Grüne Funktionäre in Frankfurt oder „Die Unfähigkeit zu twittern“

Es war eine kleine Sensation in Frankfurt, als die Grünen auf dem Online-Parteitag vor drei Wochen die vorbereitete Kandidatenliste für den Kommunalwahlkampf auf den Kopf gestellt haben. Auf Platz 4 kandidiert, aber nur auf Platz 20 gewählt, wurde der Fraktionsvorsitzende Sebastian Popp, auch die meisten anderen grünen Stadtverordneten landeten weit abgeschlagen. Stattdessen konnten die Sprecher der grünen Jugend Tina Zapf und Emre Telyakar aussichtsreiche Plätze erobern sowie der Höchster Umweltaktivist Thomas Schlimme und der Radentscheid-Aktivist Heiko Nickel.

Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil man sich bei keiner anderen etablierten Partei ein derart respektloses Verhalten gegenüber der Parteiführung vorstellen kann. Diese Entwicklung macht die Kommunalwahl im März 2021 wieder spannend. Denn vor ein paar Wochen hat kaum einer an einer Wiederauflage der schwarz-grünen Koalition gezweifelt, die Frage war nur, reicht es zu zweit oder wird die FDP den ungeliebten bisherigen dritten Koalitionspartner SPD ersetzen.

Jetzt ist also alles wieder offen, die Grünen zaubern nach Jahren des Pragmatismus den Revoluzzer aus dem Hut und stellen sich gegen das Baugebiet Günthersburghöfe (ehemals „Innovationsquartier“), das einst ihr eigener Planungsdezernent Olaf Cunitz entwickelt hat.

Wie ist es zu dieser Palastrevolution gekommen? Die Antwort ist einfach: Corona. Wer in diesen Zeiten weiß, wie man twittert und sein Netzwerk pflegt, hält Kontakt zu Basis und Wähler*innen. Die grüne Fraktion hat zwar einen Twitter-Account, antwortet aber selten, meistens erst auf mehrmaliges Nachfragen und dann unqualifiziert, Nachfragen zum Abstimmungsverhalten bei parlamentarischen Vorlagen können nicht beantwortet werden.

Die SPD-Fraktion hat keinen aktiven Twitter-Account, aber u.a. mit Kristina Luxen eine Stadtverordnete, die auch online sehr umtriebig ist. Die CDU-Fraktion twittert ausführlich und kommentiert neuerdings während der Übertragung der Stadtverordnetenversammlung, daneben sind viele CDU-Stadtverordnete online ansprechbar. Die Linke und die Piraten sind auch auf Twitter immer erreichbar und antworten sachlich, höflich und schnell.

Während die Führung der Frankfurter Grünen darauf vertraut hat, dass Politik weiter offline in einem Römersaal stattfindet, die Tische gedeckt mit Orangensaft und Kaffee, haben grüne Aktivisten in den digitalen Netzwerken kommuniziert und ganz offensichtlich eine erfolgreiche Strategie entworfen, wie sie die Boomer entmachten. (Lutz Sikorski hätte seinen Spaß gehabt).

Dass es bei grünen Spitzenpolitikern auch anders geht, zeigt der hessische Umweltminister Tarek Al-Wazir. Vor einiger Zeit schrieb ihm meine Schwester eine Mail und beschwerte sich über irgendwas. Noch am gleichen Tag antwortete Tarek ihr. Auch Al-Wazir ist auf Twitter persönlich unterwegs.

Zu dieser Post hat mich heute die Mail einer grünen Stadtverordneten motiviert, die mir nach 5 Wochen auf meinen offenen Brief (siehe hier) antwortete. Alle anderen wichtigen Fraktionen hatten längst geantwortet und Unterstützung zugesagt. Dabei ist seit fünf Jahren der Grüne Wolfgang Siefert Vorsitzender des Verkehrsausschusses, doch statt für besseren ÖPNV in den peripheren Stadtteilen zu kämpfen, verteidigen die Grünen noch immer die Vergabe der Buslinien an private Betreiber und lassen uns mit einem miserablen ÖPNV allein. Wer aber unter Verkehrswende nur Radwege in der Innenstadt versteht, ist für die Menschen in den äußeren Stadteilen nicht wählbar.

2 Gedanken zu “Grüne Funktionäre in Frankfurt oder „Die Unfähigkeit zu twittern“

  1. Stephan Jaeger 5. Dezember 2020 / 08:30

    Die Grünen haben im Rat der Köln die CDU ersetzt wie in Baden Württemberg..
    Die Wähler wollen eine frische CDU.
    Alle Organisationen im Natur / Klimaschutz haben dadurch keine politischen Mitstreiter mehr.
    Die Generation „Greta“ und Anhänger ist ratlos.
    Ein schlechtes Ergebnis zur BTW im Herbst 21 ist Ihnen Recht, denn der (Corona) Haushalt muss saniert werden.
    Umwelt und Klimaschutz ist in die Ablage verschwunden.
    Die neue Autobahn ist ein Teil davon.

  2. Carmen 7. Dezember 2020 / 15:25

    Hallo Stefan, ich bin da sehr zwiespältig. Tatsächlich ist es im Rechtstaat so, dass eine amtierende Regierung umsetzten muss, was eine andere beschlossen hat. Wenn der grüne Verkehrsdezernent heute den Ausbau der A 49 realisieren muss, ist das tragisch. Beschlossen haben das CDU und SPD im Bund. Wären die Grünen damals in der Regierung gewesen, hätte es den Beschluss vielleicht nicht gegeben.
    Ich plädiere für die Stärkung der Grünen, auch wenn ich mich oft über die Grünen in Frankfurt ärgere.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s