Keine Klassenliebe. Zu Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (1)

Er hat seine Familie verleugnet, den Kontakt mit den Eltern und Brüdern abgebrochen und 35 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, ein Buch über das Wiedersehen mit der Mutter geschrieben. Da müssen schlimme Dinge passiert sein, denkt die Leserin, Gewalt oder Missbrauch und liest im Klappentext: „Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und das es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen.“
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Neujahrswünsche für 2016

Vor elf, zwölf Jahren während eines Urlaubs an der Ostsee, überlegten wir, unser altes Leben hinter uns zu lassen und mit der Tochter, die damals noch in der Krabbelstube war, in den Norden zu ziehen und in einem der Ferienorte am Meer eine Buchhandlung zu eröffnen. Die Idee war keineswegs so spinnert, wie es sich jetzt anhört, da mein Mann einst eine Buchhandelslehre gemacht hat und schon sein ganzes Leben in der Buchbranche arbeitet, ich gerne lese und über Bücher spreche und schreibe.

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Deutscher Buchpreis 2015: Longlist

Heute vormittag wurde die Longlist bekannt gegeben: KLick zum Buchreport

Ich freue mich besonders für Alina Bronsky und Clemens Setz.

Auch Peter Richter hat es mit 89/90 auf die Longlist geschafft. Das Buch steht seit einigen Wochen in meinem Bücherregal. Nach den ersten soeben gelesenen Seiten ist es vielversprechend – es wäre eine wirkliche Sensation, wenn ein Buch, bei dem der Leser etwas zu lachen hat, den Deutschen Buchpreis erhielte.

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Disziplin und gute Bücher

„Warum können wir nicht mehr lesen – Was macht das Digitale mit unserem Gehirn und können uns Bücher davon befreien?“ fragte vor wenigen Monaten Hugh McGuire. André Pleintinger hat den Artikel aus dem Englischen übersetzt, den ich allen (ehemaligen?) Bücher-LeserInnen sehr ans Herz lege. (KLICK)

Auch ich habe in den vergangenen Jahren zahlreiche rationalisierende Argumente für die Tatsache gefunden, dass es mir schwerer fällt, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Wir hängen alle an der Leine und müssen uns mühsam losreißen von der digitalen Sphäre, weil wir sonst etwas wesentliches verlieren: Die Fähigkeit, uns allein mit einem Text ganz in der Welt zu fühlen.

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Was macht eigentlich…

Norbert Niemann?

Ich habe mich das in der Vergangenheit öfter gefragt. Noch immer klingt sein TAK TAK TAK in meinen Ohren, wenn ich an den Ingeborg-Bachmann-Preis 1997 denke. Mit einem leidenschaftlichen, fast aggressiven Vortrag aus seinem Roman „Wie man´s nimmt“ gewann er den renommierten Preis. Meine Bereitschaft zur Bewunderung war auch damals schon recht ausgeprägt. Ich schrieb eine Besprechung über das Buch und besuchte seine Lesung im Frankfurter Literaturhaus, wohin ihn seine Mentorin, die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Silvia Bovenschen begleitete:

Norbert Niemann liest im Literaturhaus Frankfurt 1997, links neben ihm: Silvia Bovenschen  (Foto: Carmen Treulieb)
Norbert Niemann liest im Literaturhaus Frankfurt 1997, links neben ihm: Silvia Bovenschen
(Foto: Carmen Treulieb)

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Stephan Thome liest aus neuem Roman Gegenspiel

Zweieinhalb Jahre mussten wir warten, bis Stephan Thome einen neuen Roman geschrieben hat. Übermorgen erscheint „Gegenspiel“, der die Geschichte von Marie erzählt, die mit 18 Jahren Portugal verlässt und nach Berlin reist, um dort ein unabhängiges Leben zu führen – was Mitte der Siebziger für eine junge Frau kein leichtes Unterfangen war.

Zwei Termine führen Stephan Thome bei seiner Lesereise ins Rhein-Main-Gebiet: Am Sonntag, dem 25.1, liest er ab 11.30 Uhr in der Stadtkirche Darmstadt, am 27.1.2015 wird er ab 20 Uhr in der Frankfurter Romanfabrik aus seinem neuen Roman vorlesen. Alle Termine seiner Lesereise stehen hier (Klick)

( Ein aktueller Zeitungsbericht zu Stephan Thome hier: Klick

Hier geht es zu meinen Besprechungen von Stephan Thomes Romanen „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“.)

„Die kurzen und die langen Jahre“

Ich hatte einmal einen Freund, der schrieb gern Briefe. Nächtelang saß er in seiner Dachwohnung mit den Fenstern in Kniehöhe und hackte auf seine Schreibmaschine ein. (Es waren die 80er des letzten Jahrhunderts, Computer noch selten und günstiger Wohnraum in Frankfurt hatte schon damals seine Tücken). Er zitierte lange Passagen von Max Frisch und Marx, meist verstand ich nur die Hälfte seiner Gedankengänge, aber ich war glücklich, eine der Adressatinnen zu sein. Er war mein bester Freund, aber es konnte passieren, dass ich nachts in die Nordend-Kneipe kam und er am Tresen saß und mich nicht beachtete. Ich hasste ihn dafür. Dann aber schrieb er mir wieder Briefe oder Postkarten und ich war versöhnt. Weiterlesen