Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

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Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.
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Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
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Neujahrswünsche für 2016

Vor elf, zwölf Jahren während eines Urlaubs an der Ostsee, überlegten wir, unser altes Leben hinter uns zu lassen und mit der Tochter, die damals noch in der Krabbelstube war, in den Norden zu ziehen und in einem der Ferienorte am Meer eine Buchhandlung zu eröffnen. Die Idee war keineswegs so spinnert, wie es sich jetzt anhört, da mein Mann einst eine Buchhandelslehre gemacht hat und schon sein ganzes Leben in der Buchbranche arbeitet, ich gerne lese und über Bücher spreche und schreibe.

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Deutscher Buchpreis 2015: Longlist

Heute vormittag wurde die Longlist bekannt gegeben: KLick zum Buchreport

Ich freue mich besonders für Alina Bronsky und Clemens Setz.

Auch Peter Richter hat es mit 89/90 auf die Longlist geschafft. Das Buch steht seit einigen Wochen in meinem Bücherregal. Nach den ersten soeben gelesenen Seiten ist es vielversprechend – es wäre eine wirkliche Sensation, wenn ein Buch, bei dem der Leser etwas zu lachen hat, den Deutschen Buchpreis erhielte.

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Disziplin und gute Bücher

„Warum können wir nicht mehr lesen – Was macht das Digitale mit unserem Gehirn und können uns Bücher davon befreien?“ fragte vor wenigen Monaten Hugh McGuire. André Pleintinger hat den Artikel aus dem Englischen übersetzt, den ich allen (ehemaligen?) Bücher-LeserInnen sehr ans Herz lege. (KLICK)

Auch ich habe in den vergangenen Jahren zahlreiche rationalisierende Argumente für die Tatsache gefunden, dass es mir schwerer fällt, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Wir hängen alle an der Leine und müssen uns mühsam losreißen von der digitalen Sphäre, weil wir sonst etwas wesentliches verlieren: Die Fähigkeit, uns allein mit einem Text ganz in der Welt zu fühlen.

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