„Die Rückkehr der Diener“ von Christoph Bartmann

Jammern über lange Supermarktschlangen ist eigentlich obsolet. Sobald vier oder fünf Kunden an der Supermarktkasse stehen, drückt die Kassiererin einen Knopf und es ertönt die Durchsage: „Wir öffnen Kasse 2 für Sie!“

Kürzlich wartete ich an dritter Stelle an der Kasse unseres (einzigen) Dorf-Supermarktes, hinter mir stellten sich zwei Mädels von 9 oder 10 Jahren mit ihren Süßigkeiten an. Es verging keine Minute, da riefen sie: „Hallo, kann man nicht mal ne weitere Kasse aufmachen?“. Die anderen Wartenden ließen die ungeduldigen Mädchen vor. Als ich ein paar Minuten später an ihnen vorbei radelte, warfen sie gerade die Duplo-Verpackung auf den Gehweg und schlenderten weiter.

So ist das also, wenn man in einem der Frankfurter Neubaugebiete groß wird: Diener überall. Eltern, die für eine halbe Million ein Häuschen kaufen, beschäftigen natürlich Personal zum Putzen, Bügeln und Kinder „bespaßen“. Die Männer von der Straßenreinigung, die Frauen an der Supermarktkasse, wahrscheinlich auch die Erzieher im Hort: Für die moderne Mittelklasse, ob alt oder jung, sind das Dienstboten.

Weiterlesen

Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

Weiterlesen

Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.
Weiterlesen

Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
Weiterlesen

Robuste Zivilität – Frankfurter Buchmesse 2016 (3)

Die Qualität der Kommunikation bestimmt die Qualität unseres Lebens“ (Bernhard Pörksen)

yvonne-hofstetter

Starke Frauen sind auf dem Podium des Vorwärts-Stands nicht allzu häufig anzutreffen: Ein Highlight war am Freitag das Gespräch zwischen IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter und dem SPD-Politiker Matthias Machnig. Letzerer hatte tatsächlich Hofstetters Buch „Das Ende der Demokratie“ gelesen und war an einer Auseinandersetzung interessiert.

„Die großen Technologieunternehmen, die Internet-Giganten aus den USA verändern unsere Gesellschaft hin zum Informations- und Überwachungskapitalismus – ohne das wir darüber politisch entschieden haben. Google, Whatsapp etc. sind dabei unser Leben komplett zu verändern, diese Unternehmen kommen aus einem Land mit einem völlig anderen Verfassungsverständnis. Es ist keine Privatsache, wenn User mit einem Häkchen ihre Verfassungsrechte freiwillig preisgeben“, erklärte Hofstetter.

Weiterlesen

Nicht nur Aliens – Frankfurter Buchmesse 2016 (2)

Schon am zweiten Tag nervt mich die Buchmesse. Alles trödelt, steht links auf der Rolltreppe oder plaudert in Grüppchen an Engstellen, während ich versuche, in fünf Minuten durch zwei Hallen von einer zur nächsten Veranstaltung zu kommen.

Nicht aufgeben – anpassen, heißt die Devise, also recke ich mich auf meine vollen 1,71 Meter, schreite mit steinernem Blick durch die Mitte des Ganges, als mir mein Ebenbild entgegenkommt, ebenso rothaarig und fest entschlossen, nur 25 Jahre jünger. Weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2016 (1): Meinungsfreiheit und Populismus

fuer-das-wort

Unter dem Motto „Für das Wort und die Freiheit“ lud der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse drei Gäste auf sein Podium: Khola Maryam Hübsch, Autorin des Buches „Unter dem Schleier die Freiheit“ (Link zur Besprechung von Antje Schrupp), Schriftsteller und Kabarettist Tom Lanoye und den niederländischen Autor Frank Westerman. Die Diskussion zeigte einmal mehr, was die Populisten in den letzten Jahren angerichtet haben: Die Meinungsfreiheit ist in Verruf geraten.
lanoye-huebsch-westerman

Weiterlesen