Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

„Ich würde mich auch gern so aufregen wie du“ – sagte vor fast dreißig Jahren meine Tischnachbarin Inge in der Abendgymnasiumsklasse, als ich mal wieder mit dem Mathelehrer über das „unvermeidbare Restrisiko“ stritt und weiter: „Aber ich darf nicht, ich habe multiple Sklerose.“ Worauf sie nicht verzichten wollte, war ein Kind. Da studierten wir schon jede an einer anderen Uni. Die stille Inge lebt schon lange nicht mehr.

Ich aber führe mich gelegentlich immer noch auf wie das in meiner Kindheit berühmte HB-Männchen. Mein Vater, der selbstverständlich HB rauchte, nahm sich das Männchen als positives Vorbild. Kindheit prägt.

Gestern mittag hatte ich einen Termin beim Kardiologen und suchte rechtzeitig auf der Web-Seite vom Rhein-Main-Verkehrsverbund nach einer ÖPNV-Verbindung. Es gibt nur eine Buslinie zur U-Bahn ins Nachbardorf (doch, ich lebe in Frankfurt am Main) und gestern Mittag fiel jeder zweite Bus aus. Ich fragte via Twitter nach dem Grund, der Mensch, der für RMV twittert, war freundlich, aber wusste von nix. Also entschloss ich mich zu einem Umweg mit dem anderen Bus, der meinen Stadtteil anfährt (und das auch nur zwei mal stündlich) und zur S-Bahnstation nach Berkersheim fährt.

Blick von der S-Bahnstation Berkersheim auf das schöne aber mit Verkehrsdienstleistungen schlecht versorgte Harheim.
Blick von der S-Bahnstation Berkersheim auf das schöne aber mit Verkehrsdienstleistungen schlecht versorgte Harheim.
Doch der Bus, eine Ringlinie, die aus dem zwei Kilometer entfernten Nieder-Erlenbach kommt, das zum letzten Mal einen Stau erlebt hat, als der Obsthof Schneider vor etlichen Jahren sein 1. Mai-Fest zu erfolgreich bewarb, hatte Verspätung. Als der Bus endlich angeschlichen kam, sagte ich zum Busfahrer: „In einer Minute fährt oben die S-Bahn ab und wenn ich die verpasse, gibt es wirklich Ärger“. Nachdem ich ausgestiegen war, die S-Bahn hatte zum Glück Verspätung, rief mir der Busfahrer nach: „Fahr doch Taxi!“ Wer jemals das HB-Männchen gesehen hat, kann sich vorstellen, was dann passierte. Ich drehte mich auf dem Absatz um, ging zurück zur Fahrertür und sagte: „Sie ham wohl n Duppe? Wir sind zahlende Fahrgäste und Ihr Job ist es, uns pünktlich zu transportieren und zwar freundlich und ohne uns zu Duzen“. Worauf hin der Busfahrer ausstieg und schimpfte. Die Worte flogen hin und her, schockierte Menschen an der Haltestelle verfolgten das Gefecht, nur eine Frau schaltete sich ein: „Ja, der Bus ist immer unpünktlich“. Der Busfahrer schrie mich weiter an: „Ich hole die Polizei, weil Du das mit dem Duppe gesagt hast“, die S-Bahn kam und der Kardiologe stelle eine Stunde später einen zu hohen Puls fest. Ich sollte mich wirklich weniger aufregen.

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7 Gedanken zu “Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

  1. tikerscherk 9. Dezember 2016 / 15:12

    Auf die gleiche Weise sozialisiert wie Du, nur dass die Mutter gerne mal ausflippte, geht es mir ähnlich wie Dir: ich kann durchdrehen, wenn mir einer zu unverschämt kommt. Reiße ich mich zwei Mal zusammen, platze ich beim dritten Mal.
    Will sagen: gut gemacht!
    Pfeif auf den Blutdruck. Der sinkt auch wieder (hoffe das Ergebnis war ansonsten ok!)

  2. Mausflaus 9. Dezember 2016 / 19:07

    busfahrer können allerdings meistens nix für verspätung. stau, unfäle, technikprobleme, zwischenfälle mit fahrgästen… dumm anmachen geht natürlich nicht. ich hab da aber schon noch bisi verständnis, weil das ein miesbezahlter drecksjob ist, und ständig kriegt man die nörgelei der fahrgäste ab, muss sich mit assis rumschlagen und die autofahrer benehmen sich teilsweise auch wie sau.

    • Carmen 9. Dezember 2016 / 19:43

      Du hast völlig recht, deshalb habe ich mich selbstverständlich auch an den RMV und an die Lokalpolitik gewandt. Denn der Clou ist: Auch heute sind zwei Stunden lang alle Busse zur U-Bahn ausgefallen. Alte Leute, die kein Internet haben, stehen sich die Beine in den Bauch, denn gibt an den Haltestellen keine Informationsmöglichkeit und bei der Telefonhotline kommt nur das Besetzt-Zeichen. Per Twitter ist der RMV erreichbar, aber ahnungslos. Die Fahrkarte kostet für die miserable Leistung aber ebenso viel wie in der Kernstadt Frankfurt.

      • tikerscherk 12. Dezember 2016 / 10:53

        Das Schwierige ist ja, dass man meist niemanden als Ansprechpartner hat, außer den Busfahrern. Das ist wie mit den Callcentern. Ruft man dort an und beschwert sich, ist immer das schlechte Gefühl dabei, dass man den erwischt, der am Wenigsten für die Misere kann.
        Find ich jut, dass Du Nägeln mit Köpfen machst und Dich sowohl an den RMV, als auch die Lokalpolitik wendest.

        • Carmen 12. Dezember 2016 / 10:59

          Ja, für das Arbeiten in Callcentern müsste es Schmerzensgeld geben.

          Frankfurt plant ein neues nach Kilometern gestaffeltes Tarifsystem. Tritt das wie vorgesehen in Kraft, zahlen wir am Stadtrand doppelt so hohe Beförderungspreise wie die Innenstädter und das für zwei Busse stündlich, dauerverspätete S-Bahnen, eine schlechte Taktung etc. Ich wollte mich ja nicht mehr so aufregen…

          Außerdem ist es echt schön im Frankfurter Norden.

  3. freiedenkerin 12. Dezember 2016 / 21:54

    Da können wir uns die Hand reichen! 😉 Ich bin am Samstag HB-Männchen pur gewesen, über sechs Stunden lang, ohne Unterlass. Ich hatte im Museum einen Abschnitt zu beaufsichtigen, an dessen Ende die Besucher/innen durch eine schmiedeeiserne Tür gehen müssen. Ich habe gezählt: Sechzig Mal musste ich die Tür wieder schließen, weil die guten Leut‘ nicht dazu in der Lage sind. Man sollte meinen, dass so etwas eine eigentlich recht leichte Übung von Anstand und Rücksichtnahme sei, aber nein! Das sind Situationen, da könnte ich regelrecht aus der Haut fahren. Angesichts deines Busfahrers hätte ich genau so reagiert wie du.

    • Carmen 12. Dezember 2016 / 22:30

      Sechs Stunden HB-Männchen sind zu lang, denk an dein Herz

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