Buchmesse 2019

Aktuell beschäftigt mich sehr, wie leichtfertig manche Menschen und politische Bewegungen unsere Demokratie in Verruf bringen – nicht nur von Rechten wird sie derzeit angegriffen, auch die Phantasie der Klimaaktivisten, man müsse die Demokratie außer Kraft setzen, um schneller notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz umsetzen zu können, entsetzt mich.

Gestern habe ich die Buchvorstellung „Energiewende einfach durchsetzen“ beim Vorwärts Verlag besucht. In 10 Jahren, meinte der Autor des Buches, Axel Berg, ließe sich die Energiewende schaffen. Aber „einfach Durchsetzen“ funktioniert nun mal nicht in der Demokratie, darauf hat ihn sein Gesprächspartnern Matthias Miersch hingewiesen, der wenig optimistisch erschien, dass die Gesellschaft, die vor uns liegende Transformation bewältigen kann.

Um zu verstehen, wie es zum Ansehensverlust der Demokratie in Deutschland kommen konnte, und vor allem, warum im Osten so viele Menschen AFD wählen, müssen wir uns mit der Wiedervereinigung oder wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sagt, der „Übernahme“, beschäftigen. Ich empfehle Euch dieses Video, das eine Veranstaltung auf dem Blauen Sofa mit den Autoren Steffen Mau, Kristina Spohr, Katja Oskamp und Ilko-Sascha Kowalczuk zum Thema 30 Jahre Mauerfall zeigt: KLick zum ZDF

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„Vom Ende der Langsamkeit“ – Forscherroman von Ortrud Toker

Frankfurt, 14. September 2019: Anlässlich der Automobilausstellung IAA in Frankfurt demonstrieren 25.000 Menschen für eine Verkehrswende. Darunter sind 18.000 FahrradfahrerInnen, die an einer Sternfahrt teilnehmen, sie radeln u.a. aus Usingen, Königstein, Wiesbaden, Mainz, Groß-Gerau, Mannheim, Aschaffenburg, Hanau, Gelnhausen, Nidderau und Gießen zum Frankfurter Messegelände an, um dort friedlich für eine umweltfreundliche Mobilität zu werben. Im vergangenen Jahr haben sich deutschlandweit Initiativen für besseren Radverkehr in den Städten gegründet, sie initiieren Radentscheide, die die Kommunalpolitik unter Handlungsdruck setzen und fordern mehr Platz für Radfahrer- und FußgängerInnen.

Paris, Sommer 1844: Zwei junge Männer reisen per Postkutsche von Paris nach Berlin. Werner Siemens und sein Reisebegleiter Schwarzlose reden über die neue Kunststraße, die Hamburg Altona mit Kiel verbindet: „Eine beachtliche und aufwändige Ingenieursleistung, alles nur aus gehauenen Steinen gebaut und zudem ein teures Vergnügen, (…) das Chausseegeld wird, soweit ich gehört habe, direkt auf der Straße an den Chausseehäusern erhoben, erst dann öffnet sich der Schlagbaum. Nur was für Leute mit entsprechendem Portemonnaie, also nichts für unsereins.“

„Vom Ende der Langsamkeit“ heißt das Buch von Ortrud Toker, dem das Zitat entnommen ist. In ihrem Forscherroman verknüpft die Frankfurter Kunsthistorikerin die Biographien von mutigen Persönlichkeiten wie Werner von Siemens, Philipp Reis und Bertha und Carl Benz, die mit ihren Erfindungen im 19. Jahrhundert die Vorstellung von Zeit veränderten und die Beschleunigung des Lebens einläuteten. Heute wünschen sich viele umweltbewusste Menschen, dass der Tipping Point der Beschleunigung erreicht ist. Ich hatte großen Spaß bei der Lektüre der Leseprobe, der Roman ist gerade druckfrisch erschienen.

Im Frankfurter Museum für Kommunikation wird Ortrud Toker am 26.9.2019 um 18:30 Uhr aus ihrem Forscherroman lesen. Die Buchpräsentation ist kostenfrei.

Lesen: Takis Würger und Eva Menasse

Der Name Takis Würger ist mir erstmals vor ein paar Monaten aufgefallen, es war in Gelnhausen, einem kleinen Städtchen mit schöner Fachwerk-Altstadt und einer Buchhandlung, in deren Auslage Arno Schmidt neben Ernst Jünger lag; an der Tür klebte ein Plakat, das ein Lesung mit dem Autor von „Stella“ ankündigte.

Ein paar Wochen später in einer Buchhandlung in Sachsenhausen hielt ich das Buch „Der Club“ von Takis Würger in der Hand. Mir gefiel das Layout mit dem blau-schwarz-grauen Schmetterlingsflügel, aber bevor ich mich in den Klappentext einlesen konnte, sprach mich das Buchhändlerpaar an und erzählte vom Aufruhr im deutschen Feuilleton um das neue Buch des Autors „Stella“. Die Buchhändler sagten, sie verstünden den Streit nicht, schließlich handele es sich um einen Roman, der sich an der historischen Figur der Jüdin Stella Goldschlag orientiere und nicht um ein Sachbuch oder eine Biographie.
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Den Ton getroffen – Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Das Mädchen Gönke war ein zorniges Baby und ein wutschnaubendes Kind, sie fühlte sich von Beginn an fehl am Platz, in der Familie, in dem kleinen Dorf in der norddeutschen Provinz. Sobald sie konnte, verließ sie diesen Ort und kam nie wieder. Anders ihr Schulfreund Ingwer – der Protagonist in Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“, er kommt zurück nach Brinkebüll. Lässt sich von der Uni Kiel für ein Jahr beurlauben, um seine Großeltern zu pflegen, die ihn an Eltern statt großgezogen haben. Ein nachdenklicher Mann, 48 Jahre alt, bedächtig, still, bescheiden, der nach 25 Jahren in einer Dreier-WG mit Ragnhild und Claudius zu zweifeln beginnt, ob er so weiterleben will.

Buchmesse 2018: Dörte Hansen auf der SPIEGEL-Bühne
(Foto: Carmen Treulieb)

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Buchmesse 2017: Im eigenen Saft

Bei den aufregenden Events der letzten Tage war ich nicht dabei. Zum Beispiel heute Abend beim Konzert von Udo Lindenberg.

(Danke fürs Foto an ML)

Oder gestern, als Martin Schulz beim Vorwärts Verlag über das Buch von Nils Minkmar (Das geheime Frankreich) sprach. Draußen vor der Halle 3 hörte ich ihn, umgeben von Kameraleuten und Journalisten, über den deutschen Außenminister schimpfen (wer ist das noch mal?). Zu Rafik Schamis Lesung bei der ZEIT war kein Durchkommen und Didier Eribon auf dem Blaue Sofa habe ich auch verpasst.

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Buchmesse 2017 eröffnet mit Sacktuch

Meine Oma, die in den späten 80ern in schlechter Laune verschied, benutzte noch das Wort Sacktuch. Heute sagt jeder Tempo, weil kaum einer mehr ein Taschentuch aus Stoff benutzt. Sacktücher wurden früher den Männern zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt und von den Gattinnen ordentlich heiß gewaschen und gebügelt.

Seit gestern Abend wissen auch jüngere Menschen wieder, was es mit dem Sacktuch auf sich hat: Man kann es in kommunikativ herausfordernden Situationen aus der Hosentasche ziehen und geräuschvoll hinein schneuzen.

Soviel zum Deutschen Buchpreis 2017. Wer mehr darüber wissen will, dem sei der Artikel von Andreas Platthaus in der FAZ empfohlen: „Ihn hat es gerührt, uns geschüttelt“.

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Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

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Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.
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