Erinnerung

Beim Aufräumen der Kommode habe ich ein paar dicke Socken gefunden, die mir vor sechs Jahren mein Bruder geliehen hat, dicke schwarze Männersocken. Es war an einem Freitag, als mich meine Mutter um die Mittagszeit im Büro anrief und sagte, du solltest nach Hause kommen. Der Arzt meinte, es könnte heute soweit sein. Ich fuhr mit S-Bahnen und Bus von Offenbach in die Wetterau, und hatte dadurch genügend Zeit mich vorzubereiten. Als ich im Elternhaus ankam, waren alle Geschwister da und auch die Enkel meines Vaters. Er lag in seinem medizinischen Bett im Wohnzimmer. Seit einem halben Jahr lag er so, mit Blick in den Garten. Jetzt atmete er laut und rasselnd. Mein Neffe hielt die rechte, ich an der anderen Seite des Bettes die linke Hand des Sterbenden. Jemand weinte. Ich fror. Mein Bruder bot mir ein paar dicke Socken und einen Schnaps an. Danach rief ich zuhause an, um zu sagen, dass ich nicht wüsste, wann ich heim käme. Als ich zurück kam ins Wohnzimmer, war mein Vater gestorben.

Zwei Stunden später fährt mich jemand mit dem Auto zum S-Bahnhof im Nachbardorf. Es schneit, es ist kalt und zugig und der Zug kommt nicht. Mit mir warten noch drei Leute, einer will heute noch nach Russland fliegen. Wir entdecken einen Sonderfahrplan und versuchen, ihn zu entziffern, was uns nicht gelingt – sonst hätte man vielleicht den Wartesaal aufsuchen können. Aber nein, der Wartesaal ist sowieso seit langem geschlossen. Wir warten, jeder erzählt, wo er heute noch hin fahren will. Ich höre zu und sagte nicht, vor zwei Stunden ist mein Vater gestorben. Wir warten vielleicht eine dreiviertel Stunde, dann kommt die Bahn. Nach 15 Minuten steige ich aus, es fährt kein Bus und ich laufe über die Felder nach Hause in mein Dorf. Ich fühle mich allein aber stark.

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4 Gedanken zu “Erinnerung

  1. tikerscherk 23. November 2016 / 23:43

    Ich weiß gar nicht was ich schreiben soll. Es ist so traurig, was Du da erzählst und so stark, wie Du es erzählst.

    • Carmen 24. November 2016 / 11:01

      Mit meinem kurzen Beitrag zur Blogparade „Die Läden meiner Kindheit“ hat sich ein Fenster in die Vergangenheit geöffnet, an dem ich zwar des Öfteren vorbeigehe, aber selten stehen bleibe, um mal genauer zu gucken, wie es darin aussieht.

      Worüber ich manchmal nachdenke, ist die Frage, was der Tod eines Elternteils in uns verändert. Ich kenne Menschen im mittleren Alter, die werden depressiv, wenn der Vater stirbt. Weil alles Streben ihm galt und die Hoffnung, eines Tages doch noch seine Anerkennung zu erhalten, mit ihm stirbt. Aber es gibt auch das Gegenteil, das Gefühl einer neuen Freiheit, nur noch zu machen, was man will und zu lassen, was nicht glücklich macht. Ich tendiere zum Letzteren.

      • tikerscherk 25. November 2016 / 11:40

        Über Deine Antwort musste ich ein wenig nachdenken.
        Ich dachte immer, ich würde Erleichterung verspüren, wenn meine Mutter erst tot und dieses traurige Kapitel vorbei ist. Es ist damit aber nicht zuende und trotzdem ist die Türe zu zwischen uns und unsere Schollen treiben immer weiter auseinander.
        Den Tod meines Vaters mag ich mir gar nicht ausmalen. Es wird mir den Boden unter den Füßen wegreissen, denn wir stehen uns sehr nah.
        Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob man selbst Kinder hat, das Staffelholz also weiter reichen konnte, oder ob man kinderlos ist, wie ich.

        • Carmen 25. November 2016 / 12:52

          Die letzten sechs Monate meines Vaters waren sehr schlimm, er wollte dann nicht mehr und hat die Tabletten verweigert. Er war Schwerstpflegefall, wurde zuhause gepflegt, musste gefüttert und alle zwei Stunden gedreht werden. Es gab Auseinandersetzungen innerhalb der Familie (wer von den Geschwistern unterstützt zu wenig, etc.) und mit den Hilfskräften. Es war eine extreme Belastung für alle und es gab keine Hoffnung, dass es meinem Vater jemals wieder besser ginge. Meine Tochter war damals erst neun. Ich hatte gerade einen neuen Job angenommen und kämpfte noch juristisch mit meinem despotischen Ex-Chef.

          In der Zeit, als mein Vater noch im Krankenhaus lag, habe ich ihn freitags besucht und ihm kleine Portionen Radieschensalat oder grüne Soße mitgebracht, weil er das liebte. In diesen Momenten, wenn wir allein waren und ich ihn gefüttert habe, fand so etwas wie Versöhnung statt. Darüber bin ich heute sehr froh.

          Sein Sterben, mit der ganzen Familie um ihn, das war trotz allem schön. Aber meine Mutter ist auch nach all den Jahren noch untröstlich.

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