Krisenzeiten 10: Rausch

Wird man in 10 Jahren noch wissen, was im Frühjahr 2021 mit „Öffnungsrausch“ und „Verweilverbot“ gemeint war? Erstere Vokabel hat gestern der bayerische Ministerpräsident Markus Söder benutzt. Er meinte damit, die vorsichtige Aufhebung des Shutdowns (oder wie Heribert Prantl sagt: des Notstands), also der Wiedereröffnung von Gastronomie, Kultur etc. nach 4-monatiger Schließung (und einem ersten Lockdown von Mitte März bis Anfang Mai 2020) dürfe nicht in Ekstase geschehen. Ich bezweifele, dass nach diesem Jahr der Pandemie noch viele Leute diesen lustvollen Zustand kennen.

Mit „Verweilverbot“ hat sich die Stadt Düsseldorf in die Schlagzeilen geschrieben. Dort darf man aktuell bei einem Spaziergang am Rheinufer nicht mehr auf einer Bank sitzen oder auch nur stehen bleiben.

In einem Rausch scheinen sich auch einige Follower in meine Twitter-Timeline zu befinden: In einem Never-Ending-Ruhe-Rausch. ZeroCovid und NoCovid mögen interessante Denkspiele sein, aber nach einem Jahr Pandemie ernsthaft vorzuschlagen, erst dann wieder den Menschen Kontakte zu ermöglichen, wenn die Inzidenz bei höchstens 10 auf 100.000 Einwohner ist, scheint mir an der psychischen Realität der meisten Menschen vorbeizugehen. Keiner kann dieses „Nur noch mal 4 bis 6 Wochen durchhalten“ mehr hören – außer Leute, die offenbar diesen Zustand genießen.

Dabei geht es nicht darum, sofort den Schalter umzulegen – aber als Bürgerin einer Demokratie erwarte ich, dass der Staat mir Eigenverantwortung ermöglicht. Indem er zum Beispiel seinen Job macht und das Impfen sowie Schnell- und Selbsttests organisiert.

Im Presseclub hieß es gestern, Deutschland ist zur Bürokratie erstarrt, kein Minister will verantwortlich sein, deshalb geht es mit der Pandemiebekämpfung so schleppend voran. Mich hat das an die Bücher des israelischen Autors und Satirikers Ephraim Kishon erinnert, der sich gern über die Bürokratie in Israel lustig machte:

Von allen Plagen, mit denen Gott der Herr unser Wirtschaftsleben heimsucht, ist die Bürokratie die weitaus schlimmste. Die Bürokratie ist nicht etwa ein Versagen der Regierung. Das glauben nur die Optimisten. Die Bürokratie ist die Regierung selbst.

Heute wäre Kishon stolz auf sein Land: Israel ist weltweit Vorreiter beim Impfen mit einer Quote von 70 Prozent, in Deutschland sind es 4,2 Prozent.

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