Grüne Lunge oder Besitzstandswahrung?

Vor über sieben Jahren lernte ich einen Fotografen aus Bornheim kennen. Er suchte Unterstützung für sein Büro. Ich hatte ein knappes Sabbatjahr hinter mir, mein Kind genoss die entspannte Zeit, ging seltener in den Hort und wir holten uns endlich eine Katze aus dem Tierheim (Scotty). Ich besuchte viele Demos – es war die Hochzeit von occupy und schrieb darüber in diesem Blog.

Besagter Fotograf schaltete also eine Anzeige, die ich las und dabei dachte, warum nicht. Ich war damals gerade 50 geworden, hatte ein Studium und ein erfolgreiches Berufsleben hinter mir und wollte nach der Pause wieder ins Berufsleben einsteigen, wusste aber nicht, wo und wie. Also schickte ich meinen langen Lebenslauf und die Zeugnisse los und es kam wenige Tage später zu einem Bewerbungsgespräch in seinem Fotostudio.

Er lies mich im Vorraum warten, durch die halb geöffnete Tür konnte ich sehen, dass er mit einer jungen Frau am Computer saß und sie offenbar einarbeitete. Nach 10 Minuten ging die junge Frau an mir vorbei aus dem Laden und der Fotograf kam zu mir. Keine Entschuldigung für die Verspätung, stattdessen eröffnete er mir, dass die junge Frau meine Mitbewerberin sei und bereits drei Tage Probe gearbeitet habe, natürlich ohne Honorar.

Dann wandte er sich meinem Lebenslauf zu: Ach, ich hätte ein bisschen mit Journalismus rumgebastelt und ja, bei den Grünen war er auch mal aktiv, aber jetzt wolle er mit denen nix mehr zu tun haben. Er suche für den Job jemanden, den er jederzeit anrufen könne und der immer verfügbar sei. Ich sagte, ich denke es geht um einen Minijob? Ja, na und, war die Antwort.

„Nehmen Sie die junge Frau für die Stelle, das hier entspricht nicht meinen Vorstellungen“, sagte ich. „Aber wenn sie doch nix taugt, muss ich ja nochmal inserieren“, blaffte er mich an, während ich aufatmend den Laden verließ.

Einige Zeit später las ich seinen Namen in der Zeitung. Er war einer der Kleingärtner, die sich in einer Bürgerinitiative gegen das damals „Innovationsquartier“ heute „Günthersburghöfe“ genannte Bauprojekt im Nordend wehren.

Ein Nimby also („Not in my backyard“), der verständlicherweise keine Lust hatte, auf seinen billigen Kleingarten zu verzichten, auch wenn dort ein ökologisches, autoarmes Baugebiet entsteht, mit 30 Prozent gefördertem Wohnraum, der in Frankfurt dringend gebraucht wird. Mit solchen Leuten möchte ich nicht auf einer Seite kämpfen.

Mehr zum Bauprojekt und der Haltung der Frankfurter Grünen hier: FAZ vom 12.11.20

Und abschließend: Ich habe kurz darauf einen schönen Auftrag als freie Pressereferentin bekommen und arbeite bis heute freiberuflich für mehrere tolle Projekte.

2 Gedanken zu “Grüne Lunge oder Besitzstandswahrung?

  1. freiedenkerin 16. November 2020 / 18:27

    Gut, dass du weggegangen bist. So einen Arbeitgeber braucht kein Mensch.

  2. Carmen 16. November 2020 / 19:36

    Das stimmt.
    Weil dieses Baugebiet gerade die Frankfurter Grünen spaltet, ist mir die Begebenheit wieder eingefallen. Der Typ war so ein respektloser Egomane, solche Leute finden sich vermutlich nicht selten in Bürgerinitiativen.

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