Lesen: Takis Würger und Eva Menasse

Der Name Takis Würger ist mir erstmals vor ein paar Monaten aufgefallen, es war in Gelnhausen, einem kleinen Städtchen mit schöner Fachwerk-Altstadt und einer Buchhandlung, in deren Auslage Arno Schmidt neben Ernst Jünger lag; an der Tür klebte ein Plakat, das ein Lesung mit dem Autor von „Stella“ ankündigte.

Ein paar Wochen später in einer Buchhandlung in Sachsenhausen hielt ich das Buch „Der Club“ von Takis Würger in der Hand. Mir gefiel das Layout mit dem blau-schwarz-grauen Schmetterlingsflügel, aber bevor ich mich in den Klappentext einlesen konnte, sprach mich das Buchhändlerpaar an und erzählte vom Aufruhr im deutschen Feuilleton um das neue Buch des Autors „Stella“. Die Buchhändler sagten, sie verstünden den Streit nicht, schließlich handele es sich um einen Roman, der sich an der historischen Figur der Jüdin Stella Goldschlag orientiere und nicht um ein Sachbuch oder eine Biographie.

Wieder zuhause recherchierte ich die Artikel zu „Stella“. Tatsächlich habe ich selten so harsche Sätze in Buchkritiken gelesen:

„… die Selbstentblößung eines letztlich überforderten Autors“.
(Süddeutsche Zeitung)

„Hanser blamiert sich mit einem kitschigen Roman über die jüdische Nazi-Kollaborateurin Stella Goldschlag. Der Verlag hat dafür sehr viel Geld ausgegeben, doch wer braucht diesen Schund, der nicht mal als Parodie durchginge?“ (FAZ)

„… dass dem Autor überhaupt nicht bewusst war, wie heikel sein Thema angeblicher jüdischer Schuld im Holocaust tatsächlich ist. Solchen Fragen sollte man zumindest nicht mit stilistischen Fingerübungen beizukommen versuchen, wie man sie in der Journalistenschule lernt.“ (ZEIT)

Das hat mir erstmal die Lust genommen, dieses Buch zu lesen, stattdessen las ich Würgers erstes Buch „Der Club“ und wurde glänzend unterhalten. (Hier der Link zu einer der vielen begeisterten Kritiken von Bücherbloggerinnen: KLICK )

Über Nacht ist Takis Würger, der als Redakteur beim SPIEGEL arbeitet, mit „Der Club“ zum Bestsellerautor geworden, aber was der Leserin gefällt muss dem Feuilleton noch lange nicht behagen. Zur erstaunlichen Bösartigkeit, mit der die Presse-Kritiker über den Autor herfallen, ist mir eingefallen, was Eva Menasse in ihrem Essayband „Lieber aufgeregt als abgeklärt“ über das Verhältnis von Schriftstellern und Kritikern schreibt:

„Ich möchte mich (…) der speziellen Interaktion zwischen Schriftstellern und Kulturjournalisten zuwenden, denn sie stellt einen Sonderfall dar. Die Kunstkritiker malen oder bildhauern im Normalfall nicht, und die Musikkritiker spielen manchmal passabel Klavier – aber alle Feuilletonisten benutzen mit der Sprache täglich das scheinbar selbe Instrument wie die Schriftsteller.

Das führt zu oft beschriebenen, aber offenbar durch nichts aus der Welt zu schaffenden Aggressionen. Nichts wird etwa von gewissen Kritikern so sehr verachtet wie der Kollege, der plötzlich einen Roman schreibt und also die Seiten wechselt.“

„Stella“ werde ich irgendwann später lesen, aber ich freue mich über Kommentare von Leserinnen und ihre Lektüreerfahrung.

Stattdessen lese ich zur Zeit alles von Eva Menasse, die Autorin erhält Ende Mai den Ludwig-Börne-Preis in der Frankfurter Paulskirche. Menasse ist eine kunstvolle Erzählerin (lest „Quasikristalle“!) und eine intelligente und mutige Essayistin. Von der Preisverleihung werde ich sicher berichten.

Ein Gedanke zu “Lesen: Takis Würger und Eva Menasse

  1. freiedenkerin 14. April 2019 / 21:12

    Hach, ja, die sogenannten Kunst- und LiteraturkritikerInnen… Da muss ich stets an das bissige Chanson „Ich bin Musikkritiker von Georg Kreissler denken…

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