Gedanken beim Lesen – „Allein“ von Daniel Schreiber

Als ich E. kennen lernte, lebte sie schon lange allein. Ihr Mann war seit vielen Jahren im Pflegeheim und wenn die Ehe auch nicht gut gewesen war, so besuchte sie ihn doch jede Woche und unterhielt ihn mit Filmen und Büchern, die sie im Blick auf sein schwindendes Bewusstsein aussuchte. Sie hatte zwei beste Freundinnen, die eine starb vor ein paar Jahren in E.s Beisein – sie hatten für den Notfall, der ja dann auch eingetreten war, die Wohnungsschlüssel der anderen. Ihre andere Freundin lebte in Italien, kam aber für gemeinsame Kurzurlaube nach Deutschland. E. war eine kleine zierliche Frau mit einer starken Persönlichkeit. „Ich komme gut mit mir aus“, sagte sie einmal, „und bin gern allein“. Um geistig fit zu bleiben, nahm sie wöchentlich an einem Gedächtnistraining teil – bis Corona kam. Es folgten Lockdowns, die Einstellung aller Angebote für Senioren und Einsamkeit. Als ich sie im Winter anrief, wusste sie nicht mehr, wer ich bin. Sie verstarb im April.

Das ist eine traurige Geschichte und sie ist für mich prägend in meiner Pandemieerfahrung, weil sie die ganze Fragilität unseres Lebens offenbart. Inzwischen sind viele Menschen geimpft, haben den Sommer genossen und das Reisen, doch die dunkle Wolke schwebt erneut auf uns zu.

Mein herbstliches Highlight, die Frankfurter Buchmesse, ist für mich schon zum zweiten Mal ausgefallen. Mit einer chronischen Sinusitis wird der Bewegungsradius in Zeiten, die das Maskentragen erfordern, ziemlich klein. Aber die Videos vom Blauen Sofa, die ich via ZDF-Mediathek gesehen habe, waren bis auf wenige ohnehin ziemlich traurig. Bei diesem Format, mit einem 15 Meter entfernten und großflächig hinter einer Absperrung verteilten Publikum, konnte selbst ein Edgar Selge nicht überzeugen. Dabei habe ich ein unvergessliches kulturelles Erlebnis ihm zu verdanken: Sein Vortrag der Duineser Elegien irgendwann in den 90ern in der Frankfurter Schirn.

Und doch habe ich an diesem Buchmessentag auf dem heimischen Sofa einen Autor entdeckt, der mich inspiriert wie lange keine/r mehr: Daniel Schreiber und sein Essay Allein.

Ein Gedanke zu “Gedanken beim Lesen – „Allein“ von Daniel Schreiber

  1. Stefan 31. Oktober 2021 / 15:38

    Liebe Carmen,
    ich weiß nicht, wie ich den letzten Winter überstanden habe. Ich habe wohl wochenlang niemanden persönlich getroffen. Außer vielleicht, mit viel Abstand, in der Einkaufsstraße. Die Übergabe einer Drucksache bekam schon konspirative Züge.

    Meiner Mutter hingegen, die schon lange im Heim lebt, hat die Isolation nicht so schlecht getan wie wir befürchtet hatten. Sie hat vielleicht dann mal bemerkt, dass ihr nicht alles gebracht und abgenommen wird und sie sich ein Stück auch ins Heim integrieren muss. Man sollte auch hinzufügen, dass ihr nicht mehr verständlich war, was Corona bedeutete. Andere im Heim, die die Isolation bei vollen geistigen Kräften erlebten, haben wahrscheinlich schwerer gelitten. Demenz kann auch Vorteile haben.

    Herzliche Grüße
    Stefan

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