Wer dreimal lügt….

Im Lügen war ich von jeher eine Niete. Wenn ich es versuchte, kam eine große Peinlichkeit heraus: So als mir einmal in jungen Jahren in der Disko einer die Standard-Frage stellte: Woher kommst Du? und ich nicht das Wetterauer Kaff nennen wollte, sondern „Frankfurt“ sagte. Ach, sagte der Junge, welcher Stadtteil? Und ich Landei antwortete „Bonames“, weil mir so schnell nichts anderes einfiel. (Bonames hieß damals eine Haltestelle an der S6, später umbenannt in Frankfurter Berg – womit man sich ungefähr ausrechnen kann, wie lange die Geschichte zurückliegt). Der Junge sagte, aber das ist doch auch ein Dorf, ich wurde rot und der Flirt endete abrupt.

In Filmen und Büchern mag ich Figuren, die mit Leichtigkeit und Witz lügen können, im wahren Leben irritieren sie mich zutiefst. Ich glaube nicht, dass Politiker besser lügen können als Menschen mit anderen Berufen, aber sie verfügen – zumindest ab einer bestimmten Hierarchie-Ebene – über Berater, die wichtige Auftritte und Interviews mit ihnen vorbereiten und an den Aussagen feilen. Das ist auch gut so, niemand will ständig stotternde und sich in ihren Argumenten verheddernde Politiker sehen.

Vor einer Woche war Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann im Heute-Journal zugeschaltet, der Anlass war ein Treffen von Bürgermeistern deutscher Großstädte bei der Kanzlerin. Die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka befragte Feldmann zu den dort entschiedenen Maßnahmen. Feldmann war sichtlich nervös und sprach viel und Merkwürdiges („Die Virologen sagen, dass das Virus in leichten Schüben nach oben krabbelt“). Aber geschenkt.

Was mich wirklich bestürzt, ist die dreiste Lüge, mit der Feldmann auf die Frage Slomkas nach dem aktuellen Herbstfest in Frankfurt geantwortet hat. Ob es das richtige Signal sei in diesen Zeiten, eine Kirmes anzubieten, wollte die Moderatorin wissen. Feldmann: „Es handelt sich nur um drei Buden, die wir eingezäunt haben.“ Noch in der Sendung stellte Slomka klar, das Feldmann gelogen hat, denn die Kirmes besteht aus 40 Buden und Fahrgeschäfte, die vier Wochen lang in Frankfurt aufgebaut sind. (Link zum ZDF: KLICK, ab Minute 6:30)

Am Freitag wurde das 6-minütige Vorgespräch zwischen Slomka und Feldmann geleakt. Es wurde mir am Mittag in meine Twitter-Timeline gespült und ist so peinlich, dass keiner das Video in einem Stück sehen konnte. („Wer das schafft, bekommt ein Mispelche ausgegeben“, twitterte der gute Untergrund Navigator). Man sieht in dem Video, wie sich Frau Slomka mit den Vorbereitungen für die Sendung beschäftigt („Muss noch schnell den Text über Bergkarabach lesen“), während Feldmann mit Mikro eingerüstet wird und dann anfängt zu plappern. Dass er deswegen zu spät sei, weil er noch mit den Töchtern zu McDoof gemusst habe, da gäbe es gerade ein Sonderangebot – Frau Slomka verdreht die Augen. Ganz abstrus wird es, als er zu ihr sagt: „Ihre Kollegen erzählen mir gerade alle Ihre Geheimnisse.“ Die Moderatorin reagiert gelassen: „Das sind keine Kollegen, das ist eine Produktionsfirma.“

Ob diese Firma weiterhin für das ZDF arbeiten wird, weiß man nicht. Das Video wurde 3, 4 Stunden später von Youtube aus „urheberrechtlichen Gründen“ gesperrt. Vermutlich hat das ZDF interveniert. Für den Sender ist es natürlich der Worst Case, wenn er seinen eigenen Mitarbeitern (oder Praktikanten) nicht trauen kann.

Aus dem Frankfurter Römer hörte man am Freitag wenig. Die CDU dürfte sich ins Fäustchen gelacht haben, die armen SPD-Stadtverordneten und Mitarbeiter hingegen die Haare gerauft. Auch von den kleinen Fraktionen war nichts zu hören, noch immer scheint die Loyalität mit Peter Feldmann groß.

Der eigentliche Skandal ist die Lüge im offiziellen Video, aber wer die Gelegenheit hatte, das Vorgespräch zu sehen, wird den OB jetzt vermutlich anders einschätzen. Er wird sich fragen, wie glaubwürdig die Beteuerungen sind, dass der OB nichts von den Machenschaften bei der AWO Frankfurt gewusst hat (Link zur FNP: https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-awo-affaere-oberbuergermeister-peter-feldmann-zuebeyde-verdaechtigungen-13872693.html ).

Nächstes Jahr ist Kommunalwahl in Frankfurt und der Oberbürgermeister ist für die Genossen zu einer schweren Hypothek geworden.

4 Gedanken zu “Wer dreimal lügt….

  1. freiedenkerin 18. Oktober 2020 / 20:38

    Was sollte denn diese dreiste Lüge von den drei Buden? So was kann man doch mittlerweile ganz leicht als völlig unwahr entlarven, auch wenn man nicht aus Frankfurt ist.

    • Carmen 18. Oktober 2020 / 20:41

      Frag mich nicht. Entweder war er nicht er selbst oder er war er selbst, ich weiß nicht, was schlimmer ist…

    • Tom 20. Oktober 2020 / 09:25

      Ich vermute, dass er „drei“ nicht wörtlich gemeint hat, drei Buden wären ja auch kein „Markt“. Vielmehr wolle er damit deutlich machen, dass es sich um eine geringe Zahl von Buden handelt im Vergleich zum Weihnachtsmarkt mit über 200 Buden.
      Ich stimme zu, dass die Äußerung sehr ungeschickt war und dass er sowohl im Vorgespräch und z.T. auch im eigentlichen Interview keine gute Figur macht.
      Sehr unglücklich fand ich „da wo die Migranten wohnen“ auch wenn er das im Kontext sagte, dass solche spezifischen Umstände bei dem allgemeinen Anstieg der Zahlen nicht mehr relevant seien, ist das Beispiel schlecht gewählt, weil es eine ohnehin marginalisierte Gruppe unnötig herausgreift.
      Eine Maske „ein Stück Papier“ zu nennen, ist auch ungeschickt, weil unzutreffend.

      • Carmen 20. Oktober 2020 / 09:41

        Ja, alles recht ungeschickt. Kurz danach sah man den Offenbacher Oberbürgermeister Felix Schwenke in der Hessenschau und der sprach so sachlich und angenehm uneitel.

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