„Marktkonformer Großraumbürofeminismus“

Es passiert gelegentlich, dass mich Texte wegen ihres Wortwitzes und der pointierten und leidenschaftlich vorgetragenen Argumente so begeistern, dass mir darüber gar nicht auffällt, dass ich eigentlich eine ganz andere Meinung als die Autorin pflege. Bei der heutigen Lektüre der FAZ war ich allerdings wachsam. Der furiose Artikel, der uns die hinreißende Wortschöpfung „marktkonformer Großraumfeminismus“ beschert, wurde von einer ziemlich wütenden Antje Schmelcher geschrieben.

Anlass war der Streit um das Betreuungsgeld. Es geht aber um mehr. Wie sollen Frauen leben? Sind Karrierefrauen glücklicher? Sind alle Mütter dumm?

Klischees machen unfrei. Alle. Die Karrierefrau ebenso wie die Mutter.

Dazu fällt mir eine kleine Geschichte ein: Vor ein paar Monaten war ich mit den Geburtstagsgästen meiner Tochter in einem Kleinstadt-Kino. Während die Kinder sich den Film ansahen, saß ich im Cafe vor dem Vorführungsraum und las. Als der Kinobesitzer mich sah, sagte er zu seinem Kollegen: Ich glaubs net, jetzt ham schon die Mütter ein Tablet!

Früher wäre ich die Wände hoch. Früher hätte ich wahrscheinlich eine Diskussion über das veraltete Frauen- und Mutterbild des Mannes begonnen. Oder eine trockene Bemerkung fallen lassen, wer hier den Kino-Besuch finanziert. Inzwischen denke ich: „Was interessiert mich denn, welches Bild dieser Mensch von mir hat?“

Meistens sind wir Frauen aber nicht gelassen, schon gar nicht im Vergleich mit anderen Frauen. Immer müssen wir unsere Entscheidung verteidigen, für oder gegen ein Kind, für oder gegen die Babypause, für oder gegen die Krabbelstube und später den Hort, für frühen oder späteren Wiedereinstieg, Vollzeit-, Halbzeit- oder doch nur den 400 Euro Job, etc.

Der Streit über den richtigen weiblichen Lebensentwurf wird unter Frauen mit unglaublicher Verbissenheit ausgetragen. Warum? Weil wir uns entscheiden und verzichten müssen. Immer. Der Tag hat 24 Stunden, wer zehn Stunden außer Haus ist, kann in der verbliebenen „Quality-Time“ dem Kind keine entspannte Mutter sein, dafür hat sie das gute Gefühl, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Die Mutter, die den ganzen Tag zu Hause ist, fühlt sich oft abgeschnitten vom erwachsenen Alltag und ist finanziell abhängig von ihrem Mann, die Teilzeit-Mütter wiederum sind „immer auf der Flucht“, wie eine Kollegin mal mein tägliches Gerenne zum Kindergarten und zur S-Bahn und wieder zurück nannte.

„Sie nennen es Glück“ hat Antje Schmelcher ihren Artikel überschrieben, in dem sie die Argumente der kinderlosen Karrierefrauen für deren Lebensentwurf auseinander nimmt. Frauen wie Bascha Mika, Bettina Wündrich und Barbara Vinken, die in ihren Büchern das Glück der berufstätigen Frau propagieren.

Diese Frauen sind so unpolitisch, nicht einmal zu merken, wie ein Arbeitgeberpräsident sie für seine Zwecke einspannt„, antwortet Schmelcher und betont: „Nie war der Feminismus arbeitgeberfreundlicher und angepasster.

Da hat sie recht. Allerdings bläst auch die Gewerkschaftsbewegung ins gleiche Horn. (Lies dazu meine Anmerkungen zum Internationalen Frauentag 2012)

Mütter haben keine Lobby„, sagt Schmelcher, und „Nie gab es mehr Buchtitel, die ein negatives Bild der Mutter transportieren„.

Es sind Frauen, die sich selbst Feministinnen nennen, die ihre freie Zeit damit füllen, gegen andere Frauen, Mütter, zu wettern.

Anscheinend muss man sich als Frau immer noch sagen lassen, wie man zu leben hat.
Ausgerechnet ihrer Minister-Erzfeindin (Kristina Schröder) ähneln die angeblich linken Verwertungsfeministinnen aber mehr, als sie wahrhaben wollen: brennender Aufstiegswille innerhalb großer Institutionen, verbunden mit einer im Grunde unpolitischen und angepassten Haltung. (…) Ihr Konformitätsdenken ist von der Angst regiert, ihnen könnte etwas vorenthalten werden, doch in ihrer Wahlfreiheit liefern sie sich den Institutionen aus, statt sie zu verändern.“
(Antje Schmelcher im FAS-Artikel vom 29.4.2012 „Sie nennen es Glück“)

Was mich aber an all diesen Büchern und Diskussionen am meisten irritiert, ist eine Leerstelle. Wo bleibt eigentlich der Mann, wo der Vater? Wir sind beim Thema familienfreundliche Arbeitszeiten für beide Geschlechter seit 30 Jahren nicht weitergekommen. Warum wird darüber nicht mehr diskutiert? Warum kämpfen die Gewerkschaften nicht für mehr Teilzeit-Jobs für Männer?

Und von wessen Glück reden wir eigentlich? Erwachsene, reife Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine notwendige Zeit lang ihre Interessen zugunsten ihrer Kinder zurückstellen können. Das machen Väter und Mütter seit Menschengedenken. Und ja, das macht sie glücklich, manchmal.

Hat Antje Schmelcher vielleicht recht: Sind die Bücher dieser kinderlosen „Feministinnen“ lediglich Rechtfertigungsprosa des eigenen Lebensentwurfs?

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Ein Gedanke zu “„Marktkonformer Großraumbürofeminismus“

  1. Martin 16. April 2013 / 11:02

    „Hat Antje Schmelcher vielleicht recht: Sind die Bücher dieser kinderlosen “Feministinnen” lediglich Rechtfertigungsprosa des eigenen Lebensentwurfs?“

    Das sehe ich genauso!

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