Halbdistanz erhöht die Sehschärfe

Michael A. Gotthelf in seiner Begrüßungsrede zum Ludwig-Börne-Preis 2022

Leon de Winter schmeckt der Zeitgeist nicht, z.B. dass Männer Frauen sein wollen und umgekehrt. Doch jetzt nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine sieht er sich bestätigt: „Wo sind denn die Frauen, die sich als Männer identifizieren?“ und antwortet selbst: „Nicht an der Front“. „Es sind Männer“, sagt er, „brutale Männer, die über uns wachen, wenn wir schlafen“.

Wird die „Ära der Hysterie“, wie de Winter in seiner Laudatio auf den Ludwig-Börne-Preisträger 2022, Eric Gujer, diagnostiziert, von einer Wiederkehr der Virilität abgelöst? Schade, dass auf dem Podium keine Marina Weisband, Juli Zeh oder eine der Widerstandskämpferinnen aus Russland oder Belarus das Weltbild des niederländischen Schriftstellers zurechtrücken konnte.

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Ludwig-Börne-Preis 2019 – Eva Menasse fürchtet das Internet

Solange Kopf und Herz vom Alten besetzt sind, findet das Neue keinen Platz. (Ludwig Börne)

Eines Abends vor circa 25 Jahren bin ich zum Wasserhäuschen in meiner Straße gegangen, um eine Packung Erdnüsse zu kaufen. Während ich wartete bis ich an die Reihe kam, hörte ich einem Gespräch von zwei Thekenstehern zu, sie pöbelten über Ausländer. Als ich meine Nüsse hatte, drehte ich mich zu den Männern um und sagte: „Schämen Sie sich nicht? Der Mann, an dessen Theke Sie gerade Ihr Bier trinken, ist auch Ausländer.“ Das Geschrei der beiden Männer hinter meinem Rücken hörte ich noch an der Haustür.

An diese lang zurückliegende Begebenheit musste ich gestern in der Paulskirche denken. Die Bier trinkenden Männer dachten, sie wären unter sich, aber sie bewegten sich in einer kleinen Öffentlichkeit. Nicht anders ist das heute auf Facebook oder Twitter.

Ginge es nach Florian Illies, dem Laudator des Ludwig-Börne-Preises 2019 und der Preisträgerin Eva Menasse (eine wunderbare Autorin!) gäbe es kein Twitter, keine Blogs, kein Facebook. Die schöne alte Öffentlichkeit wäre noch organisiert wie eine Preisverleihung in der Paulskirche: Jovial, selbstgewiss und von oben herab verkündet (meistens) ein Mann von publizistischem Rang, wie die Herren und Damen im Publikum die Welt zu sehen haben. Der Laudator bestimmt beim Börne-Preis allein den oder die PreisträgerIn. Illies hat diese Macht genutzt, seine Kritik an der neuen digitalen Welt, die er bereits 2014 in der Paulskirche vorgetragen hat, zum Hauptthema dieses Vormittags zu machen.

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Ludwig-Börne-Preis 2018 an Souad Mekhennet

Oberbürgermeister Peter Feldmann mit Souad Mekhennet, im Hintergrund Michael Gotthelf vom Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung, nach der Preisverleihung

„Es gibt in Frankfurt eine Leidenschaft, sich den Mund zu verbrennen, etwas zu wagen – und meistens ist man damit auch erfolgreich“. Oberbürgermeister Peter Feldmann hat es in diesem Jahre sichtlich Freude bereitet, die Begrüßungsrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises zu halten. Souad Mekhennet, die heute als Journalistin für die Washington Post arbeit, hat in Frankfurt Politik studiert und u.a. für die Frankfurter Tagespresse geschrieben, für STERN und ZEIT, sowie für das regionale und überregionale Fernsehen gearbeitet.

Die Kriegsreporterin ist im Frankfurter Nordend als Tochter eines aus Marokko stammenden Kochs und einer aus der Türkei stammenden Wäscherei-Angestellten groß geworden. Weiterlesen

Sich dem Wesentlichen zuwenden

„Denn in Abermillionen Leserkommentaren im Internet wird Börnes Feier des authentischen Schreibens tagtäglich als Aufforderung dazu missverstanden, dass jeder alles aufschreiben und mit allen teilen solle, was ihm so durch die Rübe rauscht. Jeder Brief, jeder Aphorismus, jeder Artikel Börnes lehrt jedoch, dass die Kunst, ein Originalschriftsteller zu werden, nur erlernen kann, der über echte Herzensbildung verfügt, Selbstzweifel und ein kritisches Urteilsvermögen, auf dessen Basis er seinen Assoziationen freien Lauf lässt.“ (Preisträger Florian Illies in seiner Dankesrede anlässlich der Ludwig-Börne-Preisverleihung 2014)

Ob Florian Illies über ausreichende Selbstzweifel verfügt, kann ich nicht sagen, aber dass hier jemand spricht, der sich fürchtet, im Internetzeitalter die Meinungs- und Deutungshoheit zu verlieren, dies ist unschwer zu erkennen. Der französische Soziologe Michel Maffesoli nennt solche Leute „Große Langweiler, die ganz von Ihren Überzeugungen durchdrungen, sich verpflichtet glauben, anstelle der anderen zu denken“. Weiterlesen

Ludwig-Börne-Preisverleihung 2014

„Reichtum macht dein Herz schneller hart, als kochendes Wasser ein Ei.“ (Carl Ludwig Börne, 1786 – 1837)

Paulskirche Ludwig-Börne Preisverleihung 2014
Paulskirche Ludwig-Börne Preisverleihung 2014 – Erste Reihe mit Samuel Korn, Christian Berkel, Andrea Sawatzki und Oberbürgermeister Peter Feldmann

Die Ludwig-Börne-Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche kann ein intellektuelles Highlight sein, zum Beispiel wenn Götz Aly oder Peter Sloterdijk den Preis entgegennehmen und ihre Zuhörer herausfordern. Oder wenn Harald Schmidt eine Laudatio auf Alice Schwarzer hält. Weiterlesen

Ludwig-Börne-Preis 2013

„Modesty is not your main competence“ – diesen Satz würde er gelegentlich von seiner Gattin hören, erwähnte gestern Hans Ulrich Gumbrecht, als er die Laudatio auf den von ihm ausgewählten Ludwig-Börne-Preisträger 2013, Peter Sloterdijk, hielt. Aber wer bescheidene Menschen sehen will, geht an einem solchen Tag auch nicht in die Paulskirche. Der Ludwig-Börne-Preis gilt als die höchste intellektuelle Auszeichnung in Deutschland und wird an Essayisten und Kritiker vergeben. Im vergangenen Jahr erhielt die Auszeichnung der Historiker und FR-Kolumnist Götz Aly. (Zu meinem Artikel über die Preisvergabe 2012 hier klicken)

Der Preisträger wird von einem einzigen – vom Vorstand der Börne-Stiftung bestimmten – Juror nach eigenem Ermessen ausgesucht. Bei der gestrigen Preisverleihung an Peter Sloterdijk fehlten einige vorjährige Preisträger, z.B. Alice Schwarzer, die 2008 von Harald Schmidt ausgewählt wurde, und Hendryk M. Broder. Letzterer ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass er nahezu wahllos Menschen als Antisemiten beschimpft, der jüngste Fall ist Jakob Augstein, der sich von Broder als „antisemitische Dreckschleuder“ bezeichnen lassen musste. Weiterlesen

„Wer nichts ist und wer nichts kann

geht zum Josef Neckermann“.

Diesen Spruch konnte sich mein Vater früher selten sparen, wenn die Rede auf das Unternehmen in der Hanauer Landstraße in Frankfurt kam. Heute wäre Josef Neckermann 100 Jahre alt geworden. (Link zum Wikipedia-Eintrag)

Jens Jessen hat am Sonntag bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises über das Ende des Dritten Reiches und den Beginn der Bundesrepublik gesagt: „Es gab keine Stunde Null. Es gab den Bruch nicht, nicht im politischen Personal und nicht in der Gesellschaft.“

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Börne-Preisträger Götz Aly: Das Böse kann aus dem Guten kommen

„Die nationalsozialistische Steuerreform von 1934 schuf die Grundlagen unseres heutigen Steuersystems vom Ehegattensplitting über Kinderfreibeträge bis zu den Steuerklassen. Dasselbe gilt für den Mieter- und Kündigungsschutz. Ende 1941 hat Hitler auf einen Schlag die Rente um 15 Prozent erhöht, ohne die aktiven Arbeitnehmer mit höheren Beiträgen zu belasten. (…) Beängstigend bleibt doch, dass es auf dieser Grundlage möglich war, Millionen Nichtnazis mit dem Regime halbwegs zu versöhnen, Massenloyalität und ein weit verbreitetes Stillhalten buchstäblich zu erkaufen – mit uns heute geläufigen sozialpolitischen Mitteln. Kann nicht auch heute noch eine korrupte, gewissenlose Regierung ihre Majorität mit Hilfe sozialer Wohltaten sichern? Wir müssen uns selbstkritisch die Frage stellen, wie wir heute ­reagieren, wenn man uns politische Geschenke auf Kosten anderer macht.“
(Götz Aly im Gespräch mit Michael Wiederstein, erschienen im „Schweizer Monat“, Juni 2012 klick hier)

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