Frankfurter Buchmesse 2016 (1): Meinungsfreiheit und Populismus

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Unter dem Motto „Für das Wort und die Freiheit“ lud der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse drei Gäste auf sein Podium: Khola Maryam Hübsch, Autorin des Buches „Unter dem Schleier die Freiheit“ (Link zur Besprechung von Antje Schrupp), Schriftsteller und Kabarettist Tom Lanoye und den niederländischen Autor Frank Westerman. Die Diskussion zeigte einmal mehr, was die Populisten in den letzten Jahren angerichtet haben: Die Meinungsfreiheit ist in Verruf geraten.
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Hübsch wies darauf hin, das in Deutschland seit Jahren die AFD die Agenda setze und durch gezielte Grenzüberschreitungen das Sagbare verändere. Die rechten Provokationen und Hassreden würden in den Echokammern der sozialen Netzwerke verbreitet und für eine weitere Verrohung des öffentlichen Diskurses sorgen. Pöbeleien, die sie früher nur in der digitalen Welt erfahren habe, schwappten über in die analoge Welt, Beschimpfungen auf offener Straße seien keine Seltenheit mehr. Wie weit darf man Meinungsfreiheit schützen? lautete dann auch die Frage der Autorin und: Muss man alles drucken? (Eine Frage, die auch schon Navid Kermani im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen aufgeworfen hat: „Karikaturen über eine ohnehin bedrängte (…) Minderheit im eigenen Land zu veröffentlichen ist das Gegenteil von Aufklärung. Es ist und bleibt dumpfe Ausländerfeindlichkeit“ aus „Wer ist wir?“). Ähnlich äußerte sich auch Tom Lanoye auf der Börsenvereins-Bühne: „Humor hat eine dunkle Seite und ist manchmal nur ein Deckmantel für Rassisten“*.

Frank Westerman erzählte, wie sehr sich das liberale und offene Amsterdam in den letzten Jahren verändert hat: „Wir waren die „Champions of tolerance“ – das ist lang vorbei“. Heute sei „Freedom of speech“ zur Waffe der Populisten geworden.

Wie man als europäische Öffentlichkeit agieren müsse, um die freiheitliche Demokratie zu schützen, diese Frage des Moderators wurde von den Gästen unterschiedlich beantwortet. Hübsch will die Menschen, die sich den Populisten zuwenden, in ihren Abstiegsängsten und ihrem Bedürfnis nach Anerkennung und Aufwertung verstehen. Westerman beklagt unser fehlendes Interesse an der Perspektive der Mitmenschen und glaubt, Empathie könne helfen. „Lets be clear“ (soll heißen, nennt Faschisten Faschisten) meint hingegen Tom Lanoye und fordert: „Wir müssen die Meinungsfreiheit limitieren“.

Diesen Satz hätte ich mir noch vor wenigen Jahren auf einer Veranstaltung der Frankfurter Buchmesse nicht vorstellen können.

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(* Übersetzungen von Lanoye und Westerman aus dem Englischen von mir)

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