„Wie wir leben wollen“

„Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass sich immer mehr Menschen in einem Modus der Bestürzung und Lähmung befinden.“ (Geoffrey de Lagasnerie und Eduard Louis: Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive)

Das Manifest der beiden jungen Franzosen ist bereits vor einem Jahr in Frankreich erschienen und wurde in deutscher Übersetzung im Band „Wie wir leben wollen – Texte für Solidarität und Freiheit“ (Hrsg. Matthias Jügler, Suhrkamp) veröffentlicht. Das kurze Manifest nennt vier Prinzipien, um die intellektuell-politische Szene neu zu definieren:

1. Das Prinzip der Verweigerung bedeutet, sich nicht zum Komplizen bestimmter Ideologen zu machen, in dem man ihnen Gesprächsbereitschaft signalisiert. Kein (Mit-)Reden über Volk, Nation, nationale Souveränität sondern über Ausbeutung, Gewalt, Unterdrückung etc.
2. Das Prinzip des Benennens heißt z.B., einen Nazi als Nazi zu bezeichnen.
3. Das Prinzip der Neuzuteilung der Schande ist der Versuch, die Hasser und Hetzer zum Schweigen zum bringen, in dem man ihnen Verachtung zeigt.
4. Das Prinzip der Intervention: „Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken.“

Ich bin nicht ganz überzeugt, dass diese Prinzipien hilfreich sind, aber davon, dass wir uns verhalten müssen, wenn wir aus der,  durchaus auch von mir so empfundenen, Lähmung herausfinden wollen. Seit kurzer Zeit reagiere ich z.B. auf hetzerische Tweets, einfach, weil ich denen das Feld nicht überlassen will. Ob es Sinn macht, den Pöbel als Pöbel zu bezeichnen? Meist pochen die Kritisierten auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, obwohl damit gar nicht das Recht auf Beleidigung gemeint ist – die wird nach § 185 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet. Das juckt aber im Netz kaum einen. Aber reden wir nicht von Idioten.

Reden wir über das Buch „Wie wir leben wollen“. 26 Autoren schreiben hier über Erlebnisse in der Fremde, über Heimat und Identität. Bestellt hatte ich mir das Buch, weil auch Stephan Thome einen Beitrag geschrieben hat. Der Autor hat viele Jahre in Taipeh gelebt und gearbeitet und erzählt in seinem Text, wie er aus der östlichen Ferne die Pegida-Aufmärsche erlebt hat: „Dummdreist wirken die Leute, hasserfüllt und wie imprägniert gegen alle Regungen von Mitleid und Empathie. Allerdings vermischt sich in solchen Zuschreibungen das, was ich sehe, mit dem, was das Gesehene in mir auslöst: einen aggressiven Abwehrimpuls, der mich den pöbelnden Dumpfbacken irritierend ähnlich macht“.

Aber Stephan Thome versucht dennoch die Angst der Menschen zu verstehen, und vergleicht die Situation in Deutschland 2015 mit der in China vor mehr als 150 Jahren, die ebenfalls von Überfremdungsangst geprägt war. Der Zusammenprall der östlichen mit der westlichen Kultur in China, die Erfahrung der Unterlegenheit der chinesischen Zivilisation, die 100 Jahre später in der Kulturrevolution gipfelte, eine solche Erfahrung der Umwälzung gab es in Europa nicht, aber könnte, sollte die EU keinen Bestand haben, durchaus vor uns liegen. („In 20 oder 30 Jahren wird Frankreich in einer globalen Welt die Bedeutung von Andorra haben und Deutschland die von Luxemburg.“ – Dany Cohn-Bendit am 3.10.2016 in der Paulskirche).

Besonders berührt hat mich der Text von Sasa Stanisic, der im August 1992 mit seinen Eltern aus Bosnien nach Heidelberg kam und vom Glück berichtet, eine Heimat zu finden. Hinreißend ist auch der Beitrag „Die Echten“ der Berliner Autorin Shida Bazyar, die in wunderbar leichtem und bitter-ironischem Ton über das Fremdsein sinniert. Zu dem lesenswerten Sammelband haben aus der Riege der jungen und teils schon sehr erfolgreichen Autoren u.a. Nora Bossong, Heinz Helle, Matthias Nawrat, Heike Geißler beigetragen.

„Fremdenfeindlichkeit gab es zu allen Zeiten, und es gibt sie in vielen Erscheinungsformen. Ihnen gemeinsam ist, dass Ressentiments ersetzen, was man von den Fremden nicht weiß, aber wissen müsste, um sie als Menschen zu erkennen. Dagegen gibt es ein Mittel: Die Geschichten anhören, die die Fremden mitbringen.“ (Stephan Thome)

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2 Gedanken zu “„Wie wir leben wollen“

  1. Hartmut 9. Oktober 2016 / 19:04

    Ich halte die hier dargestellten historischen Bezüge von Herrn Thome für unglücklich gewählt. China wurde vor 150 Jahren kolonialisiert, u. a. mit der Methode, möglichst große Teile der Bevölkerung Opium-abhängig zu machen, um dauerhaft einen lukrativen Absatzmarkt für die Droge zu schaffen. Die heutigen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen sind dagegen alles andere als eine Kolonialisierung, sondern vielmehr ihrerseits Folgen früherer Kolonialisierung durch die Europäer und des Imperialismus der Europäer und Amerikaner. Auch die Verknüpfung zwischen dem in China ausgeübten Kolonialismus und der Kulturrevolution ist nicht nachvollziehbar, war letztere doch nur die skrupellose Aufwiegelung der chinesischen Jugend durch Mao Tse-tung mit dem einzigen Ziel, dass er sich um den Preis von Hunderttausenden Todesopfern bis zu seinem Tod an der Macht halten wollte.

    • Carmen 9. Oktober 2016 / 20:17

      Danke für Ihren kenntnisreichen Kommentar. Ich hingegen kenne mich mit der chinesischen Geschichte wenig aus und würdige in dem Beitrag von Herrn Thome vor allem den Versuch, die Ängste der Gegenwart zu verstehen: Was geht fremdenfeindlicher Gewalt voraus? Wenn es wie im Beispiel der Chinesen Mitte des 19. Jahrhunderts um das Gefühl der Demütigung geht, wodurch wurden die Ostdeutschen gedemütigt?

      „So vollzieht sich kultureller Wandel: Bevor er sich durchgesetzt hat, weckt er Verlustängste, danach konstituiert er eine neue Normalität, worin diese Ängste keinen Platz mehr haben“, schreibt Thome.

      Wir werden die Normalität einer veränderten Welt nicht mehr erleben oder nur als jammernde Alte. Deshalb verstehe ich die Ablehnung des Wandels als Weigerung, den eigenen Tod zu akzeptieren.

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