Nichtraucherdiktatur droht

Wirtschaftsverbände fordern die Abschaffung der Raucherpausen für Arbeitnehmer, also der drei mal fünf Minuten in stickigen Hinterhöfen, auf Feuertreppen, vor unbedachten Seiteneingängen, in denen heute angestellte RaucherInnen ihrer Sucht nachgehen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (für den ich ein kleines Faible hege) äußerte sich ablehnend: “Ich bin für strengen Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz. Aber: Ein Rauchverbot in kleinen Pausen vor der Tür wäre eine massive Diskriminierung – und ein Schritt Richtung Nichtraucher-Diktatur.” (zitiert nach Der NewsBurger vom 13.1.2012)

Was waren das noch für Zeiten:

Kapitalismus: Erbärmlich?

Weltweit zwischen 400.000 und 500.000 Frauen wurden minderwertige Brustimplantate der französischen Firma PIP eingepflanzt. Wenn die Silikonkissen reißen, kann der in den Körper gelangte Stoff Entzündungen und höchstwahrscheinlich Krebs verursachen.

Verantwortlich für diesen Skandal ist der Gründer der Brustimplantate-Firma PIP, Jean-Claude Mas. Auf die Vorwürfe, zur Gewinnmaximierung billiges Industrie-Silikon statt des vorgeschriebenen medizinischen Kunststoffs verwendet zu haben, sagte er laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

„Es war ein kapitalistisches Vorgehen, so ist das nun einmal. (…) Das ist vielleicht erbärmlich, aber wir leben in einer kapitalistischen Welt.“ (Jean-Claude Mas in der FAS vom 8.1.2012)

Meine Auto-Biographie

Im Alter von 19 Jahren erwarb ich für 2000 Mark eine grüne Ente. Meine erste längere Fahrt führte mich von einem katholischen Dorf in der Wetterau quer durch Deutschland zu einem kleinen Frauenbauernhof in der Nähe von Eutin. Der Besuch war meine erste Begegnung mit einer alternativen Lebensform: Auf dem Hof wohnten damals vier Frauen mit einer Pflegetochter im Teenageralter. Sie versuchten weitgehend ohne Geld auszukommen, versorgten sich mit selbst angebautem Gemüse, backten Brot und tauschten Produkte mit anderen Frauenprojekten in Norddeutschland. Aber ein Auto hatten sie natürlich auch – schon um Freitags in die Frauendisko nach Hamburg zu fahren.

Mein zweites und letztes Auto war eine nagelneue, rote Ente. Mit ihr fuhr ich zehn Jahre lang, im Sommer in die Normandie oder die Loire entlang oder ins Baskenland. Weil die Reparaturen zunahmen, verscherbelte ich sie schließlich für 500 Mark an einen jungen Mann, der sie flott machte und seiner Freundin schenkte. (Die war ob des übergroßen Frauenzeichens und den anderen Aufklebern nicht sehr angetan von dem Geschenk.)

Die ersten Wochen ohne Auto waren schwierig, zwar lebte ich längst in der Stadt, hatte in Fußweite S-Bahn, U-Bahn, Bus und Straßenbahn, aber ich hatte die emotionale Bedeutung meiner mobilen Begleiterin unterschätzt. Nachts träumte ich vom Verlust meiner Freiheit. Als ich später mit dem Rauchen aufhörte, hat es sich ähnlich angefühlt. Meine Freunde konnten das damals nicht verstehen, sie fuhren kein Auto, sondern Fahrrad. (Jetzt ist es allerdings umgekehrt, ich bin die einzige Autofreie.)

Inzwischen bin ich längst eine Verfechterin des autofreien Lebens geworden. Meistens jedenfalls: Wenn ich allerdings vom zwei Kilometer entfernten Supermarkt nach Hause gehe, links und rechts eine Einkaufstasche in der Hand und es fängt an, aus Eimern zu regnen, verfluche ich auch schon mal meine Entscheidung.

Die positiven Aspekte des Lebens ohne Auto überwiegen aber für mich. Es ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn. Zum Beispiel an gemeinsamer Zeit mit meiner Tochter, die nie angeschnallt im Auto zum Kindergarten oder zur Schule fuhr, sondern immer zu Fuß und schwätzend. Und ein Gewinn an Kontakten mit anderen Stadtteilbewohnern (Zu diesem Aspekt habe ich kürzlich den Artikel „Leben mit und ohne Blechpanzer“ gepostet)

Wer autofrei lebt, braucht eine gute Nahversorgung und er kämpft u.U. dafür. Riesige Läden auf der grünen Wiese interessieren uns Autofreie nicht. Auch das in letzter Zeit häufig angesprochene Problem, dass 40 Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden, gäbe es mit mehr Autofreien nicht. Denn wir kaufen nur, was wir auch tragen können und gehen dafür öfter einkaufen, was wiederum unserer Gesundheit zugute kommt.

Eine Leben ohne Auto wäre für meine Freundin – berufstätige, alleinerziehende Mutter von drei Kindern – undenkbar. Doch die Autofahrten aus Notwendigkeit machen nur einen Teil der gefahrenen Kilometer aus, auch die Bequemlichkeit erklärt das Fahrverhalten noch nicht:

„In Deutschland werden ein Viertel aller Bewegungen unter einem Kilometer und die Hälfte aller Bewegungen unter fünf Kilometern mit dem Auto zurückgelegt. Da die wenigsten von uns gehbehindert sind und man auf solchen Strecken mit langen Ampelphasen und Parkplatzsuche kaum schneller ist als per pedes, muss diese Fixierung mit Mentalitäten und einer Symbolik zu tun haben, die das Auto offenbar erzeugt und ikonisch am Leben erhält.“ (Claus Leggewie in „Mut statt Wut – Aufbruch in eine neue Demokratie“, Link zum Blog Mut statt Wut).

Die Lösung von dieser Fixierung führt zu einem Mehr an Freiheit und zu einem Weniger an sinnloser und umweltzerstörender Mobilität.

Ehec in Frankfurt (2) – Kein Grund zur Beruhigung

In einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat die Biologin Miriam Ruhenstroth heute darauf hingewiesen, dass es keinen Grund zur Beruhigung in Sachen Ehec gibt. Krankheitserreger wie Coli- oder Ehec-Bakterien können im Uferschlamm oder im umgebenden Boden von Fließgewässern viele Jahre überleben. Das heißt, dass z.B. die Menschen im Frankfurter Norden, wo der Ehec-Erreger im Erlenbach gefunden wurde, auch in Zukunft ihre Kinder (und Hunde) nicht am Ufer spielen lassen sollten. Das Problem betrifft allerdings sämtliche Fließgewässer, in die Abwässer eingeleitet werden, d.h. in dicht besiedelten Gegenden alle Bäche und Flüsse.

Die Ursache des Problems liegt darin, dass Kläranlagen nur 99,9 Prozent der Keime beseitigen.

„Wenn man weiß, dass in einer Abwasserprobe, die in der Kläranlage ankommt, zwischen hundert Millionen und einer Milliarde Bakterien pro Milliliter enthalten sind, dann können Sie sich ausrechnen, welchen Effekt das hat“, so der Molekularbiologe Wolfgang Eichler vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen.

Ein Grund für die gefährliche Konzentration von Bakterien in Abwässern ist, dass in Deutschland Krankenhausfäkalien ungefiltert in die Kanalisation eingeleitet werden – eine Lücke in der Abwasserverordnung, die ansonsten für Autowerkstätten und Molkereien genaue Grenzwerte vorsieht. Die Mischung aus Kolibakterien und Antibiotika, die in der Kanalisation zusammentrifft, ist hochgefährlich.

Während in der Schweiz seit einigen Jahren die Klärwerke aufgerüstet werden, ist in Deutschland derzeit nichts dergleichen geplant.

(Zitate aus: „Die dunkle Seite des Wassers“ von Miriam Ruhenstroth in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17.7.2011)

Link zu meiner Post „Ehec in Frankfurt“ vom 17. Juni 2011

Nachtrag vom 11.8.2011: Nach Aussage von Rene Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, war der Ehec-Erreger, der im Erlenbach gefunden wurde, nicht von der tödlichen Sorte, siehe Artikel in der FR vom 11.8.2011.

Ehec in Frankfurt

In Frankfurt Nieder-Erlenbach wurde ein Bauernhof geschlossen, weil auf Gemüse des Hofes der Ehec-Erreger gefunden wurde. (zum Artikel in der FNP). Der Hof bewässert sein Gemüse aus einem eigenen Brunnen.

Als vor mehr als zwei Jahren das Stadtgesundheitsamt Frankfurt seine Gewässerstudie „Hygienische Qualität der Frankfurter Bäche und Flüsse“ veröffentlichte, blieb es erstaunlich ruhig in der Stadtpolitik und in der Presse. Obwohl dort brisante Ergebnisse veröffentlicht wurden: Sämtliche Gewässer in Frankfurt sind hygienisch stark verschmutzt. In allen Bächen und Flüssen wurden außer Coli-Bakterien und Salmonellen auch der Ehec-Keim gefunden und das seit vielen Jahren. (Hier geht es zur Stadtseite, wo man den Bericht als pdf herunterladen kann)

Nachtrag vom 18.6.2011: Meine Vermutung, dass der Ehec-Erreger, der im Bewässerungsbrunnen eines Bauernhofes in Nieder-Erlenbach gefunden wurde, über den verschmutzten Erlenbach eingeschleust wurde, hat sich wohl bestätigt. Die Frankfurter Rundschau berichtet heute dass im Erlenbach der aggressive Ehec-Erreger 0104:H4 gefunden wurde, der bei Infizierten zu Nierenversagen führen kann. Die vielen Kleingärtner im Frankfurter Norden werden wohl auf ihre diesjährige Ernte verzichten müssen.

Bleibt zu hoffen, dass die Stadtpolitik endlich Konsequenzen aus den Ergebnissen der Gewässerstudie zieht. Dass eine Kläranlage Abwässer in Bäche und Flüsse einleiten darf, in denen nur wenige Kilometer weiter Kinder planschen, wie es in vielen Frankfurter Vororten passiert, z.B. in der Nidda, am Eschbach, am Erlenbach etc., ist unfassbar. Die Stadt Frankfurt weigert sich trotz der Erkenntnisse über die Gesundheitsgefahren, Hinweisschilder an den bekannten Badestellen aufzustellen.

Neu ist das Thema übrigens keineswegs, es wird nur seit Jahren möglichst tief gehängt:

„Auch wenn die Kläranlagen hohe Reinigungsstandards gewährleisten und die gesetzlich vorgegebenen Einleiterwerte einhalten, ist nicht zu verhindern, dass mit dem geklärten Wasser Fäkalkeime in die Fließgewässer gelangen. Selbst eine aufwendige Desinfektion der Kläranlagenabläufe würde nicht verhindern, dass hygienisch bedenkliche Bestandteile aus Mischwasserentlastungen der Kanalnetze und von landwirtschaftlichen Flächen in das Fließgewässer eingeschwemmt werden. Insofern werden derzeit keine erfolgversprechenden Möglichkeiten zur Verbesserung der hygienischen Gewässerqualität gesehen.“
(Antwort ST 73 vom 5.1.2010 des Magistrats auf eine Ortsbeiratsanfrage zur Wasserqualität des Eschbachs, nachzulesen in Parlis)

Dass es selbstverständlich möglich ist, die hygienische Wasserqualität von Flüssen zu verbessern, zeigt die Stadt München.
Dort wurden Abwasserdesinfektionsanlagen gebaut, die die Keimzahlen der eingeleiteten Abwässer drastisch reduzieren. Jetzt kann im Sommer wieder in der Isar gebadet werden. (hier geht es zum Artikel auf der Münchner Homepage)

Zur Post Ehec in Frankfurt 2.

Masern-Epidemie in der Oberschicht

Nachtrag zu meinem Artikel vom 4.4.2011 (Aufklärung versus Globuliserung):

„In Frankfurt grassiert eine Masern-Epidemie: Seit Jahresanfang sind 38 Menschen erkrankt, mehr als fünf Mal so viele wie im Vorjahr. 15 von ihnen kamen ins Krankenhaus, wenn auch meist nur zur Beobachtung. (…)

„Masern sind nicht harmlos. Es ist eine gefährliche Krankheit. In einem Prozent der Fälle ist der Verlauf ernst, und es kann zu Dauerschäden kommen“, sagt der Leiter des städtischen Gesundheitsamts Gottschalk. Eine von 10 000 Infektionen endet gar tödlich. Das ist für Mediziner eine relevante Größe. (…)

Gottschalk zufolge ist die Masernerkrankung eine Erkrankung von Angehörigen der Oberschicht – akademisch gebildete Eltern, die Impfungen ihrer Kinder gegenüber kritisch eingestellt sind.

Dramatisch an der gegenwärtigen Epidemie ist, dass sie junge Erwachsene trifft. Sie erkranken oft heftiger und zeigen schlimmere Beschwerden als Kinder. Von den zehn seit Januar infizierten Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren mussten neun im Krankenhaus behandelt werden. Insgesamt 15 der 38 Patienten mussten in Kliniken, weil es zu Komplikationen gekommen war oder die Ärzte diese anders nicht verhindern konnten. Als häufigste Komplikationen einer Masern-Infektion gelten Durchfall, Mittelohr- und Lungenentzündung. Auch gefährliche Hirnhautentzündungen können auftauchen, mitunter enden sie tödlich.“

(zitiert aus FNP-Artikel vom 3.5.2011 von Thomas J. Schmidt)

Aufklärung versus Globulisierung

Sein Kind einer gefährlichen Krankheit wie Masern auszusetzen, die bei Jungs zur Unfruchtbarkeit führen und sogar tödlich sein kann, ist ganz und gar nicht mütterlich, sondern schlicht und einfach Körperverletzung.

Wie das Journal Frankfurt berichtet hat, haben sich in den ersten Monaten 2011 in Frankfurt so viele Kinder mit Masern angesteckt wie 2009 und 2010 zusammen. „Bei der Virusinfektion handele es sich um keine harmlose Kinderkrankheit: Masern ziehen in manchen Fällen gefährliche Komplikationen nach sich, die unter Umständen sogar tödliche Folgen haben können. Das Gesundheitsamt warnt deshalb vor einer allgemeinen Impfmüdigkeit.“ (Journal vom 5.3.2011)

Impfmüdigkeit? Die Globuli-Mütter sind in den Großstädten seit Jahren auf dem Vormarsch und nutzen zur Verbreitung ihrer paranoiden und hysterischen Angstmache jede Möglichkeit. Als ich vor zehn Jahren im Frankfurter Frauengesundheitszentrum einen Kurs belegte, wurde mehrmals auf die „Impfsprechstunde“ hingewiesen und in der Runde abgefragt, wer sein Kind impfen lasse.

Eine Frau berichtete, dass sie auch ihr erstes Kind nicht habe impfen lassen und dieses deshalb schon mit 2 Jahren grammatikalisch richtige Sätze mit mehreren Nebensätzen sprechen konnte. Denn durchlittene Krankheiten würden das Kind stärken und intelligenter machen. Generell würde sie mit ihren Kindern nur zum Heilpraktiker gehen.

Der Glaube an die Alternativheilerei ist von massiven Allmachtsphantasien genährt: Globuli-Mütter wollen die totale Kontrolle über ihr Kind, auch darüber, was es in seinen Körper aufnimmt. Die Gabe von Globuli beginnt häufig schon im Säuglingsalter. Ob Ausschlag, Insektenstiche oder Quengeln und Schreien, es werden Kügelchen abgezählt. Und dann wartet die Globuli-Mutter. Hilft es nicht, dann hat die „Erstverschlimmerung“ eingesetzt. Lässt der Ausschlag, die Hautschwellung, das Schreien nach, sieht die Gläubige darin einen schlagenden Beweis für Homöopathie und gegen die „Schul“-Medizin.

Die Zuckerkügelchen sind Gaben, die das Kind an die mütterliche Hingabe gemahnen sollen. Wie die Hostie ein Gleichnis für den Opfertod Jesu ist und zugleich seine Allgegenwärtigkeit betont, ist die Globuli-Gabe der Mutter Zeichen ihrer Macht und die Einnahme durch das Kind eine Unterwerfungsgeste.

Weitere Artikel zum Thema:
„Viele Menschen leiden unter Homöopathie. Sie wissen es nur meist nicht.“ (Ulrich Berger, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, ist Professor für VWL an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat und im Vorstand der GWUP und bloggt in scienceblogs über Pseudowissenschaft und verwandte Themen.)

„Homöopathie ist reiner Aberglaube, der es allerdings erfolgreich geschafft hat, sich in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden.“ (Florian Freistetter im Artikel Homöopathische Visionen: mit Globuli gegen die Strahlenkrankheit in scienceblogs. Er ist Astronom, promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet.)