Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.
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Mehr Parkplätze für Frankfurter Eigenheimbesitzer

fordert die CDU in Harheim. In meinem beschaulichen Stadtteil entsteht aktuell ein neues Wohngebiet. Es liegt mit Blick zur Nidda auf einem ehemaligen Gewerbegelände und ist – ohne allzu lokalpatriotisch klingen zu wollen – eine der schönsten Wohnlagen Frankfurts. Die Reihenhäuser, die hier neu entstehen, kosten ca. 500.000 Euro.

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Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
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Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

„Ich würde mich auch gern so aufregen wie du“ – sagte vor fast dreißig Jahren meine Tischnachbarin Inge in der Abendgymnasiumsklasse, als ich mal wieder mit dem Mathelehrer über das „unvermeidbare Restrisiko“ stritt und weiter: „Aber ich darf nicht, ich habe multiple Sklerose.“ Worauf sie nicht verzichten wollte, war ein Kind. Da studierten wir schon jede an einer anderen Uni. Die stille Inge lebt schon lange nicht mehr.

Ich aber führe mich gelegentlich immer noch auf wie das in meiner Kindheit berühmte HB-Männchen. Mein Vater, der selbstverständlich HB rauchte, nahm sich das Männchen als positives Vorbild. Kindheit prägt.
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Erinnerung

Beim Aufräumen der Kommode habe ich ein paar dicke Socken gefunden, die mir vor sechs Jahren mein Bruder geliehen hat, dicke schwarze Männersocken. Es war an einem Freitag, als mich meine Mutter um die Mittagszeit im Büro anrief und sagte, du solltest nach Hause kommen. Der Arzt meinte, es könnte heute soweit sein. Ich fuhr mit S-Bahnen und Bus von Offenbach in die Wetterau, und hatte dadurch genügend Zeit mich vorzubereiten. Als ich im Elternhaus ankam, waren alle Geschwister da und auch die Enkel meines Vaters. Er lag in seinem medizinischen Bett im Wohnzimmer. Seit einem halben Jahr lag er so, mit Blick in den Garten. Jetzt atmete er laut und rasselnd. Mein Neffe hielt die rechte, ich an der anderen Seite des Bettes die linke Hand des Sterbenden. Jemand weinte. Ich fror. Weiterlesen

Die Läden meiner Kindheit: Von Caspari zu Toom

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In meiner frühen Kindheit war Einkaufen gehen kein Stress. Ich lief an der Hand meiner Mutter ein Stück die Gangstraße entlang, links lag die Einfahrt des Getränkehändlers, wo sich der Modergeruch des Kellergewölbes mit dem Duft von Apfelsaft mischte. (Damals trank kein Mensch Apfelschorle, warum den Gödderdroppe verdünnen? Diese Unart wurde von den Zugezogenen in den 90ern eingeführt, weil zuviel Zucker nicht gesund ist für den dauernuckelnden Nachwuchs.)

Geradeaus der Weiße Turm, bei dessen Anblick ich mich täglich fragte, ob die Prinzessin noch im Turm eingesperrt war oder schon befreit wurde. Im Laden von Caspari kaufte meine Mutter sich kleine Nescafe-Döschen für 20 Pfennig. Gegenüber war ein Gemüseladen, der nach frischem Obst und gerade weggefegtem leicht angefaultem Gemüse roch. (In der Frankfurter Kleinmarkthalle kann man diesen Geruch noch finden.)

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