Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

„Ich würde mich auch gern so aufregen wie du“ – sagte vor fast dreißig Jahren meine Tischnachbarin Inge in der Abendgymnasiumsklasse, als ich mal wieder mit dem Mathelehrer über das „unvermeidbare Restrisiko“ stritt und weiter: „Aber ich darf nicht, ich habe multiple Sklerose.“ Worauf sie nicht verzichten wollte, war ein Kind. Da studierten wir schon jede an einer anderen Uni. Die stille Inge lebt schon lange nicht mehr.

Ich aber führe mich gelegentlich immer noch auf wie das in meiner Kindheit berühmte HB-Männchen. Mein Vater, der selbstverständlich HB rauchte, nahm sich das Männchen als positives Vorbild. Kindheit prägt.
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Erinnerung

Beim Aufräumen der Kommode habe ich ein paar dicke Socken gefunden, die mir vor fünf Jahren mein Bruder geliehen hat, dicke schwarze Männersocken. Es war an einem Freitag, als mich meine Mutter um die Mittagszeit im Büro anrief und sagte, du solltest nach Hause kommen. Der Arzt meinte, es könnte heute soweit sein. Ich fuhr mit S-Bahnen und Bus von Offenbach in die Wetterau, und hatte dadurch genügend Zeit mich vorzubereiten. Als ich im Elternhaus ankam, waren alle Geschwister da und auch die Enkel meines Vaters. Er lag in seinem medizinischen Bett im Wohnzimmer. Seit einem halben Jahr lag er so, mit Blick in den Garten. Jetzt atmete er laut und rasselnd. Mein Neffe hielt die rechte, ich an der anderen Seite des Bettes die linke Hand des Sterbenden. Jemand weinte. Ich fror. Weiterlesen

Die Läden meiner Kindheit: Von Caspari zu Toom

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In meiner frühen Kindheit war Einkaufen gehen kein Stress. Ich lief an der Hand meiner Mutter ein Stück die Gangstraße entlang, links lag die Einfahrt des Getränkehändlers, wo sich der Modergeruch des Kellergewölbes mit dem Duft von Apfelsaft mischte. (Damals trank kein Mensch Apfelschorle, warum den Gödderdroppe verdünnen? Diese Unart wurde von den Zugezogenen in den 90ern eingeführt, weil zuviel Zucker nicht gesund ist für den dauernuckelnden Nachwuchs.)

Geradeaus der Weiße Turm, bei dessen Anblick ich mich täglich fragte, ob die Prinzessin noch im Turm eingesperrt war oder schon befreit wurde. Im Laden von Caspari kaufte meine Mutter sich kleine Nescafe-Döschen für 20 Pfennig. Gegenüber war ein Gemüseladen, der nach frischem Obst und gerade weggefegtem leicht angefaultem Gemüse roch. (In der Frankfurter Kleinmarkthalle kann man diesen Geruch noch finden.)

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Robuste Zivilität – Frankfurter Buchmesse 2016 (3)

Die Qualität der Kommunikation bestimmt die Qualität unseres Lebens“ (Bernhard Pörksen)

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Starke Frauen sind auf dem Podium des Vorwärts-Stands nicht allzu häufig anzutreffen: Ein Highlight war am Freitag das Gespräch zwischen IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter und dem SPD-Politiker Matthias Machnig. Letzerer hatte tatsächlich Hofstetters Buch „Das Ende der Demokratie“ gelesen und war an einer Auseinandersetzung interessiert.

„Die großen Technologieunternehmen, die Internet-Giganten aus den USA verändern unsere Gesellschaft hin zum Informations- und Überwachungskapitalismus – ohne das wir darüber politisch entschieden haben. Google, Whatsapp etc. sind dabei unser Leben komplett zu verändern, diese Unternehmen kommen aus einem Land mit einem völlig anderen Verfassungsverständnis. Es ist keine Privatsache, wenn User mit einem Häkchen ihre Verfassungsrechte freiwillig preisgeben“, erklärte Hofstetter.

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Nicht nur Aliens – Frankfurter Buchmesse 2016 (2)

Schon am zweiten Tag nervt mich die Buchmesse. Alles trödelt, steht links auf der Rolltreppe oder plaudert in Grüppchen an Engstellen, während ich versuche, in fünf Minuten durch zwei Hallen von einer zur nächsten Veranstaltung zu kommen.

Nicht aufgeben – anpassen, heißt die Devise, also recke ich mich auf meine vollen 1,71 Meter, schreite mit steinernem Blick durch die Mitte des Ganges, als mir mein Ebenbild entgegenkommt, ebenso rothaarig und fest entschlossen, nur 25 Jahre jünger. Weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2016 (1): Meinungsfreiheit und Populismus

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Unter dem Motto „Für das Wort und die Freiheit“ lud der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse drei Gäste auf sein Podium: Khola Maryam Hübsch, Autorin des Buches „Unter dem Schleier die Freiheit“ (Link zur Besprechung von Antje Schrupp), Schriftsteller und Kabarettist Tom Lanoye und den niederländischen Autor Frank Westerman. Die Diskussion zeigte einmal mehr, was die Populisten in den letzten Jahren angerichtet haben: Die Meinungsfreiheit ist in Verruf geraten.
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„Wie wir leben wollen“

„Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass sich immer mehr Menschen in einem Modus der Bestürzung und Lähmung befinden.“ (Geoffrey de Lagasnerie und Eduard Louis: Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive)

Das Manifest der beiden jungen Franzosen ist bereits vor einem Jahr in Frankreich erschienen und wurde in deutscher Übersetzung im Band „Wie wir leben wollen – Texte für Solidarität und Freiheit“ (Hrsg. Matthias Jügler, Suhrkamp) veröffentlicht. Das kurze Manifest nennt vier Prinzipien, um die intellektuell-politische Szene neu zu definieren:

1. Das Prinzip der Verweigerung bedeutet, sich nicht zum Komplizen bestimmter Ideologen zu machen, in dem man ihnen Gesprächsbereitschaft signalisiert. Kein (Mit-)Reden über Volk, Nation, nationale Souveränität sondern über Ausbeutung, Gewalt, Unterdrückung etc.
2. Das Prinzip des Benennens heißt z.B., einen Nazi als Nazi zu bezeichnen.
3. Das Prinzip der Neuzuteilung der Schande ist der Versuch, die Hasser und Hetzer zum Schweigen zum bringen, in dem man ihnen Verachtung zeigt.
4. Das Prinzip der Intervention: „Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken.“

Ich bin nicht ganz überzeugt, dass diese Prinzipien hilfreich sind, aber davon, dass wir uns verhalten müssen, wenn wir aus der,  durchaus auch von mir so empfundenen, Lähmung herausfinden wollen. Seit kurzer Zeit reagiere ich z.B. auf hetzerische Tweets, einfach, weil ich denen das Feld nicht überlassen will. Ob es Sinn macht, den Pöbel als Pöbel zu bezeichnen? Meist pochen die Kritisierten auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, obwohl damit gar nicht das Recht auf Beleidigung gemeint ist – die wird nach § 185 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet. Das juckt aber im Netz kaum einen. Aber reden wir nicht von Idioten.

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