Vertrauenskrise

„Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis“ (Timotheus 6,9)

Am 24. August 2019 berichtete der FNP-Journalist Daniel Gräber über die Verflechtungen der AWO Frankfurt und der AWO Wiesbaden. (Link zum FNP-Artikel: https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-hessen-steckt-einer-schweren-krise-12941309.html). Danach passierte – nichts. Keine andere Zeitung berichtete, es gab kaum öffentliche Statements von Kommunalpolitikern.

Drei Wochen nach diesem ersten Artikel habe ich bei einem Besuch des Verkehrsausschusses Daniel Gräber getroffen und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Warum reagiert niemand auf Ihren Artikel, habe ich ihn gefragt. Abwarten, meinte er und erzählte, dass er bald Frankfurt wieder verlassen, aber am Thema AWO dran bleiben werde. Dem jungen Journalisten Gräber hat man es in Frankfurt nicht leicht gemacht, als Linkenhasser und AfD-Symphatisant wurde er in den sozialen Meiden tituliert.

Erst als ans Licht kam, dass die Ehefrau des Oberbürgermeisters Feldmann als Leitung einer AWO-Kita ein überhöhtes Gehalt und einen Dienstwagen erhalten hat, wurde die AWO für die anderen Medien ein Thema. (Link zur FAZ https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wie-hessische-awo-funktionaere-ihre-taschen-fuellten-16547606.html) Das war drei Monate nach Gräbers Enthüllungen über die Mafia von Jürgen und Hannelore Richter und Co. Dabei waren schon zwei Jahre zuvor in Zusammenhang mit dem Betreiben von Flüchtlingsheimen falsche Abrechnungen aufgefallen, die Stadt löste daraufhin die Verträge mit der AWO auf. Aber weder wurde darüber die Öffentlichkeit informiert, noch wurden weitere Prüfungen vorgenommen. Die zuständige Sozialdezernentin ist von der CDU.

Überall wird inzwischen über die Gehälter der AWO-Vorstände (344.000 Euro), die Dienstwägen (450 PS) und über die Luxusreise mit Stadtverordneten (35.000 Euro) geredet – beim Frisör, in der U-Bahn, unter Kollegen. Aber in meiner Twitter-Timeline ist es ziemlich ruhig. Nur die eine oder andere Whatsapp wird im Vertrauen ausgetauscht.

Es ist bitter. Für die Männer und Frauen, die für wenig Lohn in der Altenpflege arbeiten und für die vielen Ehrenamtlichen, die für die Arbeiterwohlfahrt ihre Zeit opfern. Aber auch für uns Alle. Angesichts der Dimensionen, die der Skandal inzwischen hat, mag der Verdacht, zwei Männer seien bei der AWO nur beschäftigt worden, um in Ruhe Wahlkampf machen zu können (Taylan Burcu, Grüner Landtagsabgeordneter; Peter Feldmann, Oberbürgermeister), nicht ins Gewicht fallen. Für mich aber schon, denn ich habe beide gewählt.

Ich stecke seitdem in einer Vertrauenskrise. Plötzlich erscheinen mir Sätze, die ich bisher lobenswert fand, als bloße Attitüde für die linke Klientel („Solidarische, vielfältige Gesellschaft“), ich verdächtige im Stillen Stadtverordnete als Abnicker, Günstlinge oder Unter-den-Teppichkehrer. Und ich frage mich, wer vom System AWO noch alles profitiert hat.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ (Lenin) sollte selbstverständlich das Verhältnis der Stadt zu den vom Bürger finanzierten Wohlfahrtsverbänden prägen, stattdessen sieht aber das Verhalten der öffentlichen Funktionsträger in der AWO-Affäre nach einem Johannes-Zitat aus: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“.

4 Gedanken zu “Vertrauenskrise

  1. freiedenkerin 23. Dezember 2019 / 18:22

    Es scheint heutzutage aber auch wirklich alles und jeder in Organisationen, Parteien, Medien und Politik Dreck am Stecken zu haben.

      • alphachamber 24. Dezember 2019 / 05:35

        Ist leider generell so – bis in die kleinsten Clubs.
        Anstand , Moral und Vernunft haben weitgehend abgedankt; Endstufe der Zivilisation: alle sind „lieb und gut“, ohne persoenliche Verantwortung. Nennen Sie es „Moralsozialismus“.

        Unsere besten Wuensche fuer eine geruhsame Weihnacht und ein vor allem gesundes Neues Jahr!

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