Halbdistanz erhöht die Sehschärfe

Michael A. Gotthelf in seiner Begrüßungsrede zum Ludwig-Börne-Preis 2022

Leon de Winter schmeckt der Zeitgeist nicht, z.B. dass Männer Frauen sein wollen und umgekehrt. Doch jetzt nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine sieht er sich bestätigt: „Wo sind denn die Frauen, die sich als Männer identifizieren?“ und antwortet selbst: „Nicht an der Front“. „Es sind Männer“, sagt er, „brutale Männer, die über uns wachen, wenn wir schlafen“.

Wird die „Ära der Hysterie“, wie de Winter in seiner Laudatio auf den Ludwig-Börne-Preisträger 2022, Eric Gujer, diagnostiziert, von einer Wiederkehr der Virilität abgelöst? Schade, dass auf dem Podium keine Marina Weisband, Juli Zeh oder eine der Widerstandskämpferinnen aus Russland oder Belarus das Weltbild des niederländischen Schriftstellers zurechtrücken konnte.

Es ist immer eine einzige und jährlich wechselnde Person, die den Träger des Ludwig-Börne-Preises auswählen darf. Dieser hält die Laudatio und es kam schon öfter vor, dass man den Preisträger gern ein wenig in Schutz genommen hätte vor den Lobeshymnen des Laudatoren.

Erik Gujer, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, hat heute eine Rede gehalten, die intellektuell anregend war. Sein Ruf als stramm Konservativer wurde der Schweizer m.E. nicht gerecht.

Die Wahrnehmung, dass viele westliche Gewissheiten seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine Makulatur sind, teilen sicher viele. „Der Westen ist auf seine eigenen schönen Worte hereingefallen – die libertäre Weltordnung gab es nie“. Gujer wies in seiner Rede auf die fundamentalen Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie hin: „Diktaturen können Körper kontrollieren“, aber „Die Demokratie besitzt selbstheilende Kräfte“.

„Sind wir bereit, für unsere Überzeugungen zu leiden?“, fragt Gujer. (Und ich denke, nein, das ist die Mehrheit der Deutschen nicht. Billiges Fleisch, billiges Benzin, billigen Urlaub – das reicht den meisten schon als Lebensqualität.)

Für Gujer markiert der 24.2.22 den Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Jahrzehnte davor habe Deutschland den Charakter des russischen Regimes verkannt. Der Profiteur des Krieges werde aber nicht Moskau sondern China sein. Meinte der Westen es ernst mit seinen Werten, müsste China schon längst sanktioniert werden, so Gujer.

Die Politik sollte aber vorsichtiger mit der Verkündung roter Linien sein, wenn sie nicht sicher sei, diese auch verteidigen zu können: „Der Westen muss bescheidener werden“. Das Postulat vom Ende der Geschichte sollte der Idee des Gleichgewichts der Kräfte weichen.

„Deutschland muss sich daran gewöhnen, in einer Zeit zu leben, in der seine Regeln und Werte weniger bedeuten als Macht“ – mit diesem unerträglichen und verletzenden Gedanken beende ich diesen kurzen Bericht über die heutige Preisverleihung in der Paulskirche.

Ein Gedanke zu “Halbdistanz erhöht die Sehschärfe

  1. Carmen 2. Juni 2022 / 22:46

    Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig war der Preisverleihung fern geblieben und hatte am Folgetag eine Presseerklärung verschickt und darin die Änderung des Vergabeverfahrens gefordert. Dies hat sie heute im Kulturausschuss der Stadt Frankfurt bekräftigt. Ich halte das für übergriffig. Der renommierte Preis feiert nächstes Jahr sein 30. Bestehen, das wird Frau Hartwig über ihre Tätigkeit als Dezernentin einmal nicht sagen können.

    Ein Stiftungsvorstand, der so unterschiedliche Preisträger wie Rudolf Augstein, Götz Aly, Souad Mekhennet, Eva Menasse, Alice Schwarzer und Hendryk M. Broder gelassen gefeiert hat, wird diese politische Überheblichkeit aushalten.

    Maßstab städtischer Kulturpolitik sollte im 175. Jahr der Paulskirche die freie Rede und die Kultivierung des öffentlich mit Argumenten ausgetragenen Streits sein.

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