Lesen: Takis Würger und Eva Menasse

Der Name Takis Würger ist mir erstmals vor ein paar Monaten aufgefallen, es war in Gelnhausen, einem kleinen Städtchen mit schöner Fachwerk-Altstadt und einer Buchhandlung, in deren Auslage Arno Schmidt neben Ernst Jünger lag; an der Tür klebte ein Plakat, das ein Lesung mit dem Autor von „Stella“ ankündigte.

Ein paar Wochen später in einer Buchhandlung in Sachsenhausen hielt ich das Buch „Der Club“ von Takis Würger in der Hand. Mir gefiel das Layout mit dem blau-schwarz-grauen Schmetterlingsflügel, aber bevor ich mich in den Klappentext einlesen konnte, sprach mich das Buchhändlerpaar an und erzählte vom Aufruhr im deutschen Feuilleton um das neue Buch des Autors „Stella“. Die Buchhändler sagten, sie verstünden den Streit nicht, schließlich handele es sich um einen Roman, der sich an der historischen Figur der Jüdin Stella Goldschlag orientiere und nicht um ein Sachbuch oder eine Biographie.
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Richter und Richterinnen im Ehrenamt

„Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Dass du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebenso umgekehrt sein.
(…)
Wenn du Geschworener bist, vergewissere dich vor der Sitzung über die Rechte, die du hast: Fragerechte an den Zeugen und so fort.
(…)
Sieh im Richter zweierlei: den Mann, der in der Maschinerie der juristischen Logik mehr Erfahrung hat als du – und den Fehlenden aus Routine.“

(Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke)

Im Januar hat die neue Amtsperiode der ehrenamtlichen RichterInnen begonnen. Fünf Jahre sitzen sie nun in Schöffengerichten von Amts- und Landgerichten neben den Berufsrichtern und fällen gleichberechtigt mit diesen – hoffentlich gerechte – Urteile gegen straffällig gewordene Menschen.

Recht ist seit jeher an die Legitimation durch das Volk gebunden, in England wurde schon 1215 mit der „Magna Charta Libertatum“ die Beteiligung des Adels an der Gerichtsbarkeit eingeführt, in Frankreich wurde das Schöffengericht 1791 durchgesetzt, mit der Paulskirchenverfassung 1849 wurde auch in Deutschland die Beteiligung des Volkes an der Rechtsprechung erkämpft.

Dass Schöffengerichte dennoch manchen Anfeindungen ausgesetzt sind, hat mit einem falschen Verständnis der Aufgabe des Richters zu tun. So bezeichnet der Gerichtsreporter der Frankfurter Rundschau Stefan Behr die Schöffen als „stumme Knetmännchen“ und fragt ironisch, warum man das System der Schöffen nicht auf andere Berufe wie Ingenieure oder Bankvorstände ausweitet. Das zeigt ein erstaunlich technokratisches Bild von der Rechtsprechung. Anders als ein Ingenieur kann ja der Richter nicht berechnen, ob ein Zeuge oder Angeklagter glaubwürdig ist. Hier zählt vielmehr Menschenkenntnis und Lebenserfahrung.

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Den Ton getroffen – Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Das Mädchen Gönke war ein zorniges Baby und ein wutschnaubendes Kind, sie fühlte sich von Beginn an fehl am Platz, in der Familie, in dem kleinen Dorf in der norddeutschen Provinz. Sobald sie konnte, verließ sie diesen Ort und kam nie wieder. Anders ihr Schulfreund Ingwer – der Protagonist in Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“, er kommt zurück nach Brinkebüll. Lässt sich von der Uni Kiel für ein Jahr beurlauben, um seine Großeltern zu pflegen, die ihn an Eltern statt großgezogen haben. Ein nachdenklicher Mann, 48 Jahre alt, bedächtig, still, bescheiden, der nach 25 Jahren in einer Dreier-WG mit Ragnhild und Claudius zu zweifeln beginnt, ob er so weiterleben will.

Buchmesse 2018: Dörte Hansen auf der SPIEGEL-Bühne
(Foto: Carmen Treulieb)

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Narrative der Bürgerlichen

„Wo steckt die gute Hausfrau?“ – fragt heute Rainer Hank in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Hier!“ – wollte ich ihm per Twitter mitteilen (womit auch geklärt wäre, warum im Blog so wenig los ist). Gerade hatte ich die grünen Bohnen gekocht und eiskalt abgeschreckt, anschließend mit Vinaigrette, einer roten Zwiebel und etwas Bohnenkraut vom Balkon vermischt und dann auf die Küchenfensterbank gestellt, wo der Salat bis heute Abend durchziehen kann. Dazu gibt es Schweinekotelett (schließlich wird Weihnachten noch teuer genug!) und Bratkartoffeln.

Aber dann dachte ich, komm, blog mal wieder, bei diesem Regenwetter ist auf dem Weihnachtsmarkt in meinem Stadtteil sowieso nix los.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist seit einigen Jahren meine Lieblingszeitung und die einzige, die ich noch auf Papier lese. Es schreiben wunderbare Autoren bei der FAS, z.B. Friederike Haupt, Antje Schmelcher und Patrick Bahners. Rainer Hank, der bis vor kurzem das Wirtschafts- und Finanzressort der FAS geleitet hat, meldet sich nur noch einmal wöchentlich aus dem Ruhestand in der neuen Rubrik „Hanks Welt“. Heute erzählt er – inspiriert von der Verlegerin Anne Burda, über die gerade ein Zweiteiler im TV lief – vom Ende der Hausfrau. In seiner Kindheit in den 60er Jahren sei es niemandem peinlich gewesen, dass die eigene Mutter Hausfrau sei. Schließlich sei das eine verantwortungsvolle Position gewesen; seine Mutter sei in den 30er Jahren bei einer bürgerlichen Familie in der Schweiz „in Stellung“ gewesen und habe eine ordentliche Aussteuer in die Ehe eingebracht, was durchaus zu ihrem Stolz beigetragen habe.

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Richtfest der Harheimer Unterkunft

Erfreuliche Nachrichten hatten die Frankfurter Dezernenten Mike Josef (Planen, Bauen) und Daniela Birkenfeld (Soziales) beim heutigen Richtfest in Harheim zu melden: Alle Klagen gegen das Bauprojekt wurden beigelegt bzw. zurückgezogen. Das ist ein gutes Zeichen für ein ursprünglich umstrittenes Projekt (siehe meine Post Harheim – ein Paradies in Frankfurt vom 22.1.2016). Neben einem Wohnriegel für ca. 90 Geflüchtete sieht das Gebäude einen Trakt für gemeinschaftliches Wohnen sowie für Betreutes Wohnen vor. Ende des Jahres können die ersten Menschen einziehen.

Der katholische Pfarrer brachte Brot und Salz mit.
Zum Reden mussten alle ins Gebälk aufsteigen

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