„Die Rückkehr der Diener“ von Christoph Bartmann

Jammern über lange Supermarktschlangen ist eigentlich obsolet. Sobald vier oder fünf Kunden an der Supermarktkasse stehen, drückt die Kassiererin einen Knopf und es ertönt die Durchsage: „Wir öffnen Kasse 2 für Sie!“

Kürzlich wartete ich an dritter Stelle an der Kasse unseres (einzigen) Dorf-Supermarktes, hinter mir stellten sich zwei Mädels von 9 oder 10 Jahren mit ihren Süßigkeiten an. Es verging keine Minute, da riefen sie: „Hallo, kann man nicht mal ne weitere Kasse aufmachen?“. Die anderen Wartenden ließen die ungeduldigen Mädchen vor. Als ich ein paar Minuten später an ihnen vorbei radelte, warfen sie gerade die Duplo-Verpackung auf den Gehweg und schlenderten weiter.

So ist das also, wenn man in einem der Frankfurter Neubaugebiete groß wird: Diener überall. Eltern, die für eine halbe Million ein Häuschen kaufen, beschäftigen natürlich Personal zum Putzen, Bügeln und Kinder „bespaßen“. Die Männer von der Straßenreinigung, die Frauen an der Supermarktkasse, wahrscheinlich auch die Erzieher im Hort: Für die moderne Mittelklasse, ob alt oder jung, sind das Dienstboten.

Über die Rückkehr der Diener hat Christoph Bartmann, ehemals Direktor des Goethe-Instituts in New York, jetzt in gleicher Position in Warschau, ein interessantes Buch geschrieben.

Denn die Mittelklasse dürstet nach Entlastung. Wenn beide Eltern arbeiten gehen, scheint die Lösung der Vereinbarkeitsprobleme in der Zuarbeit von Dienstleistern zu liegen. „Wir verschaffen uns Entlastung, in dem wir den Stress an Helferinnen und Helfer weitergeben, die ihrerseits ein noch viel größeres Problem haben, Beruf und Familie zu vereinbaren.“

Aber dafür wird er oder sie doch bezahlt, oder etwa nicht? Ja, schlecht und meistens schwarz. In den linken Utopien des frühen 20. Jahrhunderts ging es egalitärer zu als heute im Mittelstand. Damals entwickelten nicht nur Feministinnen Ideen wie die Vergemeinschaftung der Hausarbeit, keiner sollte der Knecht des anderen sein.

Was vor 100 Jahren das proletarische weiße Dienstpersonal in einem aristokratischen oder zunehmend gutbürgerlichen (Herren)Haus war, und was für einige Jahrzehnte danach fast verschwunden schien, kehrt seit der 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in neuer Gestalt, in Gestalt der dienstleistenden Migrantin, wieder. Wo immer im Einzelnen die Gründe für die weltweite Wiederkehr der Hausarbeiterin liegen, sie deuten auf eine neue Quelle der Ungleichheit und Asymmetrie in einer Gesellschaft, die ansonsten immerfort „Hierarchien abbauen“ und gesellschaftliche Teilhabe befördern will (…).

Das sehr empfehlenswerte Buch ist im Hanser Verlag erschienen: „Die Rückkehr der Diener“.

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One thought on “„Die Rückkehr der Diener“ von Christoph Bartmann

  1. freiedenkerin 18. März 2017 / 14:44

    Danke für den höchst interessanten Buchtipp und Blogpost.

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