Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation

In den siebziger Jahren: Ich besuche eine Freundin. Wir sind im Wohnzimmer und reden mit ihrem älteren, etwa 12-jährigen Bruder, der uns kleinen Mädchen imponieren will. Plötzlich kommt der Vater, der in der anderen Ecke des Zimmer auf dem Sofa lag, zu uns und schlägt dem Jungen mit voller Wucht ins Gesicht, weil dieser ein harmloses Schimpfwort benutzt hatte.

Diese Erinnerung fiel mir ein, als ich gestern in der Frankfurter Rundschau den Auszug aus Ingrid Müller-Münchs neuem Buch „Die geprügelte Generation – Rohrstock, Kochlöffel und die Folgen“ gelesen habe.

Seine Kinder zu demütigen und zu schlagen war noch bis weit in die siebziger Jahre „normale“ Erziehungsmethode. Viele geprügelte Kinder haben Jahre und Jahrzehnte gebraucht, um diese Kindheit zu verarbeiten. Manche haben ihre Leben lang darum gekämpft, die Anerkennung zu bekommen, die ihnen als Kind versagt blieb. Möglicherweise ist dies einer der Gründe für den Anstieg von Krankheiten wie Depressionen und Burn-out. Der rasante gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte und die ständig wachsenden Anforderungen z.B. im Berufsleben kann Menschen krank machen, die nicht gelernt haben, sich abzugrenzen. Menschen, deren körperliche Grenzen als Kind regelmäßig missachtet wurden und die durch Demütigungen kein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln konnten, sagen nicht: „Nein, das ist mir zu viel, das schaffe ich nicht.“

„Die Erinnerung daran hat die meisten ihr Leben lang begleitet. Hat bei dem einen das über Jahrzehnte andauernde Gefühl ausgelöst, keiner sieht mich, keiner mag mich, ich bin böse, ich bin ein Nichts! Denn jedes geprügelte Kind schleppt diesen schmerzhaften Ausdruck von Verachtung, der durch einen schlagenden Vater, eine ohrfeigende Mutter ausgedrückt wird, mit sich herum.

Unsicherheit, Vertrauensschwund, mangelndes Selbstbewusstsein, Depressionen und Verlustängste sind oftmals die langanhaltenden Folgeschäden der Misshandlungen, die diese Menschen als Kinder erlitten. Andere haben sich trotzig aufgebäumt, nun erst recht gesagt, und sich einem anstrengenden bewegenden Leben mit der Haltung gestellt: Ich habe die Prügel als Kind überlebt, nun kann mir heute wirklich keiner mehr etwas anhaben! Manch einer befreite sich durch eine Therapie, durch eine besondere Erfahrung, manchmal auch durch das Erleben einer anderen, glücklicheren Kindheit der eigenen Söhne oder Töchter.“ (Ingrid Müller-Münch in „Die geprügelte Generation“)

Am 16.03.2012 stellt Ingrid Müller-Münch im Gespräch mit Andreas Altmann (Autor des Buches: »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend«) auf der lit.COLOGNE 2012 ihr Buch vor. Moderation: Ferdos Forudastan (Journalistin). Um 18:00 Uhr in der Kulturkirche Köln, Siebachstraße 85, 50733 Köln-Nippes.

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3 Gedanken zu “Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation

  1. Monika Leipelt 12. März 2012 / 21:31

    Dann bin ich die erste, der dieser Beitrag gefällt. Höchste Zeit, dieses Tabu zu brechen. Leider kann ich meine Eltern nicht in die Kulturkirche schleppen, um sich anzuhören, was sie ihr Recht fanden.

    Monikamarie

  2. Carmen 13. März 2012 / 08:22

    Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage schlagen noch immer rund 40 Prozent der Eltern zu (FNP vom 12.3.2012).

    Es wird bestimmt ein interessanter und aufwühlender Abend in der Kulturkirche in Köln. Während der letzten Buchmesse habe ich eine Lesung mit Andreas Altmann gehört. Das war sehr berührend.

  3. sweetkoffie 29. August 2012 / 15:38

    schade, leider bin ich jetzt erst auf das Thema gestossen …

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