Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“

Kennt der Soziologe und Foucault-Biograph Eribon diesen Klappentext? Kann man sich vorstellen, dass ein linker Intellektueller allen Ernstes behauptet, es sei der „Habitus einer armen Arbeiterfamilie“, der ihm den Zugang zum akademischen Milieu in Frankreich erschwert? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass Eribon den Umschlagtext nicht kennt und das diejenigen, die heute im Suhrkamp-Verlag arbeiten, das 1973 im gleichen Verlag erschienene Buch von Karin Struck „Klassenliebe“ nie gelesen haben. Leider.

„Rückkehr nach Reims“ ist lesenswert. Es schildert die Kindheit und Jugend des Autors und widmet sich u.a. der Frage, warum viele Arbeiter heute rechts wählen. Ein Freund hat mir das Buch kürzlich geschenkt, vermutlich, weil ich einige Gemeinsamkeiten mit dem Autor habe, als erste Akademikerin einer Arbeiterfamilie, die Soziologie studiert hat und wie Eribon durch die Lektüre von Beauvoir und Sartre beeinflusst und bestärkt wurde.

Es ist allerdings mehr als dreißig Jahre her, dass ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. In Deutschland sind damals mehrere Studien zum Thema „Arbeitertöchter und Hochschule“ erschienen: 1982 von Hannelore Bublitz: „Ich gehörte irgendwie so nirgends hin…“ und einige Jahre später Gabriele Theling: „Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“. Was beide Werke auszeichnet, ebenso wie der Roman von Karin Struck „Klassenliebe“, ist die Haltung zum Herkunftsmilieu. Nämlich: Bindung und Solidarität. Und das trotz der Gewissheit, nicht mehr zur Arbeiterschicht zu gehören und der empfundenen Verlorenheit der „zwischen die Klassen Geratenen“ (Reinhard Baumgart 1973 im SPIEGEL).

Eribon hingegen schreibt: „Wären meine Brüder Anwälte, Akademiker, Journalisten, Staatsbeamte, Künstler oder Schriftsteller, hätte ich selbstverständlich Kontakt zu ihnen, und sei es nur sporadisch. Ich hätte sie jedenfalls als meine Brüder angenommen und mich auf sie berufen. (…) Wenn das verfügbare soziale Kapital in erster Linie aus der Menge der gepflegten und mobilisierbaren verwandtschaftlichen Beziehungen besteht, dann könnte ich behaupten, dass mein Werdegang mit all meinen familien- und milieubezogenen Fluchtbewegungen nicht nur kein positives, sondern ein negatives soziales Kapital mit sich brachte: Nicht aufrechterhalten und pflegen musste ich diese Verbindungen, sondern kappen und auslöschen.“

Hier scheint nicht nur eine geschlechtsspezifische sondern auch eine kulturelle Diskrepanz auf. In Deutschland mit seiner seit Jahrzehnten postulierten (wenn auch keineswegs erreichten) Chancengleichheit würde ein linker Intellektueller mit dieser Aussage auf Unverständnis stoßen. Aber vielleicht wäre in Frankreich ein selbstbewusster Prolet als Staatenlenker, wie wir ihn mit Gerhard Schröder hatten, auch nicht denkbar.

Nachdem ich in diesem Beitrag geschildert habe, was mir an der Haltung Eribons unsympathisch ist, werde ich demnächst die Vorzüge des Buchs darlegen.

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Ein Gedanke zu “Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

  1. meertau 7. Januar 2017 / 18:59

    hui….. das klingt wirklich unverhältnismäßig arrogant.
    dies wäre die einzige mögliche erklärung dafür, dass der autor es auch nicht für nötig hält, den klappentext frei zu geben (ihn also zu lesen)

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