„Die Wand“ von Marlen Haushofer

Es war im Juni 1985, ich war mit einer Freundin ein paar Tage auf Mallorca und hatte mir als Strandlektüre Marlen Haushofers „Die Wand“ mitgenommen, das gerade in der Ullstein-Reihe „Die Frau in der Literatur“ erschienen war. Aus dem Urlaub zurück, besorgte ich mir alle verfügbaren Haushofer-Titel; die enge Lesebeziehung dauerte mehrere Jahre und mündete schließlich in einer Soziologie-Diplomarbeit mit dem Titel „Über das schrecklich Banale oder das banal Schreckliche eines Frauenlebens. Eine tiefenhermeneutische Analyse des Romans „Die Mansarde“ von Marlen Haushofer.

Inzwischen sind die Buchseiten meiner Haushofer-Romane vergilbt und der Kleber löst sich auf, aber die Bleistift-Striche an den Seiten sind noch zu erkennen:

„Sehr viele Leute, die ich kenne, schienen ihre Uhr als kleinen Götzen zu betrachten, und ich fand das auch immer vernünftig. Wenn man schon in der Sklaverei lebt, ist es gut, sich an die Vorschriften zu halten und den Herrn nicht zu verstimmen.“


„Früher war ich immer irgendwohin unterwegs, immer in großer Eile und erfüllt von einer rasenden Ungeduld, denn überall, wo ich anlangte, musste ich erst einmal lange warten. Ich hätte ebensogut den ganzen Weg schleichen können. Manchmal erkannte ich meinen Zustand und den Zustand unserer Welt ganz klar, aber ich war nicht fähig, aus diesem unguten Leben auszubrechen. Die Langeweile, unter der ich oft litt, war die Langeweile eines biederen Rosenzüchters auf einem Kongress der Autofabrikanten. Fast mein ganzes Leben lang befand ich mich auf einem derartigen Kongress, und es wundert mich, dass ich nicht eines Tages vor Überdruss tot umgefallen bin.“

„Hier eine Katzengeschichte“, mit diesen Worten übergab Marlen Haushofer vor ca. 50 Jahren das Manuskript von „Die Wand“ ihrem Mentor Hans Weigel. Es dauerte über 20 Jahre, bis das Buch ein größeres Lesepublikum fand. Heute ist es eines der Lieblingsbücher der Deutschen.

Der Roman enthält den Bericht einer Frau, die eines Morgens aufwacht und die einzige Überlebende einer Katastrophe zu sein scheint. Umgeben von einer unsichtbaren Wand und mit ein paar Tieren lernt sie zu überleben.

Vor wenigen Tagen habe ich mir die Kino-Verfilmung des Romans angesehen. Wunderbar besetzt mit Martina Gedeck hat Regisseur Julian Roman Pölsler die beste Literaturverfilmung geliefert, die ich kenne.

(Link zu einem Interview der WELT mit Gedeck und Pölsler)

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