Gescheiterte Dichterkarriere

Ich weiß nicht mehr, ob die Anzeige im Pflasterstrand (Vorgänger der Frankfurter Monatszeitschrift „Journal“) oder in der Emma stand, vielleicht auch in der Courage. Letztere galt als die intellektuellere der beiden bundesweit erscheinenden feministischen Zeitungen – heute würde ich sagen, Courage hatte vor allem mehr Schwurbelpotential. Frauen die Courage lasen, glaubten an Avalon, Mystik und daran, dass Frauen die besseren Menschen waren. Ich vermute, der esoterische Arm der Frauenbewegung hat einen großen Anteil daran, dass es heute soviel Geistheilerinnen, Engels- und Craniosacral-Gläubige, Heilpraktikerinnen etc. gibt.

Die Anzeige erschien also 1982 oder 1983, darin wurde nach Gedichten für eine Veröffentlichung gesucht. Liebe LeserInnen, seid ehrlich: Habt Ihr mit 20 Gedichte geschrieben?

Ich hatte schon mit 12 mit dem Schreiben angefangen:

(Vorbei ist vorbei
die Welt bricht entzwei
die Liebe verschwindet
Wer heute sich bindet
ist morgen allein
)

Nicht lachen!

Tatsächlich habe ich den Packen Gedichte aus meiner Jugend aufgehoben. Allerdings sind sie so sentimental, dass ich es hier bei obigem Frühwerk belasse.

Ich schickte also ein paar Blätter mit meinen Gedichten los, die Adresse war in Hildesheim, aufgrund des Vornamens dachte ich, die Anzeige sei von einer Frau. An den folgenden Briefwechsel erinnere ich mich nicht, aber irgendwann kam eine Ankündigung mit Terminvorschlag, dass im Sommer eine Reise des Herausgebers geplant sei zu allen Dichtern und Dichterinnen.

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November-Blues

Ich denke in diesen Tagen oft an den alten Mann aus meinem Stadtteil, der mir jahrelang fast jeden Morgen begegnet ist. Wie in Dörfern üblich haben wir uns gegrüßt, mit wachsender Gewohnheit lächelnd. Er joggte die Runde von Harheim den Berg hoch bis zur Dorfmitte von Berkersheim und lief dann am Reitstall vorbei über den Niddaweg zurück. Irgendwann erfuhr ich, dass der Mann Krebs hat. Er wartete den Krebstod nicht ab.

Eine ehemalige Nachbarin, die Kärtchen mit Sinnsprüchen verschenkte an sympathische Leute, die ihr beim Metzger oder im Netto begegneten, ist vor circa drei Jahren in ein Pflegeheim nach Heddernheim gezogen. Gestern erzählte mir eine andere Nachbarin, dass die alte Dame mit Corona infiziert ist.

Der November wird hart.

Krisenzeiten 5

„Wir haben nicht damit gerechnet, aus Machtarroganz, aus kapitalistischer Überlegenheitsarroganz, aus Durchsetzungsarroganz: Kapital schafft alles – auch Viren, und deshalb keine Vorsorge getroffen, an Schutzkleidung, Masken, etc.“ (Bazon Brock im dlf-Podcast „Optimisten sind Volksverdummer“: KLICK)

Denkt ihr öfter als früher an den Tod? An Euren oder an den Eurer Angehörigen? Denkt Ihr: Mist, ich wollte doch noch Delfine in Freiheit sehen? Oder, wenn das rum ist, gehe ich jede Woche dreimal ins Restaurant? Und, sobald ich darf, fahre ich ans Meer?

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100. Geburtstag von Marlen Haushofer

In meiner Jugend war Marlen Haushofer für mich der Gegenentwurf zu Simone de Beauvoir. Beide habe ich geliebt. Ich fuhr nach Paris, setzte mich allein ins Cafe Flore und stellte mir vor, gleich kommt Simone mit Sarte, Albert Camus und dem kleinen Bost zur Tür herein. Ich konnte nicht einmal französisch, nur das Nötigste, um Cafe oder Wein zu bestellen, aber das hat beim Tagträumen eher noch geholfen.

Simone de Beauvoir wurde in eine reiche Bürgerfamilie hineingeboren, die im 1. Weltkrieg und durch die Oktoberrevolution ihr Vermögen verlor. Während des Philosophie-Studiums lernte sie Jean-Paul Sartre kennen und begann mit ihm eine intellektuell fruchtbare Beziehung, die ein Leben lang hielt, aber nicht exklusiv war. Ihren feministischen Klassiker „Das andere Geschlecht“ habe ich natürlich gelesen, aber weit mehr bedeutet haben mir ihre Memoiren, in denen sie ihr Leben in Paris und die Gespräche mit den wichtigsten Philosophen ihrer Zeit schildert.

Marlen Haushofer, ist 12 Jahre nach Beauvoir, am 11.4.1920 in einer kleinen Stadt in Oberösterreich als Tochter eines Försters und einer Kammerzofe geboren. Als sie 10 Jahre alt war, schickten ihre Eltern sie auf ein Ursulinen-Internat. Sie hat diese Zeit, die sie als Verbannung empfindet, in ihrem Roman: „Himmel, der nirgendwo endet“ beschrieben.

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Traffiq hat’s verbockt: Verzögerung des S 6-Ausbaus

Heute erschien in der Frankfurter Neuen Presse ein Artikel zum Ausbau der Main-Weser-Bahn. Die S6 zwischen Bad Vilbel und Frankfurt soll durch den Ausbau die dringend notwendigen eigenen Gleise bekommen. Die Fertigstellung verzögere sich u.a. durch den Protest von Harheimer BürgerInnen gegen die abrupte Nidda-Brückensperrung, so die DB. (Genaueres zu unserem Protest hier: KLICK)

Zu diesem Artikel der FNP (S6-Ausbau wird erst ein Jahr später fertig)
habe ich heute folgenden Leserbrief geschrieben (weil manchmal braucht’s mehr Reichweite).

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CDU Harheim und der kommunikative Super-Gau

Ich habe den Ortsvorsteher und CDU-Vorsitzenden von Frankfurt-Harheim Frank Immel immer für einen umgänglichen Menschen gehalten. In einem kleinen Dorf wie Harheim spricht man miteinander, tauscht sich über Probleme aus, wie z.B. dem schlechten Busverkehr, und schaut manchesmal über politische Differenzen hinweg, wenn es dem Wohl des Stadtteils dient.

Gestern haben die Frankfurter Jusos Herrn Immel wegen Verleumdung angezeigt. Wie in meiner Post vom 11.2.2020 beschrieben (KLICK), hatte die CDU Harheim den Vorsitzenden der „Werte-Union“ Alexander Mitsch eingeladen. Ich habe daraufhin spontan per Twitter zu einer Demo in meinem Stadtteil aufgerufen, weil ich fürchte, dass es in der CDU Harheim Kräfte gibt, die den Ortsverein noch weiter nach rechts rücken wollen. Angemeldet wurde die Demo von den Frankfurter Jusos. Es wurde optimistisch mit 30 bis 50 Personen gerechnet. Via Twitter habe ich auch die Frankfurter Grünen, die SPD, die LINKEN und DIE PARTEI angeschrieben. Dass sich viele auf den Weg nach Harheim machen, war unwahrscheinlich, dazu ist der ÖPNV einfach zu schlecht (z.B. einfache Strecke ab Frankfurt Bornheim 60 Minuten). Außerdem habe ich eine Twitter-Unterhaltung mit dem Frankfurter CDU-Chef Jan Schneider geführt, der am Mittwoch schließlich die Absage der Veranstaltung bekannt gab.

Was dann folgte, kann man nur als kommunikativen Super-Gau bezeichnen. Auf ihrer Webseite bezeichnet die CDU Harheim die angekündigten Demonstranten als linksextrem und nannte als Grund für die Absage der Veranstaltung, dass man „die Bürger unseres Stadtteils und ihr Eigentum“ schützen wolle. Die CDU warnt also vor marodierenden Banden, gleichwohl wissend, dass sie es lediglich mit mir, einer Harheimer Bürgerin – mit der nahezu jedes CDU-Mitglied in Harheim schon ein Schwätzchen gehalten hat – und einer kleinen Gruppe Jusos zu tun haben. Warum macht Herr Immel das?

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