Götz Aly schreibt in seiner Kolumne in der Frankfurter Rundschau:
„Rentner und Autofahrer maulen gemeinsam, sie seien die „Melkkuh der Nation“. Journalisten und Eigner von Solarkollektoren genießen still und hartnäckig ihre Vorteile. Fahrradfahrer gehören zu den besseren Menschen und lehnen jede Kooperation im Straßenverkehr ab. Im Schwimmbad werden als Erstes drei Liegen dauerhaft in Beschlag genommen, ob man sie braucht oder nicht. Ein Einheimischer, der in einer U- oder Straßenbahn seinen Sitzplatz ergattert hat, steht kaum mehr auf, wenn ein zittriger älterer Herr zusteigt, eine Mutter mit zwei kleinen Kindern oder eine der raren Schwangeren. Das fällt Besuchern aus Paris, Tel Aviv oder New York sofort ins Auge. Sie finden das Verhalten der Deutschen untereinander befremdlich, manchmal abstoßend. (…)
Wie wäre es, wenn wir die Reste ständischer Vor- und Sonderrechte endlich abstreiften, uns auf bürgerliche Tugenden besännen, die Interessen anderer respektierten, eigene Interessen zugunsten eines entspannten, womöglich heiteren Zusammenlebens gelegentlich zurückstellten und einfach weniger krakeelten: „Haben-haben! Ich-ich-ich!“ “ (FR vom 24.1.2012)
Als ich das heute morgen las, musste ich an meinen ehemaligen Chef denken. Damals kamen jede Woche Dutzende von Einladungen im Büro an, Erste Spatenstiche von großen Bauvorhaben, Kunst-Vernissagen, Ehrungen von Stadtältesten, Preisvergaben etc. Mein Vorgesetzter achtete aber nur auf eines: Wie ist die Verköstigung? Stand auf der Einladung: „Es wird ein kleiner Frankfurter Imbiss gereicht“, also Brezel und Apfelsaft oder -wein, wurde die Einladung abgesagt – egal, wie interessant der Vortrag, die Malerei oder der zu Ehrende war.
Anfangs machten meine Kollegin und ich uns ein wenig lustig über diese Haltung des Chefs. Es erschien uns wie die Marotte eines allein lebenden älteren Mannes, der regelmäßig vergisst, seinen Kühlschrank zu füllen. Mit der Zeit griff aber diese Haltung auf weitere Bereiche und vor allem auf die „Mitarbeiter“ des Chefs über.
Zweimal innerhalb eines Jahres musste die Festplatte ausgetauscht werden, weil mein Chef im Zorn seinen Laptop auf den Tisch geworfen hatte. Die Männer der IT-Abteilung rümpften die Nase, wechselten aber die Platte aus – auf Kosten der Stadtverwaltung.
Bemerkenswert war, dass, je schlechter die Zusammenarbeit und die Kommunikation innerhalb der „Organisation“ war, desto mehr beharrte jeder auf seinen Vergünstigungen. Handelte es sich anfangs nur um ein paar Briefmarken, waren es später geforderte Zusatzspesen bei einer All inklusive-Ausschussreise und bezahlte Taxikosten zum Flughafen trotz bester ÖPNV-Verbindungen.
Dass es sich um fremdes Geld, in diesem Fall um Steuergeld handelte, geriet zunehmend in Vergessenheit. Die jährliche Kontrolle des Revisionsamtes war wirkungslos, da leicht zu täuschen.
Heute gibt es diese „Organisation“ in der damaligen Form nicht mehr, sie ist m.E. am Mangel an Ethos zugrunde gegangen.
Der plötzliche Reichtum in Form von Fraktionsgeldern scheint auch bei manchen Piraten die Maßstäbe zu verschieben. So schreibt die FAZ am vergangenen Wochenende über die Berliner Piraten:
„Die einzige Piratin im Abgeordnetenhaus, die 19 Jahre alte Susanne Graf, hatte ihren Freund, den Bundespressesprecher ihrer Partei, als Mitarbeiter eingestellt. Das ist nach Landesabgeordnetengesetz des Berliner Abgeordnetenhauses – anders als im Bundestag – zwar nicht verboten, aber die Empörung war trotzdem groß, zumal Graf die Fraktion nicht eingeweiht hatte. Mitte November rechtfertigte sie sich auf ihrem Blog. Sie hätte „das ganze früher kommunizieren sollen“. Sie habe ihren Freund eingestellt, weil sie schnell jemanden gebraucht habe, dem sie vertraue und der ihren Tagesablauf gut kenne. Schon einen Tag später gab sie „nach Gesprächen mit diversen Piraten“ bekannt, dass sie das Arbeitsverhältnis beenden werde. Auch der Abgeordnete Oliver Höfinghoff ist mit seiner persönlichen Mitarbeiterin liiert. Eine feste Beziehung sei aber erst nach der Einstellung entstanden, argumentierte er – und beließ es dabei.“ (FAZ-Artikel vom 21.1.2012)
Es handelt sich hier um einen – wenn auch transparenten – Mangel an politischem Stilgefühl. Da haben die Piraten ja mit unserem Bundespräsidenten etwas gemeinsam.