Erstes autofreies Wohngebiet in Frankfurt

„Schade, dass die schwarz-grüne Stadtregierung nicht die Gelegenheit zu einem wirklichen Zukunftsprojekt genutzt hat und das Neubaugebiet zum autofreien Viertel erklärt hat. Für ein solches ökologisches Vorzeigemodell wäre das Neubaugebiet „Am Eschbachtal – Harheimer Weg“ bestens geeignet: Neben der perfekten Verkehrsanbindung verfügt der Stadtteil über gute Nahversorgung und eine fußnahe Kinderbetreuung.“

Das habe ich im Dezember 2013 hier geschrieben. Das Baugebiet ist seit 40 Jahren geplant, es wurde aus verschiedenen Gründen immer wieder verschoben, weil es dringendere Bauprojekte gab oder weil die Prognosen davon ausgingen, dass die Menschen die Städte verlassen würden. In den letzten sechs Jahren war es das Verdienst einer kleinen Anwohnerinitiative, die mit viel PR den Bau des Wohngebiets verhindern konnte. Man könnte fast meinen, die Politik hatte Angst vor dieser kleinen Gruppe älterer Herren mit Flipcharts, eine andere Erklärung wäre, dass die Initiative hochrangige Fürsprecher im Römer hat.

An den Ortseingängen nach Bonames standen jahrelang große Aufsteller der Bürgerinitiative mit Argumenten wie „Verkehrskollaps in Bonames“ und „Rettet die Feldmaus“ oder so ähnlich. Eines Tages habe ich das Ordnungsamt gefragt, ob ich einen Aufsteller mit Pro-Argumenten daneben stellen darf. Seitdem ist der Blick bei der Einfahrt in den Stadtteil wieder frei.

Ein Stadtverordneter hat schließlich einen von mir formulierten Antrag in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht, darin schlage ich vor, dass das Baugebiet als autoarmes Wohngebiet (NR_759_2019) geplant wird. Die meisten Anträge der Opposition werden von der Koalition aus Grüne, CDU und SPD natürlich abgelehnt und das sang- und klanglos. Um die Chance zu erhöhen, dass wenigstens die Presse über die Idee berichtet, besuchte ich den Haupt- und Finanzausschuss, als der Antrag auf der Tagesordnung stand. Ich war die einzige Bürgerin, die an diesem Tag in der Bürgerfragestunde sprechen wollte und konnte den Antrag verteidigen. Zu meiner Überraschung meldete sich der Fraktionsvorsitzende der CDU, Michael Prinz zu Löwenstein, zu Wort und teilte mit, die Koalition habe den Antrag zum Prüfen an den Magistrat weitergeleitet. Der Magistrat, der in Person des Bürgermeisters Uwe Becker an der Sitzung teilnahm, bekräftigte, dass er die Idee ernsthaft prüfen würde. Und fügte an, dass erste autoarme Baugebiet in Frankfurt sei der Ben Gurion Ring in Bonames/Nieder-Eschbach und das sei schließlich eine Idee der CDU gewesen.

Zu diesem Zeitpunkt durfte ich aber nicht mehr sprechen, denn die Bürgerfragestunde war vorbei und nur die Ausschussmitglieder hatten Rederecht. Die Großsiedlung Ben Gurion Ring wurde in den Siebziger Jahren mit Mitteln des Sozialen Wohnungsbaus errichtet. Circa 4.000 Menschen leben in den Hochhäusern der Siedlung. Die Lebensqualität der Bewohner war in der Vergangenheit durch kriminelle Vorfälle stark eingeschränkt. Hier wohnen und wohnten Menschen mit wenig Geld. Hätte man für diese Menschen pro Wohnung ein bis zwei Parkplätze vorhalten müssen, würden diese bis zum IKEA-Markt in Nieder-Eschbach reichen. Was ich sagen will: Natürlich wurde der Ben Gurion Ring nicht aus umwelt- und verkehrspolitischen Gründen autoarm geplant, sondern weil man davon ausging, dass sich die Bewohner sowieso kein Auto leisten können und man Fläche sparen wollte. Andere, aktuelle Neubaugebiete in Frankfurt, die sich nur der wohlhabende Teil der Bevölkerung leisten kann, werden nach wie vor mit ein bis zwei Parkplätzen pro Eigenheim geplant. Oder wie der Frankfurter Magistrat es anlässlich einer Anfrage zur Nahversorgung in Harheim ausdrückte:

„Es ist zu vermuten, dass es sich insbesondere bei dem zu erwartenden Einwohnerzuwachs um eine eher besser verdienende Bevölkerungsschicht handeln dürfte, die mobil und damit kaum auf zu Fuß zu erreichende Nahversorgung angewiesen ist.“ (ST 503 vom 8.4.2013)

Mit „mobil“ meinte Stadträtin Birkenfeld natürlich nicht den Busverkehr in Harheim ( 2 mal pro Stunde), sie meinte automobil.

So schön es also ist, dass meine Idee, das Baugebiet Am Eschbachtal in Bonames autoarm zu planen, von den Stadtpolitikern aufgenommen wurde, bin ich doch skeptisch, dass es sich bei diesem Votum um mehr handelt, als das Verschieben des Baubeginns bis weit hinter die nächste Kommunalwahl.

Hier geht es zur Frankfurter Rundschau, die darüber berichtet hat: KLICK

Ein Gedanke zu “Erstes autofreies Wohngebiet in Frankfurt

  1. freiedenkerin 14. Juni 2019 / 23:28

    Ich teile deinen Verdacht, dass wohl eher letzteres zutriffen wird – ein Hinauszögern bis zur nächsten Wahl.

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