Hölle Eigentümergemeinschaft

„Die Hölle, das sind die anderen“, schrieb Jean-Paul Sarte 1944 in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“. Der Prototyp der aneinandergeketteten Gruppe von Menschen mit widerstreitenden Interessen – die Eigentümergemeinschaft – gab es damals in Frankreich noch gar nicht, dort wurde der Erwerb von Wohnungseigentum erst 1965 gesetzlich geregelt.

In Deutschland gab es schon um 1900 sogenanntes „Stockwerkseigentum“. Diese Eigentumsform hatte auch den Spottnamen Händelhaus (in Süddeutschland: „Streithäuser“), weil es häufig zu Streit zwischen den Eigentümern kam. Daran hat sich auch heute nichts geändert, auch wenn seit 1951 das Wohnungseigentumsgesetz das Verhältnis der Eigentümer nach innen und außen regelt. Inzwischen verfügen in Deutschland circa 15 Prozent aller Haushalte über eine Eigentumswohnung. Das heißt, fast 6 Millionen Haushalte finden sich – meist ziemlich unvorbereitet – in dieser Zwangsgemeinschaft zusammen.

Nötig ist in den meisten Wohnanlagen die Bestellung eines Hausverwalters. Bisher müssen diese keinerlei Qualifikation nachweisen: „Jeder, der sich berufen fühlt, kann dieses Amt ausüben – soweit er eine WEG findet, die ihn bestellt. Da WEGs häufig nicht wissen, wie sie eine fachlich qualifizierte und engagierte Verwaltung finden können, war es bisher für viele berufliche Quereinsteiger kein Problem, in dieses „freie“ Berufsfeld einzusteigen. Frei nach dem Motto: Wer nichts wird, wird nicht Wirt, sondern Verwalter!“ schreibt der Verbraucherschutzverein Wohnen im Eigentum. (KLICK)

Ein Gesetz soll das jetzt ändern. Doch auch zukünftig dürfte es gerade für kleine Eigentümergemeinschaften schwer sein, eine Hausverwaltung zu finden, die eine ordentliche Buchhaltung führt, die die Gesetzeslage kennt und also unterscheiden kann, welche Kosten die Gemeinschaft und welche der einzelne Eigentümer trägt, und die die Beschlüsse der Gemeinschaft zügig umsetzt.

Einmal im Jahr findet die Eigentümerversammlung statt. Sie ist das oberste Beschluss-, Willensbildungs- und Selbstverwaltungsorgan der Wohnungseigentümergemeinschaft. Beschlüsse, die mit Mehrheit gefasst werden, können innerhalb von vier Wochen beim Amtsgericht angefochten werden. Ein guter Hausverwalter ist in der Lage, falsche Beschlüsse der Gemeinschaft und damit teure Klagen zu verhindern.

In meiner Inszenierung der „Geschlossenen Gesellschaft“ spielen folgende Prototypen mit:

– Der/die Habsüchtige: Mit allen Mitteln, auch unlauteren, versucht diese Person, eigene Kosten von der Gemeinschaft zahlen zu lassen (funktioniert bestens im Zusammenspiel mit unprofessionellen Hausverwaltern).

– Die/der Unwissende: Liest und prüft keine Jahresabrechungen und wartet in der Versammlung ab, welche Mehrheiten sich abzubilden scheinen und entscheidet dann spontan.

– Der/die Achtsame: Benutzt auch in sachlichen Diskussionen vorrangig die rechte Gehirnhälfte. Will gern noch mal über alles ausführlich reden, hat aber leider die Fakten grad nicht parat.

– Der/die Buchhalter: Prüft alle Kontoauszüge, Rechnungen, Kostenvoranschläge, fragt akribisch nach, findet aber dennoch oft keine Mehrheit.

– Die Krawallschachtel: Will grundsätzlich Ordnung in den Laden bringen und schreckt auch vor Klagewellen nicht zurück.

Eine Komödie wird dieses Stück nicht.

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3 thoughts on “Hölle Eigentümergemeinschaft

  1. Andreas 16. März 2017 / 14:03

    … und wenn dann auch noch gegrillt wird …:

    Ich finde die Vollversion des Zitats von Jean-Paul Sarte ja noch besser:

    „Pas besoin de gril : l’enfer, c’est les Autres.“

  2. Carmen 16. März 2017 / 14:08

    Von meinem Schulfranzösisch ist leider nichts mehr übrig…

    • Andreas 16. März 2017 / 14:17

      „Kein Bedarf an einem Grill: die Hölle, das sind die Anderen“

      oder vielleicht:

      „Es braucht keinen Grill: …“

      ( Französisch kann ich auch nicht … man übersetzt sich so durch … hoffentlich richtig )

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