Sommer 2016

Männer bringen sich um in diesem deutschen Sommer. Vergangene Woche erst ein erfolgreicher Online-Redakteur, Blogger und glücklicher Vater. Als ich seine letzten Tweets las, dachte ich zuerst, jemand hätte seinen Account gehackt. Stunden später wurde er tot aufgefunden.

Heute bin ich an einem Bahnsteig ausgestiegen, wo sich vor wenigen Jahren ein Abiturient vor die S-Bahn warf. Freunde haben dort ein Graffiti gemalt, um an ihn zu erinnern. In der Presse war darüber nichts zu lesen, da hierzulande der Kodex gilt, über Suizide nur zurückhaltend zu berichten. Wenn sich die Medien nicht daran halten, z.B. im Fall Robert Encke, steigen infolge der Berichterstattungen in den kommenden Wochen die Suizide um ein Vielfaches. Den meisten hätte geholfen werden können.

Wenn Männer sich umbringen, nehmen sie manchmal andere mit in den Tod. Beim vom Kopilot herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 waren 149 Passagiere Opfer seines erweiterten Suizides.

Die Attentäter und Amokläufer aus Nizza, München, Würzburg sind verzweifelte, leidende, frustrierte und isolierte Menschen, sagt der Philosoph Franco Berardi. Auch wenn sich alles sträubt beim Niederschreiben, ja, wir müssen „das Böse verstehen – das ist der einzige Ausweg aus der Hölle“.

Wir müssen verstehen wollen, weil nur „Empathie die Zukunft der Menschheit sichern kann“ (Stephen Hawking). Daran glaube ich fest.

Letzte Woche schrieb Alexander Pschera, dessen Buch „Vom Schweben“ ich sehr geschätzt habe, auf Twitter: „Wer so lange an seinem Empathie-Weltbild festhält, bis das Messer an seiner Kehle kratzt, mit dem braucht man wahrlich kein Mitleid zu haben.“

Der Kälte-Schock hält noch an.

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Ein Gedanke zu “Sommer 2016

  1. freiedenkerin 2. August 2016 / 17:43

    Ich kann die Amokläufer nicht hassen, ich empfinde tiefes Mitgefühl. Mit ihnen, ihren Familien und den Angehörigen der Opfer…

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