Gescheiterte Dichterkarriere

Ich weiß nicht mehr, ob die Anzeige im Pflasterstrand (Vorgänger der Frankfurter Monatszeitschrift „Journal“) oder in der Emma stand, vielleicht auch in der Courage. Letztere galt als die intellektuellere der beiden bundesweit erscheinenden feministischen Zeitungen – heute würde ich sagen, Courage hatte vor allem mehr Schwurbelpotential. Frauen die Courage lasen, glaubten an Avalon, Mystik und daran, dass Frauen die besseren Menschen waren. Ich vermute, der esoterische Arm der Frauenbewegung hat einen großen Anteil daran, dass es heute soviel Geistheilerinnen, Engels- und Craniosacral-Gläubige, Heilpraktikerinnen etc. gibt.

Die Anzeige erschien also 1982 oder 1983, darin wurde nach Gedichten für eine Veröffentlichung gesucht. Liebe LeserInnen, seid ehrlich: Habt Ihr mit 20 Gedichte geschrieben?

Ich hatte schon mit 12 mit dem Schreiben angefangen:

(Vorbei ist vorbei
die Welt bricht entzwei
die Liebe verschwindet
Wer heute sich bindet
ist morgen allein
)

Nicht lachen!

Tatsächlich habe ich den Packen Gedichte aus meiner Jugend aufgehoben. Allerdings sind sie so sentimental, dass ich es hier bei obigem Frühwerk belasse.

Ich schickte also ein paar Blätter mit meinen Gedichten los, die Adresse war in Hildesheim, aufgrund des Vornamens dachte ich, die Anzeige sei von einer Frau. An den folgenden Briefwechsel erinnere ich mich nicht, aber irgendwann kam eine Ankündigung mit Terminvorschlag, dass im Sommer eine Reise des Herausgebers geplant sei zu allen Dichtern und Dichterinnen.

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Rückblick 2020

Als hätte mich eine eigenartige Starre erfasst, die nur Corona wahrnehmen kann (Kaninchen-Schlange-Syndrom) – so kommt mir mein Leben im Jahr 2020 vor. Aber so war es natürlich nicht.

Im Januar habe ich wie jedes Jahr ein paar gemütliche Tage in Bad Wildungen verbracht und dann die Reisen geplant, die folgen sollten, u.a. eine Bahnreise über Dänemark nach Norwegen. Die fiel selbstverständlich aus.

Im Februar große Aufregung, weil mich der stellvertretende Vorsitzende der Harheimer CDU, Dr. Frank Somogyi, auf Unterlassung verklagt hat. Nicht, weil ich ihn als Protagonisten einer Initiative gegen die Flüchtlingsunterkunft in unserem Stadtteil benannt habe, sondern wegen eines unbedeutenden Nebensatzes. (Siehe hier: KLICK) Mein Anwalt war dagegen, dass ich die Unterlassungserklärung unterschreibe, aber den angefochtenen Halbsatz zu unterlassen, hat mir nicht wehgetan und es war mir wichtig, dass ich jederzeit die Geschichte erzählen kann, wie ein CDU-Politiker eine Bloggerin verklagt, ohne dass ich Rücksicht auf etwaige Gerichtstermine nehmen muss. Das war mir 480 Euro Anwaltskosten wert, die viel höhere Rechnung seines Anwalts habe ich übrigens nicht bezahlt.

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Grüne Funktionäre in Frankfurt oder „Die Unfähigkeit zu twittern“

Es war eine kleine Sensation in Frankfurt, als die Grünen auf dem Online-Parteitag vor drei Wochen die vorbereitete Kandidatenliste für den Kommunalwahlkampf auf den Kopf gestellt haben. Auf Platz 4 kandidiert, aber nur auf Platz 20 gewählt, wurde der Fraktionsvorsitzende Sebastian Popp, auch die meisten anderen grünen Stadtverordneten landeten weit abgeschlagen. Stattdessen konnten die Sprecher der grünen Jugend Tina Zapf und Emre Telyakar aussichtsreiche Plätze erobern sowie der Höchster Umweltaktivist Thomas Schlimme und der Radentscheid-Aktivist Heiko Nickel.

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Grüne Lunge oder Besitzstandswahrung?

Vor über sieben Jahren lernte ich einen Fotografen aus Bornheim kennen. Er suchte Unterstützung für sein Büro. Ich hatte ein knappes Sabbatjahr hinter mir, mein Kind genoss die entspannte Zeit, ging seltener in den Hort und wir holten uns endlich eine Katze aus dem Tierheim (Scotty). Ich besuchte viele Demos – es war die Hochzeit von occupy und schrieb darüber in diesem Blog.

Besagter Fotograf schaltete also eine Anzeige, die ich las und dabei dachte, warum nicht. Ich war damals gerade 50 geworden, hatte ein Studium und ein erfolgreiches Berufsleben hinter mir und wollte nach der Pause wieder ins Berufsleben einsteigen, wusste aber nicht, wo und wie. Also schickte ich meinen langen Lebenslauf und die Zeugnisse los und es kam wenige Tage später zu einem Bewerbungsgespräch in seinem Fotostudio.

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November-Blues

Ich denke in diesen Tagen oft an den alten Mann aus meinem Stadtteil, der mir jahrelang fast jeden Morgen begegnet ist. Wie in Dörfern üblich haben wir uns gegrüßt, mit wachsender Gewohnheit lächelnd. Er joggte die Runde von Harheim den Berg hoch bis zur Dorfmitte von Berkersheim und lief dann am Reitstall vorbei über den Niddaweg zurück. Irgendwann erfuhr ich, dass der Mann Krebs hat. Er wartete den Krebstod nicht ab.

Eine ehemalige Nachbarin, die Kärtchen mit Sinnsprüchen verschenkte an sympathische Leute, die ihr beim Metzger oder im Netto begegneten, ist vor circa drei Jahren in ein Pflegeheim nach Heddernheim gezogen. Gestern erzählte mir eine andere Nachbarin, dass die alte Dame mit Corona infiziert ist.

Der November wird hart.

Die Verkehrswende entscheidet sich vor unserer Haustür

Ein Trauerspiel: ÖPNV im Frankfurter Norden

Das Leben in Corona-Zeiten ist ja weitgehend frei von Skandalen, aber heute hat es die Frankfurter Stadtpolitik geschafft, mich mal wieder richtig auf Touren zu bringen.

Im vergangenen Dezember hat der Verkehrsdezernent ein Modellprojekt für Ruf- und Sammeltaxis angekündigt, das in den schlecht angebundenen Stadtteilen eingeführt werden soll. (Link zur FNP vom 4.12.2019 ) Gestern Abend verkündete der Dezernent, das Projekt falle den coronabedingten Sparzwängen zum Opfer.

Ich habe deshalb an die Fraktionen in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung geschrieben und bin auf die Reaktionen gespannt: STVV Rufbusse für Blog

Die Verkehrswende fängt vor unserer Haustür an, das haben viele noch nicht begriffen.

Kündigungsschutzklage von Ex-AWO-Vorstand Jürgen Richter zurückgewiesen

ES war ein interessanter Vormittag heute im Arbeitsgericht Frankfurt. Verhandelt wurde die Kündigungsschutzklage von Frankfurter AWO-Ex-Vorstand und Geschäftsführer Jürgen Richter. (Ich habe im Dezember 2019 dazu gepostet: KLICK)

Protest vor dem Arbeitsgericht
(Foto: Carmen Treulieb )

Jürgen Richter hat der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt einen geschätzten finanziellen Schaden von ca. 6,3 Millionen Euro zugefügt. Darunter fallen Abfindungen von einer Million an zwei Mitarbeiter, die das Geschäftsgebaren von Jürgen Richter (AWO-Kreisverband Frankfurt) und seiner Frau Hannelore (Kreisverband Wiesbaden) nicht mittragen wollten. Außerdem Spenden vom Kreisverband Frankfurt an den Kreisverband Wiesbaden in Höhe von 899.000 Euro, teure Reisen (nach Philadelphia, Israel, Türkei, an denen teilweise auch SPD-Stadtverordnete und der Oberbürgermeister teilnahmen), Luxusdienstwagen u.v.m. Neben dem finanziellen Schaden ist der Vertrauensverlust in den Sozialverband und seine Kontrollgremien nicht minder bedeutsam. Das Netzwerk, das Jürgen Richter in 26 Jahren aufgebaut hat, nannte der Anwalt des neuen AWO-Vorstands, Norbert Pflüger, die „Vorstufe zu einer kriminellen Vereinigung“. Erreichen wollte Richter mit seiner Klage, dass er bis zum Beginn der Rente eine jährliche Vergütung von 306.000 Euro erhält, dazu ein extrem hohes Krankengeld.

Vorab: Das Arbeitsgericht hat die Klage abgewiesen, die Kündigung war rechtens. Die richterliche Begründung wird in den nächsten Tagen vorliegen.

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