Der kleine Mann und die gute Frau der SPD

„Kann man noch Sozialdemokraten wählen?“- diese Frage hat Slavo Zizek im auf dem Sofatisch liegenden Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. Mai 2016 gestellt und statt weiter für die Kaffee-Gäste am Pfingstsonntag die Wohnung aufzuräumen, habe ich nach der schnellen Lektüre den Laptop hochgefahren.

„Wenn man sich ansieht, was die Syriza-Regierung in Griechenland vor ihrer Kapitulation forderte, merkt man sofort, dass alle Maßnahmen schon vor vierzig Jahren zum modernen Standard der Sozialdemokratie gehörten. Und es ist ein trauriges Zeichen, dass man heute zur radikalen Linken gehören muss, um solche Maßnahmen zu fordern (…)“ schreibt der Philosoph und plädiert im Folgenden keineswegs für die Wahl radikaler Parteien.

Der Aufruf zur Revolution habe keine mobilisierende Wirkung mehr: „Allein die gemäßigte „falsche“ Wahl kann die subjektiven Bedingungen für eine kommunistische Perspektive schaffen.“

Ein interessanter Gedankengang, dennoch werden sich die meisten links/grünen WählerInnen auch 2017 nicht für die SPD entscheiden können. Der SPD-Chef und Kanzlerkandidat hat sicher einen gehörigen Anteil an den schlechten Umfragewerten der Partei. Der Versuch, über eine neue Rentendebatte das Ruder herumzureißen, zielt vor allem auf die Generation der Baby-Boomer, die weder von der Rente ab 63 profitieren noch von der größten Rentenerhöhung seit 20 Jahren (zwischen 4,25 und 5,95 Prozent), die am 1. Juli in Kraft tritt. Die jüngeren BürgerInnen aber, die in den kommenden Jahrzehnten diese Renten erarbeiten müssen, werden von der SPD weitgehend ausgeblendet. Aber nicht nur die.

Die SPD richtet sich an den „kleinen Mann“ (dazu habe ich mich hier schon geäußert) und gerne auch an die „gute Frau“. (So sprach mich ein SPD-Mitglied am Kommunalwahl-Stand an, als ich nach den planerischen Vorstellungen der SPD zur Frankfurter Hauptwache fragte).

Solange die SPD sich ihre WählerInnen als klein, unterkomplex und unselbständig vorstellt, als Menschen, deren Träume im Konsum liegen und nur dort, die „hart arbeiten“ und deshalb keine Zeit haben, politisch aktiv zu werden, solange bleibt sie im Keller.

Es gibt Menschen, die lieber ihre Ausgaben verringern, als ihre Einnahmen zu erhöhen und die Möglichkeit der Wahl zwischen beidem als ungeheure Freiheit empfinden. Wenn die SPD das begriffen hat, hat sie vielleicht die Chance von links/grüner Klientel wieder als wählbar angesehen zu werden.

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