Krisenzeiten 7: Mehr Aufregung!

Tatsächlich ist alles ruhig. Der Kleingarten ist unser aller Rettung. Wir gehen abwechselnd hin, das Kind lernt dort fürs mündliche Abi, bekommt Besuch von Freunden (einzeln, hoffe ich). Alle sind begeistert von diesem Ort, dem in Vor-Corona-Zeiten der Ruch des Spießigen anhaftete.

Gestern hatte ich einen leichten Lagerkoller und fuhr in die Stadt. In der U-Bahn waren viele männliche Kinder und Jugendliche ohne Maske – wahrscheinlich ist das die zeitgemäße Mutprobe. Ich habe einen Abstecher zur Demo am Rossmarkt gemacht, dort sprach eine AfD-Vertreterin vor 15 Anhängern gegen die Corona-Maßnahmen, weitläufig abgesperrt und beschützt von Polizisten vor ca. 300 Gegendemonstranten, die auch zu eng standen. Auf der Zeil war die Hölle los, das Kaufhaus, in das ich flüchtete, quält seine Kunden mit einem brutalen Lichtkonzept, ein perfekter Migräne-Trigger. Dennoch war es gut, mal wieder fremde Menschen zu sehen.

In meiner Nachbarschaft sind viele im Homeoffice, die Gehwege sind schon tagsüber zugeparkt. Die ErzieherInnen, LehrerInnen und Vertriebler widmen sich entspannt ihren Hobbys, nur der Investmentbanker läuft brüllend über den Hof: KfW-Gelder! 3 Millionen! Jetzt investieren!

Bei mir läuft beruflich alles gut, kein krisenbedingter Einbruch, im Gegenteil, Online-Redaktion wird jetzt gebraucht.

Ich empfinde eine Unlust, mich zu echauffieren, als würde das Virus mich disziplinieren, in dem es ständig raunt: Es gibt Schlimmeres.

Ab und an, meistens bei der morgendlichen Lektüre der Lokalteile Frankfurter Zeitungen, meldet sich das Temperament, dann rufe ich meine Freundin an und wir schimpfen und argumentieren wider die Mächtigen (wenn man die Dezernenten im Magistrat Frankfurt so nennen will) und an guten Tagen kommt eine politische Idee dabei raus.

Zum Aufregen ist zum Beispiel die Sache mit den Gänsen. In vielen Parks in Frankfurt gibt es keinen Kotfreien Zentimeter, aber die Stadt setzt weiter auf Sichtschutz und Wildkräuter gegen das Federvieh:
https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/frankfurter-modellprojekt-sichtschutz-gegen-die-wildgans-16798189.html

In einem Frankfurter Altenheim sind 68 Bewohner und 30 Mitarbeiter mit dem Virus infiziert. In einem Interview mit der FNP vom 2.6.20 spricht Gesundheitsdezernent Stefan Majer von 17 bis 21 Toten. Offenbar wollte der Dezernent diese Zahlen verheimlichen. Die Frankfurter Neue Presse hat den Dezernenten mit den Zahlen, die ihr zugespielt wurden, konfrontiert. Mehr dazu hier:
https://www.fnp.de/frankfurt/naechste-virus-wird-vielleicht-toedlicher-sein-13783890.html

Nochmal Majer: Der Dezernent weigert sich seit Jahren an den renaturieren Uferstellen der mit Fäkalien und anderen Keimen verseuchten Flüsse und Bäche Frankfurts Hinweisschilder aufzustellen. Jetzt wurde der Eschbach, in den das nahegelegende Bad Homburg seine Abwässer einleitet, in das Programm „100 wilde Bäche für Frankfurt“ aufgenommen. Das Problem: Viele Menschen halten die Renaturierung der Uferflächen für eine Einladung, darin zu baden. Dieses Foto hat meine Freundin vor 1, 2 Wochen am Höchster Niddawehr aufgenommen:

Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dass es grüne Dezernenten sind, die nach dem gemäßigten Einstieg in diesen Blogbeitrag doch noch meinen Blutdruck steigen lassen, liegt daran, dass wir im Großen und Ganzen das gleiche Weltbild teilen.

3 Gedanken zu “Krisenzeiten 7: Mehr Aufregung!

  1. freiedenkerin 7. Juni 2020 / 13:17

    Diese männlichen Jugendlichen, die ohne Masken in den Öffentlichen fahren, und den Erwachsenen provozierend und hämisch ins Gesicht starren – „Nun sagt endlich was, damit wir voll aggro werden können!“ – gibt es hier in München auch. Aber es gibt mittlerweile auch genügend Erwachsene, denen die Corona-Maßnahmen anscheinend gepflegt am A*** vorbei gehen. Neulich rückten mir im Schlosspark drei davon unangenehm auf die Pelle. Auf meine freundlich formulierte Anfrage, ob sie denn schon mal etwas von der Abstandsregel gehört/gelesen hätten, bekam ich die patzige Antwort: „Jetzt haben Sie sich mal nicht so, Sie alte Erbsenzählerin!“…
    In den Münchner Parks wird seit langem schon die Zahl der Enten, Gänse und Schwäne kontrolliert und eingedämmt – frag mich aber bitte nicht, wie das vollzogen wird. Ein Bekannter hat mir vor Jahren mal erzählt, man würde die Jungvögel im Herbst als Futter an den Tierpark geben, die Park- bzw. Schlossverwaltung hat das zwar auf Anfrage dementiert, aber so ganz hat mich dies nicht überzeugt.

    • Carmen 7. Juni 2020 / 13:22

      Das wäre wirklich interessant, wenn man raus bekommen könnte, wie München das macht. Aber wenn die Details ans Licht kämen, würden vielleicht auch in München die Tierschützer protestieren. In manchen Städten gibt es Kotsauger oder Angestellte, die die Eier in den Nestern gegen Fake-Eier tauschen.
      Zu akzeptieren, dass städtische Parks von den Menschen nur noch eingeschränkt genutzt werden können, halte ich für ein Armutszeugnis.

      • freiedenkerin 7. Juni 2020 / 13:34

        Ein früherer Arbeitgeber, Wirt eines kleinen, schönen Restaurants nahe des Nymphenburger Schlosses, hat mal mit einem Angestellten der Schlossverwaltung darüber verhandelt, anlässlich der alljährlich im Herbst stattfindenden Abfischaktion in den Seen und Kanälen einen Jungschwan zu kaufen. Denn er war ein großer Bewunderer von Ludwig II., zu dessen Leibgerichten gebratener Schwan gehörte, und er wollte als Koch so etwas gerne mal selber zubereiten. Der Deal platzte letztendlich, aber seitdem denke ich schon, dass die Geschichte, die gefiederten Jungtiere sowie etliche Rehe würden an den Zoo als Futter abgegeben werden, einen wahren Kern inne hat. Aber wie du sagst, würde das offiziell bekannt werden, würde das mit Sicherheit die Entrüstung vieler Tierschützer entfachen.

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