Die Läden meiner Kindheit: Von Caspari zu Toom

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In meiner frühen Kindheit war Einkaufen gehen kein Stress. Ich lief an der Hand meiner Mutter ein Stück die Gangstraße entlang, links lag die Einfahrt des Getränkehändlers, wo sich der Modergeruch des Kellergewölbes mit dem Duft von Apfelsaft mischte. (Damals trank kein Mensch Apfelschorle, warum den Gödderdroppe verdünnen? Diese Unart wurde von den Zugezogenen in den 90ern eingeführt, weil zuviel Zucker nicht gesund ist für den dauernuckelnden Nachwuchs.)

Geradeaus der Weiße Turm, bei dessen Anblick ich mich täglich fragte, ob die Prinzessin noch im Turm eingesperrt war oder schon befreit wurde. Im Laden von Caspari kaufte meine Mutter sich kleine Nescafe-Döschen für 20 Pfennig. Gegenüber war ein Gemüseladen, der nach frischem Obst und gerade weggefegtem leicht angefaultem Gemüse roch. (In der Frankfurter Kleinmarkthalle kann man diesen Geruch noch finden.)

Als ich sechs wurde, zogen wir in die Wetterau. In diesem katholischen Kaff gab es nicht viel Gutes, aber es gab den Laden von Frau Bier. Sie war nie schlecht gelaunt, nie nervös oder gestresst und wenn sie mal etwas nicht hatte, besorgte sie es. Wurden damals Preise verglichen, nach Schnäppchen gesucht? Nein. Jeder hatte einen Garten oder einen Schrebergarten. Die Hausfrauen in den 60ern und 70ern kochten Marmelade, Gurken und Bohnen ein. Mein Vater kaufte einen großen Kessel und ein- bis zweimal im Jahre kam samstags der Metzger zu uns und schlachtete ein Schwein. Der Metzger fasste ins blubbernde Blut, die Wurst wurde abgeschmeckt, und alle Nachbarn brachten ihre Milchkannen. Diese wurde mit Wurstsuppe gefüllt und von uns Kindern zusammen mit einem Leber- und einem Blutwürstchen zurück gebracht.

Es gab zwei Bäcker im Dorf, die ihre Läden direkt gegenüber hatten, so dass die Kunden immer ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie beim einen und nicht beim anderen kauften. Bäcker Schmidt hatte aber damals schon ein „Alleinstellungsmerkmal“: Er fuhr Dienstag und Donnerstags nachmittags durchs Dorf und hupte. Wer Lust auf Süßes hatte, rannte vor die Tür, der Bäcker öffnete die Heckklappe seines Combis und präsentierte Puddingstückchen mit Aprikose, Streußelstückchen mit Sahne gefüllt und Apfeltaschen. Samstag in der Frühe fuhr er Brötchen aus und legte sie vor die Haustür.

Meine Oma, die mit uns in das Haus gezogen war, freute sich jede Woche auf einen Lebensmittelbus, der die Dörfer abfuhr. Ihm erteilte sie ihre speziellen Wünsche, z.B. hatte sie ab und an großen Appetit auf Matzen. (Das ungesäuerte Brot, das von religiösen Juden während des Pessach gegessen wird, war offenbar in Bergen-Enkheim, wo im 18. und 19. Jahrhundert die Juden bis 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten, ein bekanntes Lebensmittel. Das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen endete allerdings 1938 mit der Zerstörung der Synagoge.)

Ein paar Jahre später öffnete wenige Kilometer entfernt ein Toom-Markt. Meine Eltern fuhren Freitags nach der Arbeit direkt dort hin und kamen mit einer Kofferraumfüllung zurück. Ich war nachmittags allein, weil beide Eltern Vollzeit arbeiteten und meine Geschwister schon in der Ausbildung waren. Das Alleinsein war nicht schön, aber das ist eine andere Geschichte

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade „Die Läden meiner Kindheit. Ein literarischer Ausflug in eine versunkene Alltagskultur“.

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7 Gedanken zu “Die Läden meiner Kindheit: Von Caspari zu Toom

  1. freiedenkerin 18. November 2016 / 13:43

    Da wird jetzt eine ganze Flut an Erinnerungen an die geliebten kleinen Läden meiner Kindertage wach…

  2. meertau 18. November 2016 / 15:55

    wie schööööön…… (aber der Geruch der Kleinmarkthalle hat sich deutlich verändert finde ich)

  3. tikerscherk 18. November 2016 / 17:39

    Bergen Enkheim und der weisse Turm, ein Bäcker, der seine Ware ausfährt. Schön und zugleich traurig, deine Erinnerungen. Danke dafür!

  4. Mausflaus 18. November 2016 / 19:50

    damals, als es noch toom gab! und HL bzw. später minimal… heute ist alles bloß rewe.

    • Carmen 18. November 2016 / 21:20

      Stimmt, ich erinnere mich mit Wehmut an die Käsetheken von Tengelmann. Wo war da eigentlich das Kartellamt, als Rewe alle Supermärkte übernahm?

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