Hölle Eigentümergemeinschaft

„Die Hölle, das sind die anderen“, schrieb Jean-Paul Sarte 1944 in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“. Der Prototyp der aneinandergeketteten Gruppe von Menschen mit widerstreitenden Interessen – die Eigentümergemeinschaft – gab es damals in Frankreich noch gar nicht, dort wurde der Erwerb von Wohnungseigentum erst 1965 gesetzlich geregelt.

In Deutschland gab es schon um 1900 sogenanntes „Stockwerkseigentum“. Diese Eigentumsform hatte auch den Spottnamen Händelhaus (in Süddeutschland: „Streithäuser“), weil es häufig zu Streit zwischen den Eigentümern kam. Daran hat sich auch heute nichts geändert, auch wenn seit 1951 das Wohnungseigentumsgesetz das Verhältnis der Eigentümer nach innen und außen regelt. Inzwischen verfügen in Deutschland circa 15 Prozent aller Haushalte über eine Eigentumswohnung. Das heißt, fast 6 Millionen Haushalte finden sich – meist ziemlich unvorbereitet – in dieser Zwangsgemeinschaft zusammen.

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„Die Rückkehr der Diener“ von Christoph Bartmann

Jammern über lange Supermarktschlangen ist eigentlich obsolet. Sobald vier oder fünf Kunden an der Supermarktkasse stehen, drückt die Kassiererin einen Knopf und es ertönt die Durchsage: „Wir öffnen Kasse 2 für Sie!“

Kürzlich wartete ich an dritter Stelle an der Kasse unseres (einzigen) Dorf-Supermarktes, hinter mir stellten sich zwei Mädels von 9 oder 10 Jahren mit ihren Süßigkeiten an. Es verging keine Minute, da riefen sie: „Hallo, kann man nicht mal ne weitere Kasse aufmachen?“. Die anderen Wartenden ließen die ungeduldigen Mädchen vor. Als ich ein paar Minuten später an ihnen vorbei radelte, warfen sie gerade die Duplo-Verpackung auf den Gehweg und schlenderten weiter.

So ist das also, wenn man in einem der Frankfurter Neubaugebiete groß wird: Diener überall. Eltern, die für eine halbe Million ein Häuschen kaufen, beschäftigen natürlich Personal zum Putzen, Bügeln und Kinder „bespaßen“. Die Männer von der Straßenreinigung, die Frauen an der Supermarktkasse, wahrscheinlich auch die Erzieher im Hort: Für die moderne Mittelklasse, ob alt oder jung, sind das Dienstboten.

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Integratives Wohnprojekt in Harheim

Vor einem Jahr war es in meinem Stadtteil ungemütlich geworden. Die Stadt Frankfurt war bei ihrer Suche nach Grundstücken für Flüchtlingsunterkünfte auch in Harheim, einem der kleinsten Stadtteile Frankfurts und idyllisch an der Nidda gelegen, fündig geworden. Viele Bürger, vor allem aus dem Neubauviertel, an dessen Rand das betreffende Grundstück liegt, hatten sich empört. Zu der Anhörung, in der die Verantwortlichen des Projekts Rede und Antwort standen, waren auch Anhänger rechter Gruppierungen angereist, in der Hoffnung, die Stimmung weiter anheizen zu können. (Ich habe über die Veranstaltung hier berichtet: KLICK)

Die Kritik an den geplanten Holzmodulen nahm die Stadt auf und plante um: Die neuen Unterkünfte werden jetzt im Reihenhausstil gebaut. Dennoch formiert sich aktuell neuer Widerstand im Stadtteil: Die Interessengemeinschaft IG Harheim hat in den letzten Tagen im Dorf Flugblätter verteilt und ruft die BürgerInnen dazu auf, bei der am Montag stattfindenden Ortsbeiratssitzung gegen das Projekt zu protestieren.

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Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

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Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.
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Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
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Die Läden meiner Kindheit: Von Caspari zu Toom

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In meiner frühen Kindheit war Einkaufen gehen kein Stress. Ich lief an der Hand meiner Mutter ein Stück die Gangstraße entlang, links lag die Einfahrt des Getränkehändlers, wo sich der Modergeruch des Kellergewölbes mit dem Duft von Apfelsaft mischte. (Damals trank kein Mensch Apfelschorle, warum den Gödderdroppe verdünnen? Diese Unart wurde von den Zugezogenen in den 90ern eingeführt, weil zuviel Zucker nicht gesund ist für den dauernuckelnden Nachwuchs.)

Geradeaus der Weiße Turm, bei dessen Anblick ich mich täglich fragte, ob die Prinzessin noch im Turm eingesperrt war oder schon befreit wurde. Im Laden von Caspari kaufte meine Mutter sich kleine Nescafe-Döschen für 20 Pfennig. Gegenüber war ein Gemüseladen, der nach frischem Obst und gerade weggefegtem leicht angefaultem Gemüse roch. (In der Frankfurter Kleinmarkthalle kann man diesen Geruch noch finden.)

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