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„Denn so ist das Leben in Deutschland geworden: Die einen haben Katzen, die anderen nichts und Ekel Konjunktur“ (frei nach Katja Lange-Müller)

In diesen Tagen, da sich zum zwanzigsten Mal der Mauerfall jährt, wird viel von der alten DDR geredet, gesendet und gedruckt. Vor einigen Tagen sah ich ein Porträt über Regine Hildebrand, das mich sehr gerührt hat. Ihre Tochter Frauke stand dem politischen Engagement oder, wie sie es beschrieb, der „Getriebenheit“ ihrer Mutter sehr kritisch gegenüber. Für Außenstehende aber war Regine Hildebrand eine ungewöhnliche, mutige und direkte Frau. Und nie werde ich vergessen, wie sie bei Alfred Biolek einen Frankfurter Kranz gebacken hat, noch Jahre nach der Wende mit Haferflocken und Margarine!

Ich hatte keine Verwandten in der DDR und keinerlei sonstige Bezugspunkte dorthin. Aber ich fand eines Tages in den 80er Jahren in einem Frankfurter Antiquariat einen kleinen Gedichtband von Gisela Steineckert: „Nun leb mit mir – Weibergedichte“. Wunderbare Gebrauchslyrik. Steineckerts Sprachmelodie hat mich in meiner Jugend lange begleitet.

„Würde mich einer lieben
wie ich geliebt werden will
der Tod wär wenig mehr als tiefer Schlaf
nach einem harten Tag
so aber steht das Ende aus und scheint unfassbar
wie denn und warum wenn noch gar nichts gewesen ist“

Gisela Steineckert, 1931 in Berlin geboren, war seit 1957 freischaffend. Neben den Büchern (Lyrik, Kurzprosa, Briefe) verfasste sie Liedtexte (Schlager, Chansons, Kinderlieder, Rockmusik ) für unterschiedliche Interpreten und arbeitete an Filmen der DEFA mit. (Quelle: Wikipedia) Für die Frauen aus der DDR scheint sie aber auch eine Art Briefkastentante gewesen zu sein, wie man dem Buch „Ich umarme dich in Eile“, entnehmen kann, dass 1992 erschienen ist.
Nicht lange nach der Wende erschien in der EMMA ein Interview mit Gisela Steineckert. Danach hab ich nie wieder von ihr gehört.

Eine andere Lyrikerin, die ich immer gern gelesen habe, ist Eva Strittmatter:

Bilanz
Wir alle haben viel verloren.
Täusche dich nicht: Auch ich und du.
Weltoffen wurden wir geboren.
Jetzt halten wir die Türen zu
Vor dem und jenem. Zwischen Schränken
Voll Kunststoffzeug und Staubkaffee
Lügen wir, um uns nicht zu kränken.
Und draußen fällt der erste Schnee…
Wir fragen kalt, die wir einst kannten:
Was machst denn du, und was macht der?
Und wie wir in der Jugend brannten….
Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.

Eva Strittmatter, geboren 1930 in Neuruppin, studierte Germanistik, Romanistik und Pädagogik. Seit 1951 arbeitete Eva Strittmatter freiberuflich beim „Deutschen Schriftstellerverband“ der DDR als Lektorin. Ab 1952 veröffentlichte sie literaturkritische Arbeiten in der Literaturzeitschrift ndl. Von 1953 bis 1954 war sie Lektorin beim Kinderbuchverlag der DDR. Zudem wurde sie 1953 Mitglied des ndl-Redaktionsbeirates. Seit 1954 ist sie freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte eher unpolitische Werke, darunter vor allem Gedichte, aber auch Prosa für Kinder und Erwachsene. (Quelle: Wikipedia)

Meine Befürchtung, dass die beiden Dichterinnen in Vergessenheit geraten sind, hat sich aber nicht bewahrheitet. In diesem Jahr haben beide wieder einen Gedichtband veröffentlicht:

Gisela Steineckert: Liebesgedichte, 128 Seiten, Verlag: Neues Leben, ISBN-10: 3355017566, ISBN-13: 978-3355017565, EUR 12,90

Eva Strittmatter: Wildbirnenbaum – Gedichte, 138 Seiten, Verlag: Aufbau-Verlag, ISBN-10: 3351032730
ISBN-13: 978-3351032739, EUR 18,95

Heute hat die Frankfurter Rundschau ein sehr gutes Interview mit Sighard Neckel, Soziologie-Professor an der Uni Wien, zum schwarz-gelben Koalitionsvertrag veröffentlicht. Im Folgenden einige Auszüge:

FR: Während des Wahlkampfes sah es so aus, als liefe man Gefahr, die gesellschaftliche Dynamik in alten rechts/links-Dichotomien zu beschreiben. Geht es tatsächlich wieder um starre Festschreibungen von oben und unten?

Sighard Neckel: Und um die Mitte der Arbeitnehmerschaft. Die nämlich wird nicht weniger belastet, weil sie zwar höhere Sozialabgaben tragen soll, aber von den versprochenen Steuererleichterungen keine Vorteile haben wird, da sie kaum was zum Abschreiben haben. Es ist die Politik selbst, die die Unterscheidung von oben und unten immer wieder reproduziert, vor allem jetzt, wenn es darum geht, wer die Zeche für den Casinokapitalismus zahlen soll. Oben und unten – das ist keine linke Erfindung. Wenn der Arbeitgeberpräsident nun drastische Kürzungen im Sozialbereich fordert, nachdem die Steuerzahler die Banken erst kürzlich mit unvorstellbaren Milliardenbeträgen gerettet haben, dann ist das ein schönes Beispiel für die Selbstbedienungsmentalität der Oberschichten, die eben deswegen so laut „Haltet den Dieb“ schreien, weil sie in Wirklichkeit genau das tun, was sie anderen Sozialgruppen immer unterstellen: die Hand aufhalten und die anderen die Arbeit machen lassen.

FR: Es ist vielfach von der Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags die Rede. Was müsste da drin stehen?

Sighard Neckel: Seit man unter Gesellschaftsverträgen hauptsächlich „Fordern und Fördern“ versteht, ist diese Metapher arg heruntergekommen. Es wäre doch heute schon manches gewonnen, wenn in Wirtschaft und Politik die Regeln des bürgerlichen Rechts gelten würden. So wurde in der Finanzkrise das Haftungsprinzip des bürgerlichen Gesetzbuches einfach dadurch ausgehebelt, dass man die Haftungssummen möglichst weit nach oben verschoben hat. Mehr noch: Man wusste im Finanzsektor ja, dass die Politik die Banken nicht untergehen lassen würde, deshalb konnte man mit den eigenen Spekulationen ja auch so in die Vollen gehen. Entsprechend groß war der Schock bei der Pleite von Lehman Brothers. Heute zahlen wir die Rechnung dafür, dass wir gegenüber den Banken so mutlos gewesen sind.

Bestimmt lesenswert: Sighard Neckel: „Flucht nach vorn“, Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, campus Verlag, 210 Seiten, Euro 21,90

Lesung Stephan Thome 27.10.09

Gestern war Stephan Thome im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse und las aus seinem Buch „Grenzgang“. Ich wollte ihn gern noch mal sehen und hören, bevor er in wenigen Wochen wieder nach Taiwan abreist.

Meine Begleiterin an diesem Abend bettelt seit meiner Besprechung hier im Blog darum, das Buch ausgeliehen zu bekommen. „Ich brauche erst eine Widmung“, mit diesen Worten konnte ich bisher das Ansinnen ablehnen. Jetzt, wo ich die Widmung habe, kann ich ihr aber das Buch unmöglich ausleihen – was, wenn ihr Haus abbrennt?

Nachdem Thome zwei Kapitel aus seinem Buch vorgelesen hatte, durfte das Publikum Fragen stellen. „Was kann man denn da fragen“, wollte meine Begleiterin wissen. „Wart´s ab“, sprach ich. Wenige Minuten später wand sie sich auf dem Stuhl. Ursache: Fremdschämen. Nach den üblichen Fragen nach dem neuen Projekt („noch geheim“), und seinem Verhältnis zu Biedenkopf („gut“), meldeten sich einige ältere Damen und wollten gern mit dem Autor über seinen Roman diskutieren. Zum Beispiel fand eine Leserin den Teil, in dem die Figuren unglücklich waren, besser als die späteren Kapitel.

Ja, was soll ein Autor darauf sagen? Thome blieb charmant und sprach über die unterschiedliche Text-Rezeption des Lesers. Danach outeten sich noch einige Anwesende als Biedenkopfer, bis es endlich zum Signieren ging. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine Traube von circa dreißig Frauen im Alter zwischen 40 und 70 vor dem Signiertisch gebildet, ich natürlich vorneweg.

Meine Begleiterin fand Thome toll, die Fragerei aber ziemlich peinlich und will keine Lesung mehr besuchen, sondern selbst lesen.

Vielleicht kann ich sie noch überreden, denn in den folgenden Monaten lesen weitere Autoren, die es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2009 geschafft haben (nur Herta Müller fehlt) in der Frankfurter Sparkasse:

Clemens J. Setz: Die Frequenzen
Freitag, 27. November 2009, 20 Uhr

Norbert Scheuer: Überm Rauschen
Dienstag, 1. Dezember 2009, 20 Uhr

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Freitag, 11. Dezember 2009, 20 Uhr

Rainer Merkel: Lichtjahre entfernt
Montag, 11. Januar 2010, 20 Uhr

Kundenzentrum der Frankfurter Sparkasse,
Neue Mainzer Straße 49, 60311 Frankfurt.
Um Anmeldung wird gebeten unter
E-Mail 1822-stiftung@frankfurter-sparkasse.de oder Telefon: 069 24 1822 24.

Hätte vor einem Jahr Andrea Ypsilanti die Chance gehabt, ihr Versprechen („Nicht mit den Linken“) zu brechen, hätten wir heute eine hessische Landesregierung, die sich für ein Nachtflugverbot am Flughafen Frankfurt einsetzt. Und wir hätten eine andere Energie- und Bildungspolitik. Das wären die Folgen ihres Wortbruchs gewesen.

„Unser Wort gilt“: Der nicht besonders intelligent wirkende hessische FDP-Vorsitzende Jörg-Uwe Hahn warb im Bundestagswahlkampf mit diesem Slogan. Jetzt zeigt er den fluglärmgeplagten Bewohnern rund um den Frankfurter Flughafen was ein richtiger Wortbruch ist. Es war Jörg-Uwe Hahn, der in den vergangenen Jahren das Nachtflugverbot beim Flughafenausbau als die „untrennbaren zwei Seiten einer Medaille“ bezeichnete und es war Ministerpräsident Roland Koch, der „Ohne Nachtflugverbot kein Flughafenausbau“ versprochen hat.

Nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ setzte Koch mit seinen Kollegen von der FDP bei den schwarz – gelben Koalitionsverhandlungen soeben die Interessen der Luftverkehrsbranche durch, also Nachtflugverbot adé. Und wen haben die fluglärmgeplagten Menschen im Frankfurter Süden bei der Bundestagswahl gewählt? Richtig, schwarz-gelb. Die FDP kam hier sogar auf satte 21 Prozent.

Nein, ich verzweifle nicht, ich lese und empfehle:

„Wohin geht die SPD“ von Daniel Friedrich Sturm, Deutscher Taschenbuch Verlag 480 Seiten, Euro 16,90

„Die linke Versuchung: Wohin steuert die SPD?“ von Elke Leonhard, Wolfgang Leonhard, edition q im be.bra verlag, 192 Seiten, Euro 19,90

Peter Zudeick: Tschüss, ihr da oben. Vom baldigen Ende des Kapitalismus, Westend-Verlag 2009, ISBN 978-3-938060-30-8, Euro 16,95

„Wie ein Netz mit Apfelsinen hält sie ihre Erinnerungen in den verschränkten Armen und fühlt, wie das Netz zu reißen beginnt, sieht sich schon in die Knie gehen und die Früchte einsammeln, die über den Boden rollen bis zu seinen Füßen.“

Kerstin Werner, eine geschiedene Mittvierzigerin und Thomas Weidmann, Verlegenheitslehrer, weil aus der Karriere als Historiker in Berlin nichts geworden ist, bilden das (mögliche) Paar, von dem das schönste Buch des Jahres handelt.

Heute morgen habe ich meine Liaison mit diesem Buch beendet und es schmerzte wie jede Trennung schmerzt. Es ist viele Jahre her, dass mich ein Autor mit seinem Debüt-Roman so begeistert hat – was sicherlich auch daran liegt, dass ich momentan genügend Energie für meine Literaturleidenschaft übrig habe.

Das letzte Mal, dass ich aufgeregt und mit gezückter Kamera auf einer Lesung erschien, als ginge es um das bedeutendste Ereignis des Jahres liegt lange zurück. Damals hieß der Autor Norbert Niemann, meine Kamera war noch analog und hatte den Vorteil, dass sich nicht ohne Vorankündigung ihr Akku leerte…

Niemanns Vortrag aus dem Roman „Wie man´s nimmt“, mit dem er 1997 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, hatte mich bei der TV-Übertragung des Literaturwettbewerbes gepackt. Da war Tempo, Aggression und Gesellschaftskritik. Ich besuchte seine Lesung im Frankfurter Literaturhaus. In den „Listen“ erschien eine hymnische Rezension von mir, Jahre später las ich – allerdings mit etwas weniger Begeisterung – seine „Schule der Gewalt“.

12 Jahre älter und mehrere Finanzkrisen später lobe ich das Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft zur Akzeptanz anderer Lebensentwürfe und wie – Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau treffend schreibt – den „milden Blick“ auf die Verhältnisse, eben den „Grenzgang“ von Stephan Thome.

Ein Buch, das sich mit dem Scheitern beschäftigt, passt in die Zeit. Erfolglose Bewerbungsgespräche, drohende Kündigungen, Insolvenzen und die sich im Laufe des Lebens einstellenden Verletzungen, die aus unseren eigenen Entscheidungen erwachsen – dazu müssen wir uns verhalten, auf selbstbeschützende Weise.

Aggression und Widerstand leistet sich, wer auf sicherem Terrain ist. Damals, als die Grünen noch links, die Gewerkschaften stark waren und kein normaler Mensch freiwillig in ein Reihenhaus gezogen wäre, damals schaute man mit Verachtung aufs bürgerliche Glück – heute wünscht sich jeder ein kleines Stück Sicherheit.

„Ich bin hiergeblieben“, sagte er, „weil sich beruflich die Möglichkeit ergeben hat und weil es sich für eine relativ kurze Zeit richtig angefühlt hat, diesen Bruch zu vollziehen. Ihnen stößt etwas zu, und statt sich dagegen zu stemmen, geben Sie der Veränderung nach, folgen ihr noch ein Stück weiter, als Sie gezwungen worden sind. Letztlich ein Versuch, die Hoheit über das Geschehen zurückzugewinnen, weil Sie am Ende an einem Punkt landen, zu dem Sie aus freien Stücken gelangt sind. Das Maß Ihrer Freiheit sozusagen. Es fragt sich aber, wie lange Sie sich nähren können von dem guten Gefühl, Ihr Schicksal selbst bestimmt zu haben. Oder anders gefragt: Wie lange ist die Halbwertszeit von Stolz?“ So Weidmann zu seiner Entscheidung, das berufliche Scheitern durch Rückkehr in die provinzielle Heimatstadt offen einzugestehen.

Das alle sieben Jahre stattfindende Heimatfest Grenzgang bildet den Rahmen des Romans. Drei Tage wird gefeiert, es ist leicht, sich zu verlieben und das hat Folgen – mindestens für die nächsten sieben Jahre. Die beiden Protagonisten passen nicht hierher, sind sich ihrer Fremdheit bewusst, aber sie bleiben.

Das Besondere an Thomes Roman ist sein Ton. Der Autor nimmt sich selbst zurück und seine Figuren ernst. Ob Thome einen Schuldirektor oder eine Swinger-Club-Besucherin beschreibt, sein milder Blick legt sich wohltuend über die Schwächen der Menschen. Nur seine Heldin Kerstin begehrt auch noch am Ende der Geschichte auf gegen diese „Nachsicht mit sich selbst“. Und da möchte man sagen: Kerstin, sei doch nicht so hart – das Leben ist es ohnehin.

Stephan Thome, der in Taiwan lebt und arbeitet, wurde mit seinem Roman für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert.

„Grenzgang“ von Stephan Thome, Suhrkamp Verlag, 454 Seiten, Euro 22,80

Lesezelt 17.10.09, von Links: Stephan Thome, Claire Beyer, Hanns-Josef Ortheil

Lesezelt 17.10.09, von Links: Stephan Thome, Claire Beyer, Hanns-Josef Ortheil

Mein gestriger Buchmesse-Besuch hat eine ganz ordentliche Ausbeute gebracht, nicht nur an neuen Lese-Ideen, sondern auch an prominenten Gesichtern und an käuflichen Dingen.

Die ehemalige ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz war gerade beim Herbig-Verlag, als wir in ihrem neuen Buch „Privatsache“ blätterten, in dem sie anlässlich ihre 60. Geburtstages aus ihrem beruflichen und privaten Leben erzählt.

Herta Müller war natürlich da und von Kameras umringt, Hanns-Josef Ortheil wurde auf dem „blauen Sofa“ zu seinem neuen Roman „Die Erfindung des Lebens“ (Luchterhand) interviewt und Johann Lafer kochte und verteilte Probierportionen.

Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen unterhielt sich beim Stand des S. Fischer Verlages, sie hat erstmals einen Krimi geschrieben: „Wer weiß was“. Ich will aber zuvor ihr Buch „Älter werden“ lesen.

Zwei außergewöhnliche Autoren haben neue Bücher veröffentlicht: Reinald Goetz und Botho Strauss. Ihre Bücher zu besprechen ist ja eine extreme Herausforderung, mal sehen, ob ich mich ihr irgendwann stelle.

Bei der Widukind-Presse (Halle 4.1.) habe ich mir eine Radierung von Hanif Lehmann gegönnt und mein Kind bekam beim Verlassen der Buchmesse ein Paar grüne Fellhandschuhe – just an dem Stand, an dem sich gerade Elke Heidenreich nach einem Schal umsah – es ist aber auch kalt in Frankfurt….

Ich empfehle jedem, der an diesem Wochenende noch zur Buchmesse will, sich vorher das Programm anzusehen und einzelne Veranstaltungen auszuwählen. Es ist einfach zu voll und die Distanzen sind zu groß, um mal kurz von Halle 3 in Halle 5.1 zu sprinten.

Ein Highlight heute, 17.10.2009 um 17 Uhr: Stephan Thome liest aus seinem Buch „Grenzgang“ im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse.

Nachtrag 17.10.09, 19 Uhr: Die Lesung war toll. Vor Stephan Thome las Hanns-Josef Ortheil aus seinem autobiographischen Buch über einen Jungen, der die ersten sieben Jahre seines Lebens nicht spricht, aber sehr gut zuhört. Ein sicher lesenswertes Buch von einem liebenswürdigen und souveränen Autor.

Und Stephan….. Er kann auch noch wunderbar vorlesen mit seiner angenehmen, tiefen Stimme. Wie komme es, dass er sich so gut einfühlen könne in das Seelenleben einer Frau, fragte die Moderatorin. Das sei nichts Ungewöhnliches, meinte Thome. Er hielte ohnehin nichts von dieser, eine ganze Comediesparte begründenden Vorstellung, dass Männer und Frauen einander nicht verstehen könnten. Nichts als das normale Maß an Einfühlungsvermögen brauche es dazu.

20 Wochen UmamiBuecher

Seit 20 Wochen ist das Blog UmamiBücher online. In dieser Zeit habe ich 33 Texte veröffentlicht. Folgende Statistik zeigt, welche Artikel die LeserInnen am meisten interessiert haben:

1. „Die Vier – Eine Intrige“ von Volker Zastrow

2. „Unter Linken – wie ich aus Versehen konservativ wurde“ von Jan Fleischhauer

3. „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität“ von Richard Sennett

4. „Die Machtfrage – Ansichten eines Nichtwählers“ von Gabor Steingart

5. „Schulkummer“ von Daniel Pennac

In der aktuellen Buchmesse-Woche wurden natürlich vor allem die Artikel über die Vergabe des Deutschen Buchpreises gelesen.

Demnächst folgt eine begeisterte Besprechung des Buches „Grenzgang“ von Stephan Thome.

Mit ihrem Roman „Du stirbst nicht“ hat Kathrin Schmidt die Jury des Deutschen Buchpreises 2009, der u.a. Hubert Winkels und Iris Radisch angehören, überzeugt.

Die von der Entscheidung sichtlich überraschte Autorin sagte in ihrer kurzen Dankesrede, sie freue sich noch mehr über den Literaturnobelpreis für Herta Müller als über ihren eigenen Preis.

Ich saß im Kaisersaal nur drei Reihen hinter Stephan Thome, dessen Roman mich noch ganz gefangen hält und dem ich den Preis für sein Romandebüt sehr gewünscht habe. Als ich ihm heute abend meine Bewunderung ausgesprochen habe, wirkte er auch etwas enttäuscht.

Für Irritationen sorgte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, weil er bei der Vorstellung der nominierten Autoren ausgerechnet Norbert Scheuer vergaß. In meiner Nähe saßen Verleger, u.a. Florian Langenscheidt, die auf Scheuer als Preisträger des Deutschen Buchpreises setzten. Auch die Frankfurter Oberbürgermeisterin Roth konnte mit ihrer in der Begrüßungsrede beschworenen Frankfurter Symbiose von Geld und Geist nicht wirklich überzeugen.

Gert Scobel hat souverän und mit leichter Hand durch den Abend geführt. Danach gab es in den Römerhallen noch einen Empfang mit großem Buffet, bei dem sich die Kulturschickeria auf sechs Tage Buchmesse und viele Events einstimmen konnte.

Am 12.10. 2009 wird zur Eröffnung der Buchmesse 2009 der Deutsche Buchpreis im Frankfurter Römer verliehen – und ich bin dabei!

Nach einer kurzen Sichtung der Romane, die es auf die Shortlist geschafft haben, habe ich mir „Grenzgang“ von Stephan Thome gekauft. Dass ich mich für seinen Roman entschieden habe, hat keine literarischen sondern rein subjektive Gründe. Die Geschichte spielt in der hessischen Provinz, die Protagonisten sind „in diesem vertrackten mittleren Alter, wenn man nicht mehr jung ist, alt aber noch nicht sein möchte“ (Sandra Kegel in der FAZ) und sie sind – natürlich – auf der Suche nach Glück. Auf so eine Geschichte hatte ich gerade Lust. Ich habe jetzt 150 Seiten des Romans gelesen und bin begeistert. Auch wenn der Autor selbst von einem eher depressiven Grundton seines Buches spricht, ist die Wirkung auf den Leser eine ganz andere: Es ist durchaus tröstlich und sogar aufmunternd, wie Thomes Figuren ihre Lebenslage bedenken und mit der Gefahr des Scheiterns umgehen.

Das Buch von Norbert Scheuer „Überm Rauschen“ hatte ich auch in der Hand, aber die in der Eifel spielende Vater-Sohn-Geschichte konnte mich trotz des äußerst sympathischen Lächelns des Autors auf dem Cover nicht so schnell gefangen nehmen.

Eine Leseprobe des Romans „Frequenzen“ von Clemens J. Setz brachte mich gleich zum Lachen. Setz` Romanfigur Steiner übersetzt die Aufschrift seines Pyama-Oberteils „Time flies like an arrow“ nämlich so: Zeit-Fliegen mögen einen Pfeil. Das Buch könnte also Spaß machen.

Außerdem stehen noch Rainer Merkel mit „Lichtjahre entfernt“, Herta Müller mit „Atemschaukel“ und Kathrin Schmidt mit „Du stirbst nicht“ auf der Shortlist. Es wird sicher spannend.

Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, der den Buchpreis 2008 erhielt, gehört zu den Büchern, an denen ich kläglich gescheitert bin. Nach 500 Seiten habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass mich die Geschichte je in ihren Bann schlagen könnte. Dieses in meinem Bücherregal seltene Schicksal eines nicht zu Ende gelesenen Buches teilt der Roman mit „Der Butt“ von Günther Grass.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Literatur nahezu jedes Schicksal erträglicher macht. Solange man sich in die Welt der Bücher flüchten kann, gibt es einen sicheren Ort – für jeden. Bevor ADHS und Hochbegabung in Mode kamen, gab es Bücherwürmer. Wer ein schüchterner Schüler war und keine Freunde hatte, hatte Karl May. Und auch für das Alter hat die Literatur ein warmes Plätzchen parat.

Doch die digitale Welt scheint unsere Lesefähigkeit langsam zu zerstören. Immer schneller, immer kürzer, aber auch immer inhaltsleerer werden die Informationen, die uns überfluten.

Gestern wurde in der FAZ das Buch von Maryanne Wolf: „Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in den Köpfen bewirkt“ besprochen. Die Leseforscherin Wolf erklärt anhand der Erkenntnisse der Hirnforschung, wie sich die Architektur des Gehirns durch das Lesen lernen verändert und wie unterschiedlich die Gehirne von Lesern und Nichtlesern sind.

„Was bedeutet es für unser inneres Erleben, dass wir lesen? Es heißt, sich in eine fremde Gedankenwelt hineinzuversetzen, sich Vorstellungen hinzugeben, die man im alltäglichen Leben nicht riskieren würde“, schreibt der FAZ-Autor Thomas Thiel.

Aber dieses Leseerlebnis scheint in Gefahr: „Wie Sokrates seinerzeit vor dem Übergang von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache gewarnt hatte, (…) so stehen wir heute zwei konkurrierenden Formen des Lesens gegenüber: dem scannenden, informationsverarbeitenden Lesen, zu dem uns die Informationsflut des Alltags drängt, und dem vertieften, interpretierenden Lesen“, so Thiel.

Wolf fürchtet, dass digital sozialisierte Kinder die Fähigkeit des tiefen Lesens und die dafür erforderliche Hirnstruktur gar nicht mehr herausbilden können. Es braucht also eine besondere Anstrengung, damit diese Lesefähigkeit nicht verloren geht.

Die Autorin Wolf hat bei sich selbst beobachtet, wie fragil die Fähigkeit des vertieften Lesens ist. Wer beruflich viel Digitales liest, braucht ja den schnellen Blick – lohnt es sich weiterzulesen? – um der Flut Herr zu werden. Die Bereitschaft, fremde Erfahrungen auf sich wirken zu lassen, die Bereitschaft zum Assoziieren, wie sie automatisch beim Vertiefen in Erzähltes einsetzt, geht aber so unter Umständen verloren.

Bestimmt ein interessantes Buch, über das sich zu diskutieren lohnt:

„Das lesende Gehirn“ Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in den Köpfen bewirkt, von Maryanne Wolf, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, 26,95 Euro

Nachtrag: Heute (6.10.09) in der Kolumne von Karin Ceballos Betancur in der Frankfurter Rundschau gelesen:

Am Flughafen von Buenos Aires wurde ich unlängst Zeugin folgender Unterhaltung in der Warteschlange: Mutter zu ihren beiden augenscheinlich volljährigen Söhnen: „Da vorne gibt es die FAZ – wollt Ihr eine?“ – Die volljährigen Söhne: „FAZ – was´n das?“ – Die Mutter: „Die Frankfurter Allgemeine.“ – Die volljährigen Söhne: „Ach so.“ – Schweigen. Die volljährigen Söhne: „Und wofür steht das Z?“

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