Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

Auch wenn es in Teil 1 meiner Besprechung anders klingt: Es hat mir Spaß gemacht dieses Buch zu lesen, das liegt sicher nicht zuletzt an der Übersetzung von Tobias Haberkorn. Als Autobiographie gelesen, ist es interessant und regt zur Reflexion eigener Erfahrungen an.

Aber zum Verständnis der Situation von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsmilieu ist das Buch nur bedingt geeignet. Dafür ist es zu unkritisch. Die Frage, wie man das Bildungswesen verändern kann, damit Alle in ihm selbstbewusst lernen können, wird nicht mal gestellt. Es scheint für Eribon unausweichlich, dass sich Kinder aus dem nichtbürgerlichen Milieu anpassen müssen.

„Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben. (…) Dieses Überlegenheitsgefühl, das aus ihrem ewigen diskreten Lächeln ebenso spricht wie aus ihrer Körperhaltung, dem kennerhaften Jargon, dem ostentativen Wohlgefühl… In all diesen Dingen kommt die soziale Freude zum Ausdruck, den kulturellen Konventionen zu entsprechen und zum priviligierten Kreis derer zu gehören, die sich darin gefallen, dass sie mit ‚Hochkultur‘ etwas anfangen können. Dieses Gehabe hat mich seit je eingeschüchtert, und doch tat ich alles dafür, so zu werden wie diese Leute, in kulturellen Kontexten dieselbe Lockerheit an den Tag zu legen und den Eindruck zu vermitteln, ich sei ebenfalls so geboren worden.“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims)

Alles richtig, nichts neu. Zumindest nicht in den linken Kreisen unseres Landes. Wir Frankfurter haben seit vier Jahren mit Peter Feldmann einen Oberbürgermeister, der täglich zeigt, welche Kultur bedeutsam ist für unsere Stadt. Die Kultur der Bürger, der Vereine, der Migranten, der sozial Engagierten. Er wird dafür gescholten vom Feuilleton, aber das juckt ihn nicht. Bildungsgerechtigkeit heißt nicht, dass Arbeiter- und Migrantenkinder glücklich sind, in der Vorlesung neben einem Beamtenkind zu sitzen und sich brav unterzuordnen, es heißt, die Welt zu unserer Welt zu machen. Diese Gedanken vermisse ich bei Eribon.

„Didier Eribon war der Intellektuelle des Jahres 2016. Er steht für eine neue Art politischen Denkens“, schrieb der Freitag und ich bin irriitiert. Dass die eigene Herkunft zum Thema soziologischer Erkenntnis gemacht wird, ist zumindest in Deutschland nicht neu. So gab es z.B. in den 80er und 90er Jahren an den Universitäten selbstorganisierte Gruppen der „Prololesben“ und „Arbeiter_innentöchter“ (nachzulesen hier: QUER. Das Gendermagazin der ASH Berlin, Seite 24 bis 28). Mit einem Zitat von Gabriele Theling von 1986 beende ich meine heutige Auseinandersetzung mit Eribon:

Ich bin wütend auf die Politiker, die unsere Intelligenz und Lernfähigkeit einfach für ihre Zwecke ausnutzen, ich bin wütend auf die Lehrer, die diese Zusammenhänge nicht durchschauen und weiterhin »kompensatorisch« erziehen, ich bin wütend auf die Leute, die immer wieder von Chancengleichheit reden, in einer Gesellschaft, in der es nur bürgerliche Bildung gibt, und ich bin wütend auf die Bürgerlichen, die nicht einsehen wollen, dass sie bürgerlich sind.

(Gabriele Theling: Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden – Arbeitertöchter und Hochschule)

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5 Gedanken zu “Zu unkritisch: „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (2)

  1. spbrunner 9. Januar 2017 / 12:39

    Du nimmst sehr selbstverständlich an, das die Verhältnisse in Frankreich unseren gleichen?

    Ich halte für möglich, dass gleichzeitig die Durchlässigkeit für Karrieren in Frankreich größer sind als hier (dazu gibts wohl auch statitische Belege), dass aber das schließlich „einer Schicht angehören“ viel stärker Distanz nach unten bedeutet als bei uns.

    • Carmen 9. Januar 2017 / 12:48

      Wir unterschiedlich die Verhältnisse sind, wird mir nach der Lektüre tatsächlich erst langsam klar.

      Ich nähere mich dem Autor und seinen Gedanken – wie bei mir üblich – über Widerspruch, wahrscheinlich eine typische Arbeitertochter-Herangehensweise. 😉

      • spbrunner 9. Januar 2017 / 12:58

        Ich hab das Buch mit großem Gewinn – und mit großer Sympathie – gelesen; und gerade der Aspekt, dass Du Deine Klasse verraten musst, wenn Du dazu gehören willst, fand ich sehr wichtig. Ich bin kein Arbeiterkind, aber ich habe oft erlebt (und benutze das heute gelegentlich als Metapher), dass ich im Gespräch mit upper class persons hoffte, dass ich geputzte Schuhe und saubere Fingernägel hätte. Diese Fähigkeit, andere unterlegen fühlen zu machen, ist ungeheuer mächtig. Ähnliches gilt für die Begegnung mit bestimmtem Sprachgebrauch – ich habe Bekannte, die in St. Gallen betriebswirtschaftlich „auf Linie“ gebracht wurden. Die erwarben eine Sprache, die morden kann.

  2. Carmen 9. Januar 2017 / 18:08

    Der Deutschlandfunk hat ein Interview mit Eribon geführt, dass man hier nachhören kann ( http://www.deutschlandradiokultur.de/soziologe-didier-eribon-warum-die-arbeiterklasse-nach.2162.de.html?dram:article_id=373082 )

    Auch in diesem Gespräch fallen wieder Sätze wie z.B. „aus den Fängen der Arbeiterklasse befreit“, „dem Schicksal entronnen“ etc., die mich stören.

    Die Diskrepanz zwischen seiner ideologischen Unterstützung für die Arbeiterklasse und der fehlenden sozialen Bindung und persönlichen Solidarität stößt mich ab. Dieser Widerspruch macht für mich das Buch unauthentisch.

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