Erstes autofreies Wohngebiet in Frankfurt

„Schade, dass die schwarz-grüne Stadtregierung nicht die Gelegenheit zu einem wirklichen Zukunftsprojekt genutzt hat und das Neubaugebiet zum autofreien Viertel erklärt hat. Für ein solches ökologisches Vorzeigemodell wäre das Neubaugebiet „Am Eschbachtal – Harheimer Weg“ bestens geeignet: Neben der perfekten Verkehrsanbindung verfügt der Stadtteil über gute Nahversorgung und eine fußnahe Kinderbetreuung.“

Das habe ich im Dezember 2013 hier geschrieben. Das Baugebiet ist seit 40 Jahren geplant, es wurde aus verschiedenen Gründen immer wieder verschoben, weil es dringendere Bauprojekte gab oder weil die Prognosen davon ausgingen, dass die Menschen die Städte verlassen würden. In den letzten sechs Jahren war es das Verdienst einer kleinen Anwohnerinitiative, die mit viel PR den Bau des Wohngebiets verhindern konnte. Man könnte fast meinen, die Politik hatte Angst vor dieser kleinen Gruppe älterer Herren mit Flipcharts, eine andere Erklärung wäre, dass die Initiative hochrangige Fürsprecher im Römer hat.
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Ludwig-Börne-Preis 2019 – Eva Menasse fürchtet das Internet

Solange Kopf und Herz vom Alten besetzt sind, findet das Neue keinen Platz. (Ludwig Börne)

Eines Abends vor circa 25 Jahren bin ich zum Wasserhäuschen in meiner Straße gegangen, um eine Packung Erdnüsse zu kaufen. Während ich wartete bis ich an die Reihe kam, hörte ich einem Gespräch von zwei Thekenstehern zu, sie pöbelten über Ausländer. Als ich meine Nüsse hatte, drehte ich mich zu den Männern um und sagte: „Schämen Sie sich nicht? Der Mann, an dessen Theke Sie gerade Ihr Bier trinken, ist auch Ausländer.“ Das Geschrei der beiden Männer hinter meinem Rücken hörte ich noch an der Haustür.

An diese lang zurückliegende Begebenheit musste ich gestern in der Paulskirche denken. Die Bier trinkenden Männer dachten, sie wären unter sich, aber sie bewegten sich in einer kleinen Öffentlichkeit. Nicht anders ist das heute auf Facebook oder Twitter.

Ginge es nach Florian Illies, dem Laudator des Ludwig-Börne-Preises 2019 und der Preisträgerin Eva Menasse (eine wunderbare Autorin!) gäbe es kein Twitter, keine Blogs, kein Facebook. Die schöne alte Öffentlichkeit wäre noch organisiert wie eine Preisverleihung in der Paulskirche: Jovial, selbstgewiss und von oben herab verkündet (meistens) ein Mann von publizistischem Rang, wie die Herren und Damen im Publikum die Welt zu sehen haben. Der Laudator bestimmt beim Börne-Preis allein den oder die PreisträgerIn. Illies hat diese Macht genutzt, seine Kritik an der neuen digitalen Welt, die er bereits 2014 in der Paulskirche vorgetragen hat, zum Hauptthema dieses Vormittags zu machen.

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Verkehrspolitik in Frankfurt – Alles eine Frage der Wahrnehmung

Engagierte Verfechterin des Nahverkehrs oder Querulantin? Alles eine Frage der Wahrnehmung und die ist in der Regel durch eigene Interessen gesteuert. Hier der eigennützige Anspruch des Fahrgastes in angemessener Zeit zum Ziel zu kommen, dort der verständliche Wunsch des Verkehrsunternehmens nach möglichst guter PR.

In Frankfurt-Harheim ist der Busverkehr immer wieder ein Thema. Wir zahlen den gleichen Preis fürs Ticket (90 Euro im Monat) wie die Innenstädter, bekommen dafür aber nur alle 30 Minuten einen Bus vorbei geschickt (außer in den Berufspendlerzeiten). Der Bus ist oft zu spät, was ziemlich blöd ist, weil dann der Anschluss an den städtischen Schienenverkehr verpasst wird. Wer kann, fährt mit dem Rad zur S-Bahn oder U-Bahn-Haltestelle, aber die vielen alten Leute in meinem Stadtteil können das nicht. Darum bleibe ich an dem Thema dran, schreibe gelegentlich meine Beschwerdemails an Traffiq, dem in Frankfurt für den Busverkehr zuständigen Verkehrsunternehmen und sage zu, wenn die Presse mal wieder jemanden sucht, der sich vor einem Bus ablichten lässt, um einen Artikel über den schlechten ÖPNV in Harheim zu illustrieren.

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Lesen: Takis Würger und Eva Menasse

Der Name Takis Würger ist mir erstmals vor ein paar Monaten aufgefallen, es war in Gelnhausen, einem kleinen Städtchen mit schöner Fachwerk-Altstadt und einer Buchhandlung, in deren Auslage Arno Schmidt neben Ernst Jünger lag; an der Tür klebte ein Plakat, das ein Lesung mit dem Autor von „Stella“ ankündigte.

Ein paar Wochen später in einer Buchhandlung in Sachsenhausen hielt ich das Buch „Der Club“ von Takis Würger in der Hand. Mir gefiel das Layout mit dem blau-schwarz-grauen Schmetterlingsflügel, aber bevor ich mich in den Klappentext einlesen konnte, sprach mich das Buchhändlerpaar an und erzählte vom Aufruhr im deutschen Feuilleton um das neue Buch des Autors „Stella“. Die Buchhändler sagten, sie verstünden den Streit nicht, schließlich handele es sich um einen Roman, der sich an der historischen Figur der Jüdin Stella Goldschlag orientiere und nicht um ein Sachbuch oder eine Biographie.
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Richter und Richterinnen im Ehrenamt

„Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Dass du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebenso umgekehrt sein.
(…)
Wenn du Geschworener bist, vergewissere dich vor der Sitzung über die Rechte, die du hast: Fragerechte an den Zeugen und so fort.
(…)
Sieh im Richter zweierlei: den Mann, der in der Maschinerie der juristischen Logik mehr Erfahrung hat als du – und den Fehlenden aus Routine.“

(Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke)

Im Januar hat die neue Amtsperiode der ehrenamtlichen RichterInnen begonnen. Fünf Jahre sitzen sie nun in Schöffengerichten von Amts- und Landgerichten neben den Berufsrichtern und fällen gleichberechtigt mit diesen – hoffentlich gerechte – Urteile gegen straffällig gewordene Menschen.

Recht ist seit jeher an die Legitimation durch das Volk gebunden, in England wurde schon 1215 mit der „Magna Charta Libertatum“ die Beteiligung des Adels an der Gerichtsbarkeit eingeführt, in Frankreich wurde das Schöffengericht 1791 durchgesetzt, mit der Paulskirchenverfassung 1849 wurde auch in Deutschland die Beteiligung des Volkes an der Rechtsprechung erkämpft.

Dass Schöffengerichte dennoch manchen Anfeindungen ausgesetzt sind, hat mit einem falschen Verständnis der Aufgabe des Richters zu tun. So bezeichnet der Gerichtsreporter der Frankfurter Rundschau Stefan Behr die Schöffen als „stumme Knetmännchen“ und fragt ironisch, warum man das System der Schöffen nicht auf andere Berufe wie Ingenieure oder Bankvorstände ausweitet. Das zeigt ein erstaunlich technokratisches Bild von der Rechtsprechung. Anders als ein Ingenieur kann ja der Richter nicht berechnen, ob ein Zeuge oder Angeklagter glaubwürdig ist. Hier zählt vielmehr Menschenkenntnis und Lebenserfahrung.

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Den Ton getroffen – Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Das Mädchen Gönke war ein zorniges Baby und ein wutschnaubendes Kind, sie fühlte sich von Beginn an fehl am Platz, in der Familie, in dem kleinen Dorf in der norddeutschen Provinz. Sobald sie konnte, verließ sie diesen Ort und kam nie wieder. Anders ihr Schulfreund Ingwer – der Protagonist in Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“, er kommt zurück nach Brinkebüll. Lässt sich von der Uni Kiel für ein Jahr beurlauben, um seine Großeltern zu pflegen, die ihn an Eltern statt großgezogen haben. Ein nachdenklicher Mann, 48 Jahre alt, bedächtig, still, bescheiden, der nach 25 Jahren in einer Dreier-WG mit Ragnhild und Claudius zu zweifeln beginnt, ob er so weiterleben will.

Buchmesse 2018: Dörte Hansen auf der SPIEGEL-Bühne
(Foto: Carmen Treulieb)

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