Von Männern und Frauen

„Perfektion und Ausdruck geht nicht zusammen“ – bei der gestrigen Führung durch die Betonbrutalismus-Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum erzählte der Kunsthistoriker, wie es zu dem Muster auf Betonwänden kommt. Die Rillen und Einkerbungen entstehen durch die Holzbretter, in die der Beton gegossen wird. Da das eine sehr arbeits- und personalintensive Herstellungsweise ist, begann man schließlich ganze Wände in eine Fassung zu gießen, dadurch verschwand aber die typische Oberfläche, der Beton wurde eben, der Ausdruck der Bauten ging verloren. Deshalb entschieden die Baumeister irgendwann, die fertigen Wände von Arbeitern mit Hammer und Meißel nachbearbeiten zu lassen, um so einen „Vintage-Look“ zu erreichen.

Im ersten Stock ist die Ausstellung „Frau Architekt“ mit berühmten Architektinnen zu sehen. Hier werden auch Videos gezeigt, in denen junge Architektinnen über die Schwierigkeiten reden, sich in diesem Beruf durchzusetzen und gleichzeitig eine Familie zu gründen. Während ich zuhörte, fühlte ich mich sehr alt. Was ist in den letzten Jahrzehnten passiert, dass junge Frauen heute so mutlos und vorsichtig formulieren?

Aufgemuntert haben mich zwei Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Tobias Rüther erzählt wie es ist, als älter werdender Mann nur noch weibliche Vorbilder zu haben („Die Souveränität der Selbstreflexion“) und das u.a. am Beispiel der beiden ehemaligen Tennisstars Boris Becker und Steffi Graf.

Claudius Seidl denkt darüber nach, wie man als „alter weißer Mann“ die Genderdiskussion als Herausforderung und Auftrag verstehen kann. An der Geschichte des Films könne man sehen, wie sich schon in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts die Männerrolle gewandelt und modernisiert habe. Seidl sieht in den von John Wayne oder Clint Eastwood verkörperten Kinohelden „die Erzählung von Männern, die allein sind und ganz auf sich gestellt; die Großfamilie ist nur noch eine ferne Erinnerung, das Patriarchat behauptet sich allenfalls in abgelegenen Nischen, der Verweis auf Herkunft und Tradition hat wenig zu bedeuten. Wenn etwas Erlösung verspricht aus dieser Einsamkeit, dann ist es die Begegnung mit der ebenso starken, der absolut ebenbürtigen Frau.“

Verzicht auf Perfektion, Mut zur Selbstreflexion und die Kraft, ein Leben zu führen, dass der eigenen Persönlichkeit entspricht – das wünsche ich Euch für 2018.

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