STASI ++ STASI ++ MOSSAD ++ NSA ++ NSA ++ NSA

Am Telefon ist eine fremde Frau: Bei ihr in der Wohngemeinschaft lebe T., den würde ich doch kennen? Ja, sage ich, ich habe aber keinen Kontakt mehr mit ihm. Sie habe Listen in seinem Zimmer gefunden mit Namen drauf und verschiedenen Symbolen. Sie habe daraufhin einige Leute angerufen, auch meinen Namen habe sie im Telefonbuch gefunden. Ober ich mir die Liste anschauen wolle?

Okay, ein paar Tage später fahre ich nach Bornheim und betrete das Haus, das mir die Frau am Telefon genannt hatte. Es ist ein heruntergekommener Altbau, das Treppengelände locker, die Wohnung ist im vierten Stock. Die Tür wird mir von einer leicht überdrehten Frau in den Dreißigern geöffnet, sie zeigt mir T.s kleines WG-Zimmer, dann gehen wir in die Küche, wo sie mir eine Kopie der „Liste“ zeigt. Tatsächlich, die DinA 4-Seite enthält viele Namen, einige kenne ich, es sind Verbindungslinien gezogen, neben meinem Namen ist ein Judenstern. Der Name der Wohnungsbesitzerin, die mir die Liste zeigt, ist mit dem Wörtchen „blöd“ verziert. Fast muss ich lachen.

Dann zeigt sie mir einen Brief, den T. an den Verfassungsschutz geschrieben hat. Darin beklagt er sich über aktuelle Verfolgungen und Bespitzelungen, denen nicht nur er, sondern auch seine Eltern im Osten ausgesetzt seien. Nein, er glaube nicht, dass es sich um die Überbleibsel der Stasi handele, schreibt er, er tippe eher auf den Mossad. Hat er Antwort auf den Brief bekommen, frage ich, aber das weiß die Frau nicht.

Sie weiß auch nicht, ob T. gefährlich ist, ob sie Angst haben soll. Und zur Polizei könne sie nicht. Warum nicht, frage ich. Sie wäre eine Linke, da könne man nicht mit der Polizei kooperieren. Und was erwartest du nun von mir? Vielleicht könnte ich rumtelefonieren mit Bekannten von T. und danach abschätzen, ob er gefährlich ist und natürlich stünde mir dann frei, mit der Polizei zu reden.

Ein paar Tage beschäftigt mich die Geschichte. Ich erinnere mich gut an die Monate mit T. Er war mit Anfang zwanzig aus der DDR gekommen, seine Eltern waren dort geblieben. Er war sehr intelligent, erhielt von einer Vertriebenenstiftung ein finanziell gut ausgestattetes Stipendium, mit dessen Unterstützung er das Abitur nachholen und studieren konnte. Wir stritten viel. Er war ein sensibler Typ, machte Kampfsport und sah auch so aus. Manchmal riss er ausländerfeindliche Sprüche, dann entgegnete ich: Ich bin ja eher dafür, die Machos auszuweisen. Er verstand das nicht. Er jammerte, er habe erst mit 20 seine erste Stereoanlage bekommen, ich antwortete, ich habe heute noch keine.

Einmal fuhren wir nach Mainz zur Premiere von „Die Kommissarin“ . Nach dem Film haben wir beide geweint. Er erzählte von seiner Mutter, die in der DDR überwacht worden war und in der Psychiatrie gelandet ist. Er selbst glaubte, nach der Übersiedelung in die BRD von Stasi-Autos verfolgt zu werden. Nirgendwo fühlte er sich sicher, immer glaubte er, jemand sei in seinem Zimmer gewesen, die Wände wären mit Chemikalien besprüht, das eingeklemmte Haar in der Wohnungstür fehlte, etc. Seine Verunsicherung griff langsam auf mich über, ich riss mich los und trennte mich.

Dann Jahre später der Anruf. Ich bin dann nicht zur Polizei gegangen, obwohl eine Psychologin, der ich von der Liste erzählte, sagte: Wer solch eine Liste schreibt, der benutzt sie auch. Stattdessen habe ich mir T.s alte Briefe noch einmal durch gelesen. Wer solche Briefe schreibt, der tut mir nichts, schloss ich. Ein Gefühl der Beunruhigung blieb, wenn ich an die Liste dachte.

1988 lernte ich ihn kennen. Der Anruf kam 1993 oder 1994. Ich weiß nicht, was aus T. geworden ist.

Wir haben das Jahr 2014 und Deutschland wird überwacht.

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2 Gedanken zu “STASI ++ STASI ++ MOSSAD ++ NSA ++ NSA ++ NSA

  1. LOB 16. Juli 2014 / 08:57

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt und kommentierte:
    Lesenswert: „Wir haben das Jahr 2014 und Deutschland wird überwacht!“

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