Buchmesse 2019

Aktuell beschäftigt mich sehr, wie leichtfertig manche Menschen und politische Bewegungen unsere Demokratie in Verruf bringen – nicht nur von Rechten wird sie derzeit angegriffen, auch die Phantasie der Klimaaktivisten, man müsse die Demokratie außer Kraft setzen, um schneller notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz umsetzen zu können, entsetzt mich.

Gestern habe ich die Buchvorstellung „Energiewende einfach durchsetzen“ beim Vorwärts Verlag besucht. In 10 Jahren, meinte der Autor des Buches, Axel Berg, ließe sich die Energiewende schaffen. Aber „einfach Durchsetzen“ funktioniert nun mal nicht in der Demokratie, darauf hat ihn sein Gesprächspartnern Matthias Miersch hingewiesen, der wenig optimistisch erschien, dass die Gesellschaft, die vor uns liegende Transformation bewältigen kann.

Um zu verstehen, wie es zum Ansehensverlust der Demokratie in Deutschland kommen konnte, und vor allem, warum im Osten so viele Menschen AFD wählen, müssen wir uns mit der Wiedervereinigung oder wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sagt, der „Übernahme“, beschäftigen. Ich empfehle Euch dieses Video, das eine Veranstaltung auf dem Blauen Sofa mit den Autoren Steffen Mau, Kristina Spohr, Katja Oskamp und Ilko-Sascha Kowalczuk zum Thema 30 Jahre Mauerfall zeigt: KLick zum ZDF

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Richter und Richterinnen im Ehrenamt

„Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Dass du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebenso umgekehrt sein.
(…)
Wenn du Geschworener bist, vergewissere dich vor der Sitzung über die Rechte, die du hast: Fragerechte an den Zeugen und so fort.
(…)
Sieh im Richter zweierlei: den Mann, der in der Maschinerie der juristischen Logik mehr Erfahrung hat als du – und den Fehlenden aus Routine.“

(Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke)

Im Januar hat die neue Amtsperiode der ehrenamtlichen RichterInnen begonnen. Fünf Jahre sitzen sie nun in Schöffengerichten von Amts- und Landgerichten neben den Berufsrichtern und fällen gleichberechtigt mit diesen – hoffentlich gerechte – Urteile gegen straffällig gewordene Menschen.

Recht ist seit jeher an die Legitimation durch das Volk gebunden, in England wurde schon 1215 mit der „Magna Charta Libertatum“ die Beteiligung des Adels an der Gerichtsbarkeit eingeführt, in Frankreich wurde das Schöffengericht 1791 durchgesetzt, mit der Paulskirchenverfassung 1849 wurde auch in Deutschland die Beteiligung des Volkes an der Rechtsprechung erkämpft.

Dass Schöffengerichte dennoch manchen Anfeindungen ausgesetzt sind, hat mit einem falschen Verständnis der Aufgabe des Richters zu tun. So bezeichnet der Gerichtsreporter der Frankfurter Rundschau Stefan Behr die Schöffen als „stumme Knetmännchen“ und fragt ironisch, warum man das System der Schöffen nicht auf andere Berufe wie Ingenieure oder Bankvorstände ausweitet. Das zeigt ein erstaunlich technokratisches Bild von der Rechtsprechung. Anders als ein Ingenieur kann ja der Richter nicht berechnen, ob ein Zeuge oder Angeklagter glaubwürdig ist. Hier zählt vielmehr Menschenkenntnis und Lebenserfahrung.

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Ludwig-Börne-Preis 2018 an Souad Mekhennet

Oberbürgermeister Peter Feldmann mit Souad Mekhennet, im Hintergrund Michael Gotthelf vom Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung, nach der Preisverleihung

„Es gibt in Frankfurt eine Leidenschaft, sich den Mund zu verbrennen, etwas zu wagen – und meistens ist man damit auch erfolgreich“. Oberbürgermeister Peter Feldmann hat es in diesem Jahre sichtlich Freude bereitet, die Begrüßungsrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises zu halten. Souad Mekhennet, die heute als Journalistin für die Washington Post arbeit, hat in Frankfurt Politik studiert und u.a. für die Frankfurter Tagespresse geschrieben, für STERN und ZEIT, sowie für das regionale und überregionale Fernsehen gearbeitet.

Die Kriegsreporterin ist im Frankfurter Nordend als Tochter eines aus Marokko stammenden Kochs und einer aus der Türkei stammenden Wäscherei-Angestellten groß geworden. Weiterlesen

Buchmesse 2017: Im eigenen Saft

Bei den aufregenden Events der letzten Tage war ich nicht dabei. Zum Beispiel heute Abend beim Konzert von Udo Lindenberg.

(Danke fürs Foto an ML)

Oder gestern, als Martin Schulz beim Vorwärts Verlag über das Buch von Nils Minkmar (Das geheime Frankreich) sprach. Draußen vor der Halle 3 hörte ich ihn, umgeben von Kameraleuten und Journalisten, über den deutschen Außenminister schimpfen (wer ist das noch mal?). Zu Rafik Schamis Lesung bei der ZEIT war kein Durchkommen und Didier Eribon auf dem Blaue Sofa habe ich auch verpasst.

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Frankfurter Buchmesse 2017: Ein Grüner zur Flüchtlingspolitik

Nächstes Jahr wählen wir eine neue oder den alten Oberbürgermeister(in) in Frankfurt. Der amtierende OB Peter Feldmann ist des Öfteren wegen seiner ausufernden Öffentlichkeitsarbeit in der Kritik. Was wir aber an ihm haben, wurde mir gestern bewusst, als ich an zwei Gesprächsterminen mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer teilnahm.

Palmer ist viel auf der Buchmesse unterwegs, um sein Buch „Wir können nicht allen helfen“ vorzustellen. Ich bezweifle nicht, dass viel Wahres in diesem Buch steckt, seine Kritik an den Bauvorschriften etwa, die es unmöglich machen, schnelle und angemessene Flüchtlingsunterkünfte zu bauen. Zwar überrascht es mich, dass ein bekannter Politiker ein Buch schreiben muss, um seine Kritik vorzubringen, anstatt seine politischen Möglichkeiten zu nutzen, um diese Missstände zu ändern – aber vielleicht hören sie in Berlin nicht mehr auf den Grünen aus Süddeutschland. Jürgen Trittin ist zum Beispiel nicht gut auf Palmer zu sprechen und hat am Tag, als dieser sein neues Buch von der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner vorstellen ließ, getwittert: „Wie, hatte @SteinbachErika keine Zeit? Stattdessen nur #BurkaJulia @JuliaKloeckner? Bitter für Boris“


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Buchmesse 2017 eröffnet mit Sacktuch

Meine Oma, die in den späten 80ern in schlechter Laune verschied, benutzte noch das Wort Sacktuch. Heute sagt jeder Tempo, weil kaum einer mehr ein Taschentuch aus Stoff benutzt. Sacktücher wurden früher den Männern zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt und von den Gattinnen ordentlich heiß gewaschen und gebügelt.

Seit gestern Abend wissen auch jüngere Menschen wieder, was es mit dem Sacktuch auf sich hat: Man kann es in kommunikativ herausfordernden Situationen aus der Hosentasche ziehen und geräuschvoll hinein schneuzen.

Soviel zum Deutschen Buchpreis 2017. Wer mehr darüber wissen will, dem sei der Artikel von Andreas Platthaus in der FAZ empfohlen: „Ihn hat es gerührt, uns geschüttelt“.

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Jugendliche Arbeitshaltung

Ich habe ein neues Hasswort: Arbeitshaltung. Nicht, dass ich etwas gegen Leistungsorientierung, Disziplin und Verantwortung hätte, ich bin nur der Meinung, es gibt wichtigere Dinge im Leben eines Jugendlichen.

Chaotische, muffige Jugendzimmer, alte Keksverpackungen unterm Bett, die erst als solche erkennbar werden, wenn man die Staubflusen abgeschlagen hat, Antworten wie: „Ja,ja, mach ich schon, kümmer dich nicht“, die aber niemals zu irgendwelchen Ergebnissen führen – kennen alle Eltern.

Aber unabhängig vom Alltagskram bin ich an manchen Tagen voller Bewunderung für meine Tochter. Wie sie sich zurechtfindet in ihren Peergroups, wie sie die Balance findet zwischen Nähe und Abgrenzung von ihren Eltern. Wie sie die sozialen Medien nutzt, um sich neue Kreise zu erschließen (zur Zeit ist es die Jodel-App – die eigentlich für Studenten entwickelt wurde).

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„Die Rückkehr der Diener“ von Christoph Bartmann

Jammern über lange Supermarktschlangen ist eigentlich obsolet. Sobald vier oder fünf Kunden an der Supermarktkasse stehen, drückt die Kassiererin einen Knopf und es ertönt die Durchsage: „Wir öffnen Kasse 2 für Sie!“

Kürzlich wartete ich an dritter Stelle an der Kasse unseres (einzigen) Dorf-Supermarktes, hinter mir stellten sich zwei Mädels von 9 oder 10 Jahren mit ihren Süßigkeiten an. Es verging keine Minute, da riefen sie: „Hallo, kann man nicht mal ne weitere Kasse aufmachen?“. Die anderen Wartenden ließen die ungeduldigen Mädchen vor. Als ich ein paar Minuten später an ihnen vorbei radelte, warfen sie gerade die Duplo-Verpackung auf den Gehweg und schlenderten weiter.

So ist das also, wenn man in einem der Frankfurter Neubaugebiete groß wird: Diener überall. Eltern, die für eine halbe Million ein Häuschen kaufen, beschäftigen natürlich Personal zum Putzen, Bügeln und Kinder „bespaßen“. Die Männer von der Straßenreinigung, die Frauen an der Supermarktkasse, wahrscheinlich auch die Erzieher im Hort: Für die moderne Mittelklasse, ob alt oder jung, sind das Dienstboten.

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