Keine Körperverletzung im Amt nachweisbar

Wer hat Respekt verdient?

Für den Staatsanwalt, der heute seine abschließende Sicht auf die Beweisaufnahme darlegte, ist klar: „Polizisten haben Respekt verdient, denn das ist ein schwerer und anstrengender Beruf.“ Derege Wevelsiep, der nach einer polizeilichen Identitätsfeststellung drei Tage im Krankenhaus lag, hat nach Ansicht des Staatsanwalt die Polizisten nicht korrekt behandelt, denn: „Man hat sich gegenüber einem Polizisten nicht aufzuspielen.“ Außerdem erteilte der Staatsanwalt der Presse eine Rüge: „Der Vorwurf des Rassismus hat hier nix zu suchen!

Die Richterin sah das sicher anders, musste aber („in dubio pro reo“) dennoch das Urteil des Amtsgerichts, das Matthew S. der Körperverletzung im Amt schuldig gesprochen hatte, aufheben.

Das Zünglein an der Waage war der sachverständige Rechtsmediziner, der die „Verletzungen letztlich nicht objektivieren“ konnte. Hämatome auf dunkler Haut seien schwer zu sehen, aber dennoch eindeutig abgrenzbar, wenn man denn genau hinsehe, aber solche waren nicht dokumentiert. Wevelsieps Schmerzen, die die behandelten Ärzte im Katharinen-Krankenhaus als zweifelsfrei beschrieben hatten, seien nicht beweisbar, die Kopfwunde könnte auch am Polizeifahrzeug entstanden sein.

Der Anwalt des Polizisten, Rudolf Karras, betonte in seinem durchaus überzeugenden Plädoyer, dass es ausreiche, dass „die Verletzungen nicht auf die vorgeworfenen Tätlichkeiten zurückzuführen sein müssen„, um das erste Urteil gegen Matthew S. aufzuheben. Das respektlose Verhalten des Polizisten könne bei Wevelsiep Erinnerungen an frühere rassistische Vorfälle ausgelöst und somit die subjektive Wahrnehmung geprägt haben.

Richterin Menhofer-Woitaschek hob das Urteil der 1. Instanz auf und verurteilte Matthew S. zu 20 Tagessätzen a 70 Euro wegen Beleidigung („Du dummer Schwätzer“). Die Richterin hob hervor, dass ihre Zweifel sich nicht auf die Glaubwürdigkeit des Nebenklägers Wevelsiep bezögen, sondern der Einschätzung des Sachverständigen Rechnung trügen, der die Körperverletzung nicht eindeutig bestätigen konnte. Kritik äußerte die Richterin an den Kollegen des Polizisten S. und deren falsch verstandener Solidarität. Außerdem habe sie erhebliche Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Fesselung als notwendiger Maßnahme. Die Beamten hätten teilweise ein irritierendes Verhalten gezeigt und die Vorfälle nur lückenhaft dokumentiert.

Einig waren sich übrigens alle, dass es ohne die Eskalationsbereitschaft der Fahrkartenkontrolleurin L. nie zur folgenreichen Nacht für die Beteiligten gekommen wäre.

(Alle Artikel zum Fall wevelsiep hier: KLICK)

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4 Gedanken zu “Keine Körperverletzung im Amt nachweisbar

  1. tikerscherk 31. Mai 2016 / 20:02

    Ich frage mich, wie der Staatsanwalt Rassismus definiert. Allein das unverhältnismäßige Polizeiaufgebot und die Methoden (Fesselung), legen diesen Verdacht doch zumindest nahe.

    • Carmen 31. Mai 2016 / 20:14

      Ja. Polizisten seien keine Sozialarbeiter, meinte der Staatsanwalt noch und dass Wevelsiep Mitschuld an der Eskalation habe.

      Mein Vertrauen in die Polizei ist durch diese Prozessbeobachtung jedenfalls nicht gestiegen.

      • tikerscherk 31. Mai 2016 / 20:29

        Das verstehe ich. Meines ist durch das Lesen Deines Berichtes noch weiter gesunken. Erinnerungen an Oury Jalloh werden wach, auch wenn der Fall von Wevelsiep nicht derart schrecklich verlaufen ist. Danke, dass Du darüber berichtest.

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