Ganztagsschule? Nein, danke!

Beim Thema Ausbau der Kinderbetreuung herrscht politisch große Einigkeit. Es ist gesellschaftlicher Mainstream, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fordern, gemeint ist aber in Wirklichkeit, dass Mütter und Väter dem Arbeitsmarkt ohne Unterbrechung zu Verfügung stehen sollen, so wie es die Arbeitgeber fordern.

Florentine Fritzen (deren Buch Eintopfemanzen hier besprochen wurde) hat heute im Artikel „Bis die Sonne untergeht“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Trend zur Ganztagsbetreuung und -schule geschrieben und dabei Zweifel angemeldet, dass diese Entwicklung für Kinder positiv ist.

Ich habe daraufhin, meine Tochter (12 Jahre) befragt, was sie von der Ganztagsschule hält. Als Grundschülerin musste sie nachmittags in den Hort, was sie anfangs gern tat, in den letzten ein, zwei Jahren allerdings nicht mehr. Das lag nicht an den Erziehern, sondern daran, dass sich im Laufe der gemeinsam verbrachten Kindergarten- und Schulzeit ausgeprägte Machtstrukturen unter den Kindern ausgebildet hatten. Sich diesen morgens und nachmittags auszusetzen, bedeutete für viele Kinder Stress. In die weiterführende Schule geht sie heute ausgesprochen gern.

Würdest du gern bis Nachmittags in der Schule bleiben?

Nein.

Aber du könntest jeden Tag mit deiner besten Freundin spielen.

Nein.

Ich würde dann wieder mehr arbeiten und wir könnten häufiger und weiter verreisen.

Nein.

Stell dir vor, es gäbe dort ein tolles Nachmittagsangebot?

Nein, ich will auch mal chillen.

Wenn du aber ein leckeres Mittagessen bekämst, wenn es viel Platz zum Ausruhen gäbe, wenn du z.B. ein Instrument lernen könntest, dass du zuhause wegen der Lautstärke nicht spielen kannst?

Nein!

Vielleicht sollten Eltern ihre Kinder öfter mal fragen, wie sie sich den Familienalltag wünschen.

(In diesem Zusammenhang immer noch aktuell ist der Artikel „Marktkonformer Großraumfeminismus„.)

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4 Gedanken zu “Ganztagsschule? Nein, danke!

  1. freiedenkerin 20. Oktober 2013 / 16:50

    Kinder sind die Staatsbürger von morgen – allein deshalb schon sollte sich die Politik auch nach ihnen richten, und sie gefälligst zu Rate ziehen…

  2. fantareis 20. Oktober 2013 / 23:11

    Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann waren solche Begriffe wie Hort und Ganztgsschule eine Horrorvorstellung. Ekliges Großküchenessen und den ganzen Tag nur in der Schule sein – grausam.
    Das hat sich bis heute nicht geändert und ich frage mich bei der heutigen Politik, wann endlich der Vorschlag kommt, die Kinder gleich nach der Geburt im Krankenhaus zu lassen. Ein weiteres beliebtes Sozialpädagogenargument ist auch, dass die Kinder aus sozialschwachen Familien so wenigstens eine warme Mahlzeit und Hausaufgabenbetreuung bekämen. Dann aber zum Schlafen zurück zu den prügelnden besoffenen kettenrauchenden RTL2 Eltern? Kinder brauchen doch vor allem Eltern, die eine Perspektive haben, einen halbwegs gut bezahlten Job und die Zeit genug haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Krippe und Ganztagsschule ist was für totalitäre Staaten, mir graut davor.

    • Carmen 21. Oktober 2013 / 09:33

      Danke für Ihren Kommentar. Der verlinkte Artikel ist sehr interessant. Die Zusammenarbeit mir dem benachbarten Hort scheint sehr gut zu gelingen und dass die Schule nachmittags offen ist für Freunde außerhalb der Schule ist außergewöhnlich.

      Eltern, die im Dörfchen Harheim wohnen, benötigten bisher, selbst wenn sie nur halbtags arbeiten, einen Hortplatz. Denn bis zum Arbeitsplatz in Frankfurt dauert es, vor allem morgens wegen der immer verspäteten S6 auf der noch nicht ausgebauten Strecke, bis zu 50 Minuten. Der Bus von der S-Bahn zurück fährt mittags nur alle halbe Stunde. Rechnet man diese Fahrzeit zu einem Halbtagsjob dazu, war es nicht möglich, rechtzeitig zu Hause zu sein, wenn das Kind von der Schule kommt. Das ist der Hintergrund der jahrelangen Kämpfe in Harheim um eine bessere Kinderbetreuung.

      Was mein Weltbild betrifft, ist es nur in Teilen links, viel öfter grün und zusehens orange. Aber niemals so unkritisch der Wirtschaft gegenüber wie die CDU. 😉

      P.S. Keine Hausaufgaben findet meine Tochter auch klasse.

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