Schöne neue Familie? – Teil 3

Hätte es eine Bestätigung für die Behauptung von Jesper Juul gebraucht, der Ausbau der U3- Kinderbetreuung sei allein ökonomisch motiviert, so lieferte sie an diesem Wochenende der Präsident des Bundes der Deutschen Arbeitgeber (BDA) Dieter Hundt. Er verlangt:

„die Elternzeit auf zwölf Monate zu verkürzen, sobald der Ausbau der Kinderbetreuung gewährleistet sei. Deutschland habe im europäischen Vergleich zu lange Elternzeiten, kritisierte Hundt. Das wirke sich negativ auf die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt aus. Auch den Bezug des Elterngelds will Hundt auf ein Jahr begrenzen, um den Anreiz für Frauen, zügig an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, zu verstärken.“

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) widersprach umgehend: „Wie Eltern in Deutschland die Betreuung ihrer Kinder in den ersten drei Jahren organisieren, ist Sache der Familien und nicht der Arbeitgeber.“ Familien seien keine „ökonomische Verfügungsmasse“. (Frankfurter Rundschau vom 20.11.2012).

Warten wir die Halbwertszeit dieses Widerspruchs ab – bis jetzt hat die schwarz-gelbe Bundesregierung noch den meisten Forderungen von Unternehmerseite nachgegeben!

Jesper Juul zitiert in seinem Buch eine Studie, derzufolge es besonders unter den ein- bis dreijährigen Kindern in Betreuungseinrichtungen Auffälligkeiten gibt: „Circa 22 % von ihnen haben einen viel zu hohen, nicht hinnehmbaren Cortisolspiegel im Gehirn – Cortisol ist ein Stresshormon und wirkt neurotoxisch.“ (aus „Wem gehören unsere Kinder“, Jesper Juul)

Dabei können wir sicher sein, dass die meisten Erzieherinnen in den Einrichtungen gute Arbeit leisten. Aber der Druck auf sie steigt. Fälle wie die während des Mittagsschlafs gefesselten Kleinkinder in Thüringen sind zum Glück eine Seltenheit.

In Frankfurt am Main gibt es eine jahrzehntelange Krabbelstuben-Tradition. Mit knapp zwei Jahren hat mein Kind damals einen der begehrten Plätze ergattert. Elf bis zwölf Kleinkinder wurden von zwei Erzieherinnen und einer Praktikantin betreut. Die Erzieherinnen waren jung, entspannt und lagen einen beträchtlichen Teil der sechsstündigen Öffnungszeit mit den Kindern auf riesigen Matratzen und Kissenbergen. Die Eltern kochten abwechselnd das Essen und mussten bei Renovierungsarbeiten helfen. Das war für die Zeit bis zum Kindergarten eine gute Lösung für uns.

Auch die Zeit im Kindergarten war überwiegend positiv, das einzig Schwierige blieben die Eltern-Erzieher-Gespräche, aus denen ich jedesmal wütend herauskam. Denn es hieß nie: Das Kind kann dies oder jenes gut und verfügt über bestimmte Kompetenzen, nein, das Beste, was Eltern zu hören bekamen, war: Das Kind hat keine Defizite. Dem Kind war das aber egal, wie überhaupt von unserer Seite die Beziehung zu den Erziehern völlig überschätzt wurde. Wichtiger waren immer die Freunde.

Die schönste und hilfreichste Betreuung war für uns der Hort, vor allem in den ersten beiden Grundschuljahren. Da die verlässliche Grundschule in Hessen nur die Zeit bis 12.30 Uhr abdeckt, ist ein Hortplatz auch für Teilzeit arbeitende Mütter bzw. Väter nötig, vor allem wenn man in innenstadtfernen Stadtteilen wohnt. Dort hat mein Kind gelernt, selbständig Hausaufgaben zu machen, wofür ich den Erziehern heute noch dankbar bin. Zu viele Eltern-Kind-Beziehungen haben Nachmittags am heimischen Küchentisch einen irreparablen Knacks bekommen.

Von der ersten längeren Hortfreizeit ohne Eltern schwärmt das Kind heute noch. Deshalb ärgert es mich ungemein, wenn der Ausbau der Hortbetreuung zugunsten der U3-Betreuung zurückgefahren wird, wie es in den meisten deutschen Kommunen geschieht. Die Politik geht davon aus, dass Eltern, die ihr einjähriges Kind in eine Einrichtung geben, um wieder zu arbeiten, sicher nicht ihren Job aufgeben, weil die nachschulische Betreuung des Sechsjährigen fehlt, sondern, dass sie schon irgendeine private Lösung finden werden.

Was bei dieser Diskussion zu kurz kommt, ist die Frage: Wie wollen wir leben und was wollen wir unserem Kind zumuten? Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob mein Kleinkind einen achtstündigen „Arbeitstag“ in der Kita aushalten muss, weil ich allein erziehend und verdienend bin oder weil ich Wert auf Konsum und Reisen lege.

Bevor wir das Land flächendeckend mit Betreuungseinrichtungen für die Allerkleinsten ausstatten, sollten wir innehalten und fragen: Wem gehören unsere Kinder? – Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?

(Zu Teil 1 und Teil 2 von „schöne neue Familie?)

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