicht bewahrheitet. In diesem Jahr haben beide wieder einen Gedichtband veröffentlicht:

Gisela Steineckert: Liebesgedichte, 128 Seiten, Verlag: Neues Leben, ISBN-10: 3355017566, ISBN-13: 978-3355017565, EUR 12,90

Eva Strittmatter: Wildbirnenbaum – Gedichte, 138 Seiten, Verlag: Aufbau-Verlag, ISBN-10: 3351032730
ISBN-13: 978-3351032739, EUR 18,95

Heute hat die Frankfurter Rundschau ein sehr gutes Interview mit Sighard Neckel, Soziologie-Professor an der Uni Wien, zum schwarz-gelben Koalitionsvertrag veröffentlicht. Im Folgenden einige Auszüge:

FR: Während des Wahlkampfes sah es so aus, als liefe man Gefahr, die gesellschaftliche Dynamik in alten rechts/links-Dichotomien zu beschreiben. Geht es tatsächlich wieder um starre Festschreibungen von oben und unten?

Sighard Neckel: Und um die Mitte der Arbeitnehmerschaft. Die nämlich wird nicht weniger belastet, weil sie zwar höhere Sozialabgaben tragen soll, aber von den versprochenen Steuererleichterungen keine Vorteile haben wird, da sie kaum was zum Abschreiben haben. Es ist die Politik selbst, die die Unterscheidung von oben und unten immer wieder reproduziert, vor allem jetzt, wenn es darum geht, wer die Zeche für den Casinokapitalismus zahlen soll. Oben und unten – das ist keine linke Erfindung. Wenn der Arbeitgeberpräsident nun drastische Kürzungen im Sozialbereich fordert, nachdem die Steuerzahler die Banken erst kürzlich mit unvorstellbaren Milliardenbeträgen gerettet haben, dann ist das ein schönes Beispiel für die Selbstbedienungsmentalität der Oberschichten, die eben deswegen so laut „Haltet den Dieb“ schreien, weil sie in Wirklichkeit genau das tun, was sie anderen Sozialgruppen immer unterstellen: die Hand aufhalten und die anderen die Arbeit machen lassen.

FR: Es ist vielfach von der Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags die Rede. Was müsste da drin stehen?

Sighard Neckel: Seit man unter Gesellschaftsverträgen hauptsächlich „Fordern und Fördern“ versteht, ist diese Metapher arg heruntergekommen. Es wäre doch heute schon manches gewonnen, wenn in Wirtschaft und Politik die Regeln des bürgerlichen Rechts gelten würden. So wurde in der Finanzkrise das Haftungsprinzip des bürgerlichen Gesetzbuches einfach dadurch ausgehebelt, dass man die Haftungssummen möglichst weit nach oben verschoben hat. Mehr noch: Man wusste im Finanzsektor ja, dass die Politik die Banken nicht untergehen lassen würde, deshalb konnte man mit den eigenen Spekulationen ja auch so in die Vollen gehen. Entsprechend groß war der Schock bei der Pleite von Lehman Brothers. Heute zahlen wir die Rechnung dafür, dass wir gegenüber den Banken so mutlos gewesen sind.

Bestimmt lesenswert: Sighard Neckel: „Flucht nach vorn“, Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, campus Verlag, 210 Seiten, Euro 21,90

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