Wege der Erinnerung

Die Wege, die wir gehen, prägen sich ein und hinterlassen tiefe Erinnerungsspuren. Jedes zweite Haus, jede Straßenecke auf dem Weg, den ich jahrelang mit dem Kind zur Kita ging, zur Schule, zur Kirche, erzählt Geschichten. Letzte Woche bin ich diesen Weg mal wieder gegangen und wurde ganz wehmütig. Das ist vorbei und kommt so nicht wieder: Mit dem Kind an der Hand durch das Dorf schlendern, nachmittags auf der Bank am Bach sitzen und schwätzen, kurze Stopps an den Spielplätzen oder im Sommer am Brunnen plantschen und Eis essen. Jeder Schritt ein Stück Leben, das hinter uns liegt, aber lebendig wird, sobald ich diese Wege gehe.

Und für das Kind erzählen die Wege andere Geschichten. Mit fünf durfte sie allein mit der Freundin zur Kita und später zur Schule gehen. Wir Eltern gingen anfangs in einiger Entfernung hinterher und dann weiter zum Bus, der uns zur U-Bahn in die Stadt brachte. Fünf Jahre gingen die Mädchen jeden Morgen gemeinsam, erzählten sich was, entdeckten kranke Igel und Feuerkäfer und schrieben ihre Freundschaft in das Pflaster – eine Freundschaft, die bis heute besteht.

Was erleben Kinder, die von ihren Eltern mit dem Auto zur Kita und Schule gefahren werden? „Steig ein, beeil dich, wie fährt denn der Idiot, so kann der doch nicht parken…“

Die zehn Minuten Freiheit zwischen Elternhaus und Schule machen das zu Fuß gehende Kind selbstbewusst und stark. Aber der Autofahrer will davon nichts wissen. Selbstreflexion ist seine Sache nicht, sonst wüsste er: Mit dem Auto gefahrene Wege sind ungelebtes Leben.

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7 Gedanken zu “Wege der Erinnerung

  1. freiedenkerin 4. Februar 2018 / 18:52

    Mein Schulweg in der Grundschule war ungemein kurz, da wir damals im Schulhaus wohnten – ich musste nur zur Wohnungstür raus und über den Flur, und dann ins Klasszimmer rein. 😉
    In der Realschule allerdings hatte ich einen sehr langen Schulweg – eine gute Viertelstunde mit dem Bus, eine Dreiviertelstunde mit dem Zug, und dann noch einmal eine Viertelstunde zu Fuß. Daran, und was ich in diesen drei Jahren auf meinen Hin- und Rückwegen alles erlebt habe, denke ich heute noch oft und gerne zurück. 😉

  2. Carmen 4. Februar 2018 / 19:11

    Auf meinem Weg zur Grundschule standen zwei Maulbeerbäume, einer mit grün-weißen und einer mit schwarz-roten Früchten und ich habe den Geschmack noch auf der Zunge. Aber Maulbeerbäume habe ich nie wieder gesehen.

    • tikerscherk 4. Februar 2018 / 23:54

      Ich habe zwei Maulbeerbäume in meiner Kreuzberger Nachbarschaft stehen. Im Sommer ist der Gehweg neben dem sie stehen voll mit den zertretenen Früchten. Nie zuvor hatte ich Maulbeerbäume gesehen.

      • Carmen 5. Februar 2018 / 12:43

        Das sind bestimmt Verwandte 😉

        Du musst die Früchte unbedingt probieren und mir erzählen, wie sie schmeckten.

        • tikerscherk 5. Februar 2018 / 22:47

          Die Bäume sind so hoch und die ersten Zweige so weit oben, über 3 Meter,, dass man nicht an die Früchte kommt. Leider liegen die dann haufenweise auf dem Gehweg und färben ihn dunkel ein. Ich denk mir was aus und sollte ich jemals eine erhaschen, bist Du die erste die es erfährt.

  3. Andreas 5. Februar 2018 / 12:30

    „Ich hatte bekannte Straßen bei euch mit Steinen, die guten Tag sagten zu meinen Füßen, wenn sie darauf traten.“

    Irmgard Keun

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