Unüberwundene Scham – Didier Eribon: Rückkehr nach Reims (3)

„Die Scham und die Schande werden zum Stolz desjenigen, der seinen Körper bejaht, wie er ist“ – heißt es in der Buchbesprechung von swr2.

Eribon schildert in seinem Buch die Arbeiterklasse, der er entstammt, als homophob und rassistisch. Ich will und kann seine Erfahrungen nicht bestreiten, doch scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, dass Bürgerliche die gleichen Vorurteile haben, sie nur nicht offen aussprechen. Und das es deshalb umso schwieriger ist, dagegen zu kämpfen.

Handelte es sich bei „Rückkehr nach Reims“ lediglich um ein persönliches Erinnerungsbuch, gäbe es wenig Anlass für mein Unbehagen nach der Lektüre. Aber das Buch will mehr sein, politische Analyse und Erklärung für den behaupteten Rechtsruck der Arbeiterklasse. Dabei hatte Eribon 35 Jahre keinerlei Kontakt zu seinem Herkunftsmilieu. Was weiß er also über die Menschen in der Arbeiterklasse? Was kann er wissen, wenn er nicht mit ihnen spricht, nicht weiß, wie sie wohnen, mit wem sie Kontakte pflegen, wie es sich heute lebt in den Vorstädten. Er hält sie auf Abstand und betrachtet sie mit sicherer Distanz. Nur Gegenstand sozialwissenschaftlicher Betrachtung sind die „einfachen Menschen“ für ihn.

Die Worte, die er für seinen Aufstieg findet: „dem Schicksal entkommen“, „wie ein Wunder“, das muss für seine Angehörigen, für seine Herkunftsklasse, wie eine Beleidigung klingen. Aber er schreibt ja nicht für sie, sondern über sie. Unbedingt will er dazugehören zur Upper Class. Wo doch gerade das ‚Zwischen den Stühlen sitzen‘ für einen Sozialwissenschaftler besonders erstrebenswert ist, weil es den Blick schärft. So wenig wie Homosexuelle frei sein können, wenn sie sich für ihre Sexualität schämen, so wenig können Arbeiter Subjekte ihrer Geschichte sein, wenn sie sich für ihren Stand schämen. In diesem Zusammenhang ist mir wieder Gerhard Schröder und sein selbstbewusster Arbeiterhabitus eingefallen:

Zum Abschluss meiner Gedanken zum Buch empfehle ich meinen LeserInnen wärmstens die Besprechung von Rudolf Walther auf OXI: „Die Linke ist schuld am Aufstieg der Rechten?“

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