Den Ton getroffen – Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Das Mädchen Gönke war ein zorniges Baby und ein wutschnaubendes Kind, sie fühlte sich von Beginn an fehl am Platz, in der Familie, in dem kleinen Dorf in der norddeutschen Provinz. Sobald sie konnte, verließ sie diesen Ort und kam nie wieder. Anders ihr Schulfreund Ingwer – der Protagonist in Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“, er kommt zurück nach Brinkebüll. Lässt sich von der Uni Kiel für ein Jahr beurlauben, um seine Großeltern zu pflegen, die ihn an Eltern statt großgezogen haben. Ein nachdenklicher Mann, 48 Jahre alt, bedächtig, still, bescheiden, der nach 25 Jahren in einer Dreier-WG mit Ragnhild und Claudius zu zweifeln beginnt, ob er so weiterleben will.

Buchmesse 2018: Dörte Hansen auf der SPIEGEL-Bühne
(Foto: Carmen Treulieb)

Hansen erzählt die Geschichte eines Dorfes in Nordfriesland, vom Verschwinden der Bauern und vom Einzug der Moderne – ausgelöst durch die Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts durchgeführte Flurbereinigung:

„Jetzt drehten sie den Spieß mal um und wiesen die Natur in ihre Schranken. Alles war auf einmal möglich: Flüsse gerade machen, Felder größer, Tümpel, Hecken, Unkraut weg, Erträge höher, Kühe besser, Kinder klüger. (…) Sie befreiten sich von der Natur wie Sklaven sich von ihren Herren, sie waren hier seit langer Zeit geschoben worden und geschliffen, von harten Winden kleingehalten, schlecht ernährt von diesem Boden. Ein Büschel Heidekraut gewesen, ein kümmerliches bisschen Mensch.“

Und sie erzählt vom Mut eines Mannes, sich seiner Herkunft zu stellen. Ingwers Rückkehr gelingt als Zuwendung – zu seinen Großeltern, aber auch zu den Dorfbewohnern und dem im Dorf gebliebenen Schulfreund. Ingwer wäscht und bekocht die alten Leute, fährt sie zu den Ärzten, kümmert sich um ihren alten Gasthof, redet mit den Leuten im Dorf und stört sich nicht daran, dass er für sie noch immer der „Kümmerling“ ist und nicht der „Herr Professor“. Er beobachtet und versteht. Und als das Jahr vorbei ist, ist er (fast) noch derselbe:

„Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die letzten Sesshaften zurück. (…) Zeitalter fingen an und endeten. So einfach war das.“

Mittagsstunde von Dörte Hansen ist ein großartiges Buch: Klick.

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2 Gedanken zu “Den Ton getroffen – Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

  1. Stephan Jaeger 14. Februar 2019 / 16:38

    Hallo,

    Anfrage, was ist mit KNV los ?
    DLF Kurzmeldung im Büchermagazin.

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