Eintopf-Emanzen

Wir waren schon mal weiter, dachte ich am Ende von „Eintopf-Emanzen – Wie wir wurden, was wir sind“, dem unterhaltsamen neuen Buch der FAZ-Redakteurin Florentine Fritzen. Nach 180 Seiten, in denen Fritzen ihre heutige Mutterrolle mit der ihrer Mutter und Oma vergleicht, ersinnt sie bei einem „Mädelsabend“ mit ihren Freundinnen die Zukunft der Töchter. Die Töchter werden nach deren Vorstellungen einmal toughe Anwältinnen, als Ehemänner werden sie sich Künstler suchen, die sich um die Kinder kümmern können, während die Mütter ohne Schuldgefühle ihren Arbeiten nachgehen können.

Als ich auf dem Höhepunkt meiner feministischen Radikalität war, wollten wir alles ändern: Beziehungsstrukturen, die entfremdete Arbeitsweise, den Konsumwahn. Wir lasen „Die Töchter Egalias“ von Gert Brantenberg, eine Satire auf das Patriarchat. Nach der Lektüre kämpfte ich dafür, dass in dem großen Reiseunternehmen, in dem ich damals gearbeitet habe, der Zusatz „Fräulein“ aus den internen Telefonbüchern gestrichen wurde – mit Erfolg. Wir jungen Feministinnen lasen Simone de Beauvoir und Marilyn French und verschlangen alles, was in der Reihe „Die neue Frau“ bei Rowohlt erschien.

Damals machten wir uns lustig über das „Intimspray“ im Badezimmer der Eltern und natürlich trug keine einen BH, das war total spießig. Zusammen mit meinem schwulen Freund Klaus-Peter schrieb ich einen pro/contra Text für die Zeitschrift „Freundin“, Thema: „Dürfen sich Männer schminken?“, der allerdings nie gedruckt wurde. Ich war damals für Natürlichkeit, Peter dafür, dass sich Männer und Frauen schminken sollten.

Als mir meine Freundin letztes Jahr erzählte, dass ihr siebzehn-jähriger Sohn sich ganzkörperlich rasiert, dachte ich bei mir, na, der ist wohl ein bisschen eigen.

Die Lektüre von Fritzens Buch belehrt mich eines Besseren. Offenbar nehmen sich heute alle Frauen (und viele Männer) unter vierzig die Zeit für Ganzkörperrasur, Maniküre, Pilates und Yoga. Sie müssen nicht nur perfekt sein, sondern auch so aussehen. Das Idealbild ist die – locker! – auf dem Designer-Sofa sitzende Mutter mit Laptop auf den Knien und Latte Machiato in der Hand.

Sich vom Gedanken der perfekten Mutter und Angestellten zu verabschieden, fällt mir, die ich eine Tochter im Grundschulalter habe, schwer genug. Allerdings stelle ich fest, dass meine frühe feministische Sozialisation mich doch vor einigem bewahrt hat. Es ist mir z.B. völlig wurscht, ob meine Fingernägel ungleich lang sind und ob andere Mütter für ihre Kinder Frühenglisch oder Ballett organisieren.

Dass unsere Muttis und Omis es überraschenderweise doch manchmal leichter hatten, erzählt Fritzen sehr anschaulich. Das Buch ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für junge Eltern. Demnächst folgt die Besprechung des Pendants von Fritzens Lebensgefährtem Tobias Rösmann „Kuschelkerle“.

Florentine Fritzen: „Eintopfemanzen – Wie wir wurden, was wir sind“; Artemis & Winkler; ISBN: 978-3-538-07297-8; 184 Seiten

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