Fliehkräfte von Stephan Thome

Warum machen auch Romane glücklich, die von unglücklichen Protagonisten erzählen? Worin besteht der Unterschied zwischen einem lediglich gut geschriebenen Buch und einem Buch, das in uns nachwirkt und uns bereichert?

Weil mich diese Fragen nach der Wirkung von Literatur schon früh beschäftigten, habe ich mich während meines Soziologie-Studiums auch mit Tiefenhermeneutik beschäftigt. Dieses sozialpsychologische Verfahren versteht Literatur als „kulturelle Objektivation“, die sich durch „szenisches Verstehen“ erklärt. Das hat mir damals großen Spaß gemacht, ermöglichte es mir doch, viele Monate mit der Lektüre von Marlen Haushofers Romanen und Erzählungen zuzubringen.

Das ist lange her. Heute könnte ich es nach der Lektüre von Stephan Thomes neuem Roman „Fliehkräfte“ auch einfach bei dem Ausrufer „Ich liebe diesen Mann!“ belassen. Weiterlesen

Longlist 2012

Heute wurde die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2012 bekannt gegeben. Die Vorauswahl der 20 besten deutschen Romane enthält u.a. verdiente Autoren wie Ernst Augustin („Robinsons blaues Haus“), Ursula Krechel („Landgericht“) und Sten Nadolny („Weitlings Sommerfrische“), den „Star-Autoren“ Rainald Gotz mit seinem Roman „Johann Holtrop“ und zwei Autoren, die bereits für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert waren: Clemens J. Setz mit „Indigo“ und Stephan Thome mit seinem Buch „Fliehkräfte“.

Auf „Fliehkräfte“ freue ich mich wahnsinnig, denn drei Jahre ohne neue Thome-Lektüre waren ziemlich hart. Wer seinen Roman „Grenzgänge“ noch nicht gelesen hat, sollte das tunlichst nachholen!

„Sturz der Tage in die Nacht“

Lesung auf der Buchmesse
Antje Ravic Strubel mit Lektorin im Paschen Salon auf der Buchmesse 2011

Ein junger Student, in die Erzählung eingeführt als einer, der sich nach ein paar Semestern Jura und Soziologie jetzt endgültig für das Studium von Wirtschaft und Politik entschieden hat, weil er „hellblaue oder cremefarbene Hemden mit Seidenkrawatten unter leichten Schurwollanzügen“ tragen will, „und zwar täglich“, verliebt sich während seines Sommerurlaubs. Sie ist eine 16 Jahre ältere Vogelforscherin auf einer schwedischen Insel und weist ihn in die Geheimnisse der „Trottellummen“ ein. Diese Vögel besiedeln zum Brüten hohe Klippen, von denen die Jungvögel später ins tiefe Meer springen oder geschubst werden, wo die Eltern sie in Empfang nehmen. Erik und Inez, eine einsame Insel, die unglaublichen Vögel, die Mitternachtsonne, alles Zutaten für eine außergewöhnliche Liebesgeschichte.

Wäre da nicht ein weiterer Inselbesucher: Rainer Feldberg, der mit seinen Stasi-Methoden Inez‘ alte DDR-Heimat auf die kleine Ostsee-Insel mitbringt. Nach und nach enthüllt sich die Lebensgeschichte von Inez und damit auch Eriks Herkunft.

Antje Ravic Strubel ist eine wunderbare Erzählerin. „Es hatte begonnen, wie es immer beginnt. Es beginnt immer unmerklich.“

Die zarte Sprachmelodie der Autorin lockt uns in eine sinnliche Gegenwart, die bedroht ist von den Gespenstern der Vergangenheit.

Ich empfehle diesen Roman. Er zeigt kein „fragwürdiges kleines Gefühlsbiedermeier“, wie die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen (bei der sich Antje Ravic Strubel im Nachwort bedankt) in einem Interview in der FAZ eine Tendenz der Gegenwartsliteratur beschreibt.

„Die Sehnsucht hat jetzt einen Ort, an dem sie sich wieder und wieder entzündet.“ Antje Ravic Strubel in Sturz der Tage in die Nacht

Wer erhält den Deutschen Buchpreis 2011?

Von meinen Favoriten hat es nur Jan Brandt auf die ofizielle shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011 geschafft. Gestern hat er im Feuilleton Spezial der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung „Geld und wir“ erzählt, wie er seinen Roman „Gegen die Welt“ in zehn Jahren geschrieben hat, ohne Verlag und Vorauskasse.

Hier einige Pressestimmen zu seinem Debütroman:

„Gegen die Welt“ hat alle Tugenden eines altmodischen Romans: einen Ort, eine Geschichte, einen Ton, einen Konflikt und viele Figuren, die man nachher zu seinem Bekanntenkreis zählt. „Eine Idee haben heißt: Man weiß, was man erzählen will, eine Geschichte von einem Haus oder von einem Menschen auf dem Mond.“ So steht es in Elisabeth Borchers „Geschichte vom Buch“, die der Roman zitiert. Jan Brandt hat sich für den Mond entschieden. (Die Welt)

„Brandts 900-Seiten-Epos „Gegen die Welt“ ist absolut herausragend, die groß angelegte Geschichte eines jugendlichen Außenseiters, der den bösen Mächten in der miefigen Provinz nichts als seine Gutgläubigkeit entgegensetzen kann. Was zu wenig ist. Brandts mäanderndes Riesenwerk steuert direkt auf die Apokalypse zu. Die Handlungsstränge strecken und recken sich, das auftretende Personal wuchert mit seinen Lebensgeschichten: Als Leser verliert man sich gerne in dieser üppig komponierten Geschichte eines Scheiterns, weil sie nie langweilig ist.“ (Hamburger Abendblatt)

„Etwas weniger Hyperrealismus hätte dem Buch gut getan. Da gibt es zu viel Banales, zu viele Details. Doch immer wenn der Leser droht auszusteigen, entzündet Brandt ein neues Streichholz und beginnt eine neue, finstere Ecke der Dorfgemeinschaft auszuleuchten. So entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Dass es das 900-Seiten-Werk nun auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, ist also keine Überraschung.“ (Deutschland Radio)

Weitere Kritiken von „Gegen die Welt“ hat Perlentaucher zusammengestellt.

Nachtrag vom 10.10.2011, 18:52 Uhr:

Eugen Ruge erhält den Deutschen Buchpreis 2011 für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Buchmesse 2011 – Vorfreude

Jetzt sind es nur noch wenige Tage bis die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten öffnet. Morgen wird im Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis 2011 verliehen. Ich wäre gern dabei, habe mich aber zu spät um eine Einlasskarte bemüht. 2009 war ich dabei und zehre noch heute von meinem kurzen Gespräch mit Stephan Thome, seufz.

Die Frankfurter Buchmesse hat einen sehr guten Online-Service, man kann sich auf ihren Seiten seinen eigenen Terminkalender zusammenstellen und als PDF-Datei abspeichern.

Meine Buchmesse beginnt wahrscheinlich mit dem „Open Talk: When ideas meet – Wie wird aus Begegnungen neues Denken?“ mit Juergen Boos, Karin Fischer, Prof. Gerald Hüther, Richard David Precht und Marion Schwehr. (12.10.2011, 12:00 – 13:00 Uhr, Messegelände, Open Space Agora).

Danach um 14 Uhr steht das Gespräch zwischen Wilhelm Genazino und Denis Scheck auf meiner Liste. (Veranstaltungsort Messegelände, Forum, ARD Bühne, ARD Forum, Ebene 0). Genazinos neues Buch „Wenn wir Tiere wären“ hat mir gut gefallen.

Am meisten freue ich mich aber auf das Lesezelt. Sich entspannt mit Kaffee oder Wein in eine Nische setzen und „seinen“ AutorInnen lauschen, ist einfach wunderbar! Am Sonntag kommen zum Beispiel Katja Kullmann („Echtleben“) und Andreas Altmann („Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“). Ich werde berichten.

„Letzte Fischer“ von Volker Harry Altwasser

Was ist eine Kurznasenseefledermaus? Was macht ihre Haut so wertvoll, dass für einen Fisch mehr als zweihundertausend Euro bezahlt werden?

Auf kein Buch war ich nach Lektüre der diesjährigen Longlist-Leseproben (Longlist = die 20 nominierten Romane für den Deutschen Buchpreis) mehr gespannt als auf „Letzte Fischer“ von Volker Harry Altwasser.

Altwasser kennt sich aus auf dem Meer, hat er doch selbst als Matrose gearbeitet. Der Roman ist streckenweise spannend und auch lehrreich: Ich werde mich in Zukunft vehement gegen Walfang aussprechen, nie wieder den Analog-Fisch Pangasius essen, mich ausführlich über Fischfarmen informieren, meiner Tochter ein Buch über Libellen schenken und meinen nächsten Urlaub an der Ostsee verbringen.

Trotz all dieser Wirkungen und einer durchaus angenehmen Leseerfahrung hat der Roman bei mir den Eindruck hinterlassen, dass der Autor zuviel wollte. Was es mit der Haut der Kurznasenseefledermaus auf sich hat, erfahren wir leider nicht, dafür alles über das Peter-Pan-Syndrom.

Überhaupt: Die schwachen Männer, die nicht reden können, die starken – weil emotionalen – Frauen, dieses Motiv hat mir Altwasser zu dick und vor allem zu pädagogisch aufgetragen. Auch der permanente Konjunktiv hat mich anhaltend irritiert.

Altwasser hat Auszüge seines Textes beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgetragen. Ich stimme mit Bedauern der Beurteilung der Jury zu: „Kann Anspruch nicht einlösen“.

Volker Harry Altwasser: „Letzte Fischer“, 503 Seiten, ISBN 978-3-88221-554-0, 24 Euro.

Deutscher Buchpreis 2011 – Shortlist

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat heute die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011 bekannt gegeben. Die Jury, bestehend aus Ina Hartwig, Christine Westermann, Maike Albath, Ulrike Draesner, Gregor Dotzauer, Clemens-Peter Haase und Uwe Wittstock, hat sich für folgende Romane entschieden:

• Jan Brandt, Gegen die Welt (DuMont, August 2011)

• Michael Buselmeier, Wunsiedel (Das Wunderhorn, März 2011)

• Angelika Klüssendorf, Das Mädchen (Kiepenheuer & Witsch, August 2011)

• Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg (Suhrkamp, September 2011)

• Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt, September 2011)

• Marlene Streeruwitz, Die Schmerzmacherin. (S. Fischer, September 2011)

Meine Shortlist sah anders aus. Gerade habe ich die ersten Seiten von „Letzte Fischer“ von Volker Harry Altwasser gelesen: Es beginnt äußerst vielversprechend.

Der Deutsche Buchpreis wird als Auftakt zur Frankfurter Buchmesse verliehen. Welcher Autor der Shortlist den Preis erhält, wird erst am Abend der Preisverleihung bekanntgegeben. 2009 war ich bei der Preisverleihung im Kaisersaal des Frankfurter Römers dabei, damals war ich völlig begeistert vom Roman „Grenzgang“ und seinem Autor Stephan Thome (zum Blogbeitrag vom 12.9.2009).

„Wenn wir Tiere wären“

Leben wir das richtige – uns gemäße – Leben? Wie wäre es, wenn wir dem Leben nochmal eine entscheidende Wende geben würden: Ein anderer Job, ein anderer Liebespartner, eine andere Wohnung und andere Hobbys?

„Wenn wir Tiere wären“ blieben uns und Genazinos Held solche Fragen erspart. Kein Tier fühlt den Druck, seinen Begabungen gerecht zu werden und den Ansprüchen des Zeitgeistes zu entsprechen.

Wilhelm Genazino wurde mit seinem neuen Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Es ist der zweite Roman (nach „Ein Regenschirm für diesen Tag“), den ich von Genazino lese und auch diesmal erinnert mich der Protagonist an alte Bekannte, z.B. an meinen ehemaligen Mitbewohner M. oder an meinen Freund A. Männer, denen das Stadtleben häufig zuviel wurde, die wochenlang keine Briefe öffneten oder erst in den späten Abendstunden die Wohnung verließen, in der Hoffnung, in der Stammkneipe jetzt nur noch bekannte Gesichter zu sehen.

Während ich also bei der Lektüre an alte Freunde denke und mich frage, wie sie heute wohl zurecht kommen, reagieren andere Leser mit ausgeprägtem Widerwillen auf Genazinos Alltagsprosa. So schreibt Richard Kämmerlings in Welt online:

„Das Erstaunlichste (…) ist, dass Genazino in seinem Leben nur ein einziges Buch geschrieben hat – das freilich immer wieder unter anderem Titel. Sein Evergreen ist eine Geschichte aus dem deprimierenden Alltag eines mittelalten, mittelschlauen, mittelreichen Mannes, der meist zwischen zwei mittelscharfen Frauen und neben sich selbst steht. (…)

Der peinliche Konstruktionsfehler verrät das Grundproblem dieser Depressions-Prosa: Genazino hat keinen Stoff und keine Story, sondern nur den eigenen, stereotyp angeekelten Blick auf die Konsum- und Arbeitswelt, den er seinen Kopfgeburten von Figuren unterschiebt.“

Der Vorwurf, der Autor habe im Grunde unter vielen Titeln immer nur ein einziges Buch geschrieben, ist ziemlich unoriginell. Das haben manche Feuilletonisten z.B. auch von den Schriftstellerinnen Anita Brookner und Marlen Haushofer gesagt. Haushofers Roman „Die Wand“ (Erstveröffentlichung 1963) wurde gerade mit Martina Gedeck verfilmt. Was macht diesen Roman aus, dass er fast fünzig Jahre nach Erscheinen verfilmt wird? Seine Wirkung. RomanheldInnen, die unsicher, depressiv, grüblerisch sind, hinterlassen eben gerade keine unsicheren, depressiven und grüblerischen LeserInnen!

Die Wirkung von Genazinos „Ein Regenschirm für einen Tag“ war doch: Manchmal wird alles gut, ohne eigenes Zutun, ohne Konkurrenzkampf und Selbstaufgabe. Was war das 2001 für eine wunderbare Botschaft für den deutschen Leser. Und wie entspannend!

Welche Botschaft könnte hingegen im neuen Roman stecken? Dem Helden geht es gut, er ist freiberuflicher Architekt, seine Freundin Maria versteht ihn und trinkt nur ab und zu ein Glas Wein zuviel. Aber dann stirbt ein Freund und unser Held kann der Gelegenheit nicht widerstehen, nochmal ein ganz anderes Leben auszuprobieren, als angestellter Architekt und mit einer anderen – wohlhabenden und Kultur beflissenen – Frau. Die Rolle des finanziell abgesicherten Mannes mit der Moral eines Kleinbetrügers, die er von seinem verstorbenen Freund übernimmt, bringt ihn in der Knast – und zur Besinnung. Am Ende wird mit Maria alles wieder ziemlich gut, okay: einigermaßen erträglich – aber das reicht ja wohl, gell.

Ich bin sicher, auch in den nächsten Jahrzehnten werde wir mit Genuss Romane von Genazino lesen, die von instabilen Männern in modernen Großstädten handeln.