„Der einzige Mann auf dem Kontinent“ von Terézia Mora

Darius Kopp geht es gut, sehr gut. Er ist der einzige Vertreter einer amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke in Mitteleuropa und lässt es sich in jeder Hinsicht gut gehen. Er ist ein netter Kerl. Vielleicht etwas übergewichtig, aber seine Frau stört das nicht. Öffentliche Verkehrsmittel hasst er wie nichts auf der Welt, außer vielleicht seine Vergangenheit, die ihn in Form von Mutter und Schwester noch immer behelligt.

Wie sich dieses Leben innerhalb einer Woche als Fassade entpuppt, hinter der das Chaos lauert, schildert Terezia Mora in ihrem Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“. Darius Kopps Büro – eine mit Kartons voll gestellte Abstellkammer – steht sinnbildlich für alle verdrängten und verlegten Tatsachen seines Lebens.

Die Leichtigkeit des Romans, mit dem es Mora auf die Longlist des Deutsches Buchpreises 2009 geschafft hat, weicht im Laufe der Geschichte einer zunehmenden Beklemmung. Darius verliert den Überblick. Eine im Büro abgegebene Kiste mit 40.000 Euro setzt eine Dynamik in Gang, an deren Ende er fast alle seiner Gewissheiten verliert.

Moras Protagonist weckt trotz seiner Schwächen und seinem ausgeprägten Hang fürs Gute und Teure keine Schadenfreude beim Leser. Er wirkt wie ein tapsiger Hund – lieb, aber etwas simpel – und so hoffen wir am Ende mit ihm, dass wenigstens seine Frau zu ihm zurück kehrt.

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent, Verlag Luchterhand, 384 Seiten, ISBN: 978-3-630-87271-, 21,95 Euro

Peter Stamm: Sieben Jahre

Die Welt zu verändern suchen, wenn auch nur in Bruchstücken, um so das zu vergessen, was wir nicht besitzen können.

Alles hat sich wunderbar gefügt im Leben von Alex. Das Architekturstudium hat er erfolgreich abgeschlossen, die schöne Sonja, ebenfalls Architektin, hat ihn erwählt, das gemeinsame Büro läuft gut an. Beider Leidenschaft gilt der Arbeit, sie verstehen sich gut und führen eine vernünftige und erfolgreiche Beziehung. Was fehlt? Die Unvermeidlichkeit, das „Es muss sein“.

Iwona, eine illegal in Deutschland lebende Polin, hingegen liebt Alex grenzenlos und unerbittlich. Diese Liebe gibt ihrem Leben Sinn und wird nie hinterfragt. Auf unerklärliche Weise bindet sie Alex an sich. Sieben Jahre sehen sie sich nicht, dann wird sie Alex Geliebte:

„Es war nicht Lust, die mich an sie band, es war ein Gefühl, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr empfunden hatte, eine Mischung aus Geborgenheit und Freiheit.“

Iwonas Perspektivlosigkeit scheint Alex reizvoller als die Getriebenheit des eigenen bürgerlichen Lebens. Als in einer längeren Krise das Architektur-Büro Insolvenz anmelden muss, ist Alex fast erleichtert:

„Mein Abstieg war eine große Beruhigung nach Jahren der Anstrengung.“

Peter Stamm, der mit seinem Roman für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, ist ein wunderbarer Erzähler. Wie Stephan Thomes „Grenzgang“ wirkt die Geschichte aktuell, die Figuren scheinen gegenwärtig, der Autor ist zurückhaltend und uneitel. Es ist ein ganz ähnliches Setting (Menschen in den Vierzigern, die auf die erste Hälfte ihres Lebens zurückschauen und versuchen, dem Leben eine neue Wendung zu geben), aber Stamms Protagonist hat den leichten Weg gewählt und rutscht so ins falsche Leben, während Thomes Protagonist am Ideal gescheitert war und dieses Scheitern als Lebensgefühl kultivierte.

Sehr zu empfehlen, auch als Weihnachtsgeschenk für Männer (während Thomes Buch doch eher ein „Frauenbuch“ ist).

Peter Stamm: Sieben Jahre
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN-10 3100751264, ISBN-13 9783100751263, 304 Seiten, 18,95 EUR

„Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt

Es war ein Muss, diesen Roman zu lesen. Kathrin Schmidt hat für „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis 2009 erhalten. Ich aber hatte den Preis für Stephan Thome und sein Debüt „Grenzgang“ erhofft. Es war eine Frage des Respekts, Schmidts Roman zu lesen, so wie man eine Abend-Einladung wahrnimmt, zu der man überhaupt keine Lust hat, weil man den Gastgeber nicht kränken will. Und wie solche mit Unlust begonnenen Abende immer die nettesten werden, so verließ mich auch im Laufe der Lektüre meine Abwehr. Eine Abwehr, die sich gegen die „Zumutung“ des Themas richtete.

Es kostete mich Überwindung, einen Roman von und über eine Frau zu lesen, die darin von ihrem Schlaganfall erzählt. Auch weil meine Lektüre des (sehr empfehlenswerten) Sachbuches „Mit einem Schlag“ der Hirnforscherin Jill B. Taylor noch nicht lange zurücklag, das ebenfalls aus eigener Erfahrung die Zeit nach dem Schlaganfall thematisiert.

Kathrin Schmidt beschreibt die Versehrtheit ihrer Protagonistin Helene in schonungsloser Offenheit. Manchmal war mir das zu intim. Manchmal habe ich mich an den Worten gestoßen, die Helene mühsam wiederentdeckte und „ausprobierte“. Doch immer mehr ließ ich mich hinein ziehen in diesen Prozess der Selbstfindung und Selbstvergewisserung. Helene erinnert sich nur langsam an die Zeit vor dem Platzen des Aneurysma. Dass sie Mutter, Ehefrau und Schriftstellerin ist, wird schnell offenbar, aber an ihre Liaison mit einer Transfrau (Mann, der das Geschlecht gewechselt hat) erinnert sie sich nur mühsam. Ich gebe zu, dass mich diese Liebesgeschichte nicht überzeugt hat. Ob der Teil nun biographisch ist oder nicht, es ist ein Zuviel an Identitätsverwirrung. Mir kam der Verdacht, dass das Transgender-Motiv aus feministisch-korrekten Gründen aufgenommen wurde.

Gerne habe ich Schmidts Beschreibung der Lebensverhältnisse im Osten gelesen. Noch immer scheinen die Gewichtungen andere als bei uns im Westen zu sein. Kinder sind wichtig, Liebe, Freundschaft und die Arbeit. Mode interessiert Helene nicht. Exemplarisch hierfür ist die Stelle, in der Helene von ihren Stoff-Turnschuhen zum Joggen erzählt, erst von ihrem Mann erfährt sie, dass es heutzutage spezielle Jogging-Schuhe gibt. Wie ja auch der ganze Roman vom Existenziellen handelt, vom Wesentlichen und ohne Überbau auskommt.

Fazit: Ein mutiges, ehrliches Buch, das sich zu lesen lohnt.

Kathrin Schmidt: „Du stirbst nicht“, ISBN-10: 3-462-04098-7, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 347 Seiten, 19,95 Euro

„Grenzgang“ von Stephan Thome – Das schönste Buch des Jahres

„Wie ein Netz mit Apfelsinen hält sie ihre Erinnerungen in den verschränkten Armen und fühlt, wie das Netz zu reißen beginnt, sieht sich schon in die Knie gehen und die Früchte einsammeln, die über den Boden rollen bis zu seinen Füßen.“

Kerstin Werner, eine geschiedene Mittvierzigerin und Thomas Weidmann, Verlegenheitslehrer, weil aus der Karriere als Historiker in Berlin nichts geworden ist, bilden das (mögliche) Paar, von dem das schönste Buch des Jahres handelt.

Heute morgen habe ich meine Liaison mit diesem Buch beendet und es schmerzte wie jede Trennung schmerzt. Weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2009 geht an Kathrin Schmidt

Mit ihrem Roman „Du stirbst nicht“ hat Kathrin Schmidt die Jury des Deutschen Buchpreises 2009, der u.a. Hubert Winkels und Iris Radisch angehören, überzeugt.

Die von der Entscheidung sichtlich überraschte Autorin sagte in ihrer kurzen Dankesrede, sie freue sich noch mehr über den Literaturnobelpreis für Herta Müller als über ihren eigenen Preis.

Ich saß im Kaisersaal nur drei Reihen hinter Stephan Thome, dessen Roman Grenzgang (zu meiner Rezension des Romans „Grenzgang“) mich noch ganz gefangen hält und dem ich den Preis für sein Romandebüt sehr gewünscht habe. Als ich ihm heute abend meine Bewunderung ausgesprochen habe, wirkte er auch etwas enttäuscht.

Für Irritationen sorgte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, weil er bei der Vorstellung der nominierten Autoren ausgerechnet Norbert Scheuer vergaß. In meiner Nähe saßen Verleger, u.a. Florian Langenscheidt, die auf Scheuer als Preisträger des Deutschen Buchpreises setzten. Auch die Frankfurter Oberbürgermeisterin Roth konnte mit ihrer in der Begrüßungsrede beschworenen Frankfurter Symbiose von Geld und Geist nicht wirklich überzeugen.

Gert Scobel hat souverän und mit leichter Hand durch den Abend geführt. Danach gab es in den Römerhallen noch einen Empfang mit großem Buffet, bei dem sich die Kulturschickeria auf sechs Tage Buchmesse und viele Events einstimmen konnte.

Deutscher Buchpreis 2009 – „Zeit-Fliegen mögen einen Pfeil“

Am 12.10. 2009 wird zur Eröffnung der Buchmesse 2009 der Deutsche Buchpreis im Frankfurter Römer verliehen – und ich bin dabei!

Nach einer kurzen Sichtung der Romane, die es auf die Shortlist geschafft haben, habe ich mir „Grenzgang“ von Stephan Thome gekauft. Dass ich mich für seinen Roman entschieden habe, hat keine literarischen sondern rein subjektive Gründe. Die Geschichte spielt in der hessischen Provinz, die Protagonisten sind „in diesem vertrackten mittleren Alter, wenn man nicht mehr jung ist, alt aber noch nicht sein möchte“ (Sandra Kegel in der FAZ) und sie sind – natürlich – auf der Suche nach Glück. Auf so eine Geschichte hatte ich gerade Lust. Ich habe jetzt 150 Seiten des Romans gelesen und bin begeistert. Auch wenn der Autor selbst von einem eher depressiven Grundton seines Buches spricht, ist die Wirkung auf den Leser eine ganz andere: Es ist durchaus tröstlich und sogar aufmunternd, wie Thomes Figuren ihre Lebenslage bedenken und mit der Gefahr des Scheiterns umgehen.

Das Buch von Norbert Scheuer „Überm Rauschen“ hatte ich auch in der Hand, aber die in der Eifel spielende Vater-Sohn-Geschichte konnte mich trotz des äußerst sympathischen Lächelns des Autors auf dem Cover nicht so schnell gefangen nehmen.

Eine Leseprobe des Romans „Frequenzen“ von Clemens J. Setz brachte mich gleich zum Lachen. Setz` Romanfigur Steiner übersetzt die Aufschrift seines Pyama-Oberteils „Time flies like an arrow“ nämlich so: Zeit-Fliegen mögen einen Pfeil. Das Buch könnte also Spaß machen.

Außerdem stehen noch Rainer Merkel mit „Lichtjahre entfernt“, Herta Müller mit „Atemschaukel“ und Kathrin Schmidt mit „Du stirbst nicht“ auf der Shortlist. Es wird sicher spannend.

Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, der den Buchpreis 2008 erhielt, gehört zu den Büchern, an denen ich kläglich gescheitert bin. Nach 500 Seiten habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass mich die Geschichte je in ihren Bann schlagen könnte. Dieses in meinem Bücherregal seltene Schicksal eines nicht zu Ende gelesenen Buches teilt der Roman mit „Der Butt“ von Günther Grass.