Jugendliche Arbeitshaltung

Ich habe ein neues Hasswort: Arbeitshaltung. Nicht, dass ich etwas gegen Leistungsorientierung, Disziplin und Verantwortung hätte, ich bin nur der Meinung, es gibt wichtigere Dinge im Leben eines Jugendlichen.

Chaotische, muffige Jugendzimmer, alte Keksverpackungen unterm Bett, die erst als solche erkennbar werden, wenn man die Staubflusen abgeschlagen hat, Antworten wie: „Ja,ja, mach ich schon, kümmer dich nicht“, die aber niemals zu irgendwelchen Ergebnissen führen – kennen alle Eltern.

Aber unabhängig vom Alltagskram bin ich an manchen Tagen voller Bewunderung für meine Tochter. Wie sie sich zurechtfindet in ihren Peergroups, wie sie die Balance findet zwischen Nähe und Abgrenzung von ihren Eltern. Wie sie die sozialen Medien nutzt, um sich neue Kreise zu erschließen (zur Zeit ist es die Jodel-App – die eigentlich für Studenten entwickelt wurde).

Liebe, Trennung, neue Liebe, Sexualität, dazu Freunde, die Drogen nehmen oder sich selbst verletzen, nervige Eltern, ganz große Träume für die Zukunft, jetzt grad aber das pralle Leben da draußen, das lockt – und außerdem G 8.

Für LehrerInnen ist klar, dass die Schule für Jugendliche an erster Stelle stehen muss. Seit Jahren höre ich auf Elternabenden, dass die Arbeitshaltung der SchülerInnen schlecht sei. Jedesmal zucke ich innerlich zusammen und überlege, wann die Lehrerin die Pubertät hinter sich gelassen hat – vor 10, 12 Jahren? Alles vergessen oder doch nie drin gewesen, immer brav die elterlichen Erwartungen erfüllt? Das ist gemein jetzt, ich weiß. Aber es ist auch ziemlich gemein, Heranwachsende nur als Leistungsträger zu sehen.

„Wenn die Schule aber mit ihren Schülern nicht nur gesellschaftskonform, sondern auch entwicklungsgerecht umgehen will, ist die wichtigste Voraussetzung – genau wie in der Familie -, dass sie ein Verständnis für die großen Herausforderungen entwickelt, die Jugendliche zu bewältigen haben. Das schließt den Respekt vor dem Individuum mit ein und verlangt von der Schule große Umstellungen in drei Aufgabenbereichen: Erstens ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler neu zu gestalten. Jugendliche wollen wie Erwachsene behandelt werden – auch wenn sie es oft noch nicht sind. Zweitens verlangt die letzte Etappe der kindlichen Entwicklung eine andere Form von Unterricht, damit die Jugendlichen motiviert bleiben und ihre Kompetenzen möglichst gut ausbilden können. Und drittens müssen die sozialen Regeln zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen den Schülern neu ausgehandelt werden.

Die letzten Schuljahre sind ein wichtiges Trainingsfeld für sozialen Umgang. Hier und jetzt werden Wertvorstellungen verinnerlicht, die für das gesellschaftliche Zusammenleben so wichtig sind.“ (Remo Largo, Monika Czernin „Jugendjahre“: KLICK)

Ich bezweifle, dass Largos Erkenntnisse den Weg in die Lehrerzimmer unserer Gymnasien gefunden hat.

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3 Gedanken zu “Jugendliche Arbeitshaltung

  1. freiedenkerin 26. Mai 2017 / 11:26

    Das, was Prof. Harald Lesch zu unserem Bildungssystem sagt, gefällt mir ausnehmend gut:

  2. Carmen 29. Mai 2017 / 09:42

    Danke, stimme voll zu: „Wichtige Zeiten des Werdens finden in dieser Gesellschaft nur am Rand statt.“

    Auch die Idee mit dem Sozialen Jahr für Alle mit 16 ist spitze.

  3. gnaddrig 29. Mai 2017 / 16:02

    Stimme voll zu, Deinem Text, Carmen, und dem was Harald Lesch sagt.

    Mir ist das G8 zu eng getaktet – meine Tochter hat in der 6. und 7. Klasse schon so viele Wochenstunden wie ich damals in der Oberstufe. Dann kommen Hausaufgaben dazu (und die versprochene Abstimmung der Lehrer, damit es an keinem Tag zu viel wird, findet praktisch nie statt; jeder Lehrer hält sein Fach für das Allerwichtigste und die zugehörigen Hausaufgaben für völlig unverzichtbar). Am Ende bleibt kaum Zeit für Hobbys oder dafür, sich mit Freunden zu treffen, sich ohne konkrete Zielvorgabe zu beschäftigen oder die Seele baumeln zu lassen.

    Kein Wunder, dass nach dem Abi viele nicht wie von den Erfindern des G8 erwartet ein Jahr früher an die Unis strömen sondern erstmal eine Auszeit nehmen, um überhaupt herausfinden zu können, was und wohin sie wollen im Leben.

    Ich würde den Kindern mehr Leerlauf gönnen, im Rückblick waren die nicht so überfrachteten Zeitabschnitte nämlich meine produktivsten Zeiten mit der meisten persönlichen Entwicklung und – Optimierer aufgemerkt – den besten Leistungen.

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