Gut gescheitert

„Wenn nur noch das Gelingen zählt, wird jedes Misslingen zur schlimmen Störung. Wenn schon das Kleinkind nie hinfallen soll, wird es nie aufstehen lernen und den kleinsten Kratzer als Katastrophe werten. Wenn das Schulkind nach einer misslungenen Arbeit immer nur für sein „großes Potential“ gelobt wird, wird es nie Niederlagen wegstecken können.“ (Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid in dem schönen Audio zum Thema Scheitern auf swr: KLICK )

Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

Weiterlesen

Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
Weiterlesen

Robuste Zivilität – Frankfurter Buchmesse 2016 (3)

Die Qualität der Kommunikation bestimmt die Qualität unseres Lebens“ (Bernhard Pörksen)

yvonne-hofstetter

Starke Frauen sind auf dem Podium des Vorwärts-Stands nicht allzu häufig anzutreffen: Ein Highlight war am Freitag das Gespräch zwischen IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter und dem SPD-Politiker Matthias Machnig. Letzerer hatte tatsächlich Hofstetters Buch „Das Ende der Demokratie“ gelesen und war an einer Auseinandersetzung interessiert.

„Die großen Technologieunternehmen, die Internet-Giganten aus den USA verändern unsere Gesellschaft hin zum Informations- und Überwachungskapitalismus – ohne das wir darüber politisch entschieden haben. Google, Whatsapp etc. sind dabei unser Leben komplett zu verändern, diese Unternehmen kommen aus einem Land mit einem völlig anderen Verfassungsverständnis. Es ist keine Privatsache, wenn User mit einem Häkchen ihre Verfassungsrechte freiwillig preisgeben“, erklärte Hofstetter.

Weiterlesen

Nicht nur Aliens – Frankfurter Buchmesse 2016 (2)

Schon am zweiten Tag nervt mich die Buchmesse. Alles trödelt, steht links auf der Rolltreppe oder plaudert in Grüppchen an Engstellen, während ich versuche, in fünf Minuten durch zwei Hallen von einer zur nächsten Veranstaltung zu kommen.

Nicht aufgeben – anpassen, heißt die Devise, also recke ich mich auf meine vollen 1,71 Meter, schreite mit steinernem Blick durch die Mitte des Ganges, als mir mein Ebenbild entgegenkommt, ebenso rothaarig und fest entschlossen, nur 25 Jahre jünger. Weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2016 (1): Meinungsfreiheit und Populismus

fuer-das-wort

Unter dem Motto „Für das Wort und die Freiheit“ lud der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse drei Gäste auf sein Podium: Khola Maryam Hübsch, Autorin des Buches „Unter dem Schleier die Freiheit“ (Link zur Besprechung von Antje Schrupp), Schriftsteller und Kabarettist Tom Lanoye und den niederländischen Autor Frank Westerman. Die Diskussion zeigte einmal mehr, was die Populisten in den letzten Jahren angerichtet haben: Die Meinungsfreiheit ist in Verruf geraten.
lanoye-huebsch-westerman

Weiterlesen

„Wie wir leben wollen“

„Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass sich immer mehr Menschen in einem Modus der Bestürzung und Lähmung befinden.“ (Geoffrey de Lagasnerie und Eduard Louis: Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive)

Das Manifest der beiden jungen Franzosen ist bereits vor einem Jahr in Frankreich erschienen und wurde in deutscher Übersetzung im Band „Wie wir leben wollen – Texte für Solidarität und Freiheit“ (Hrsg. Matthias Jügler, Suhrkamp) veröffentlicht. Das kurze Manifest nennt vier Prinzipien, um die intellektuell-politische Szene neu zu definieren:

1. Das Prinzip der Verweigerung bedeutet, sich nicht zum Komplizen bestimmter Ideologen zu machen, in dem man ihnen Gesprächsbereitschaft signalisiert. Kein (Mit-)Reden über Volk, Nation, nationale Souveränität sondern über Ausbeutung, Gewalt, Unterdrückung etc.
2. Das Prinzip des Benennens heißt z.B., einen Nazi als Nazi zu bezeichnen.
3. Das Prinzip der Neuzuteilung der Schande ist der Versuch, die Hasser und Hetzer zum Schweigen zum bringen, in dem man ihnen Verachtung zeigt.
4. Das Prinzip der Intervention: „Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken.“

Ich bin nicht ganz überzeugt, dass diese Prinzipien hilfreich sind, aber davon, dass wir uns verhalten müssen, wenn wir aus der,  durchaus auch von mir so empfundenen, Lähmung herausfinden wollen. Seit kurzer Zeit reagiere ich z.B. auf hetzerische Tweets, einfach, weil ich denen das Feld nicht überlassen will. Ob es Sinn macht, den Pöbel als Pöbel zu bezeichnen? Meist pochen die Kritisierten auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, obwohl damit gar nicht das Recht auf Beleidigung gemeint ist – die wird nach § 185 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet. Das juckt aber im Netz kaum einen. Aber reden wir nicht von Idioten.

Weiterlesen