Vorläufiges Fazit zum Berufungsverfahren Wevelsiep

Oktober 2012, Frankfurt am Main: Unsensible und leicht erregbare U-Bahnkontrolleure, eine dunkelhäutige Frau mit kleinem Kind, die angeblich keinen gültigen Fahrausweis besitzt, zwei herbeieilende vollbesetzte Polizeiwagen, der Verlobte der jungen Frau, der vom Merianplatz nach Bornheim Mitte rennt, weil diese ihn verängstigt per Mobiltelefon benachrichtigt und der danach mehrere Tage im Krankenhaus liegt: Das sind die Zutaten einer Geschichte, an deren vorläufigem Ende der aus Jena stammende Polizist Matthew S. zu einer Geldstrafe wegen Körperverletzung im Amt verurteilt wird – ein Urteil, gegen den dieser in Berufung geht. Fast vier Jahre und Hunderte Seiten Akten später, ist die Wahrheitsfindung keine leichte Aufgabe.

Beim gestrigen vierten Verhandlungstag, der als letzter vorgesehen war, aber wegen der Abwesenheit Wevelsieps noch einen weiteren Termin nach sich zieht, ist es Anwalt Hauschild gelungen, durch die Thematisierung der „Gangart“ des Opfers, die Ungereimtheiten der Polizisten in den Hintergrund treten zu lassen. Dabei steht seit gestern zweifelsfrei fest, dass Wevelsiep seinen Firmenausweis an diesem Abend dabei hatte. Die Polizei wusste demnach seinen Namen und seinen Arbeitgeber, sie kannte seine Adresse. Die Polizisten riefen mehrfach bei der Wache an, über das spätere Opfer war dort nichts bekannt. Warum wurde Wevelsiep trotzdem nicht – wie sonst üblich – gebeten, am nächsten Tag bei der Polizeiwache vorbeizukommen und seinen Personalausweis vorzulegen?

Die Fesselung des Opfers vor dem Transport an seine Wohnadresse war nach Aussage des Polizisten G. nötig, weil dieser wild gestikulierte. Die vier Kontrolleure hingegen, die ganz in der Nähe der Polizeiwagen rauchten, wo Wevelsiep gefesselt und nach eigenen Aussagen von Matthew S. ins Gesicht geschlagen wurde – nach Aussagen der Polizisten sich aber durch heftige Bewegungen am Auto selbst verletzt habe – wollen nichts gehört und gesehen haben. Zwei betonten, sie wären weitgehend nachtblind (Auto fahren sie trotzdem, wie sie der Richterin auf Nachfrage bestätigten). Wevelsiep behauptet, dort und später in seiner Wohnung geschlagen worden zu sein. Gegen die Kollegin S. des wegen Körperverletzung verurteilten Polizisten Matthew S., die dessen Aussage stützt, ist ein Verfahren wegen Falschaussage anhängig.

Die Polizisten des KDD, die am Folgetag das Krankenhaus aufsuchten, um die Aussage von Wevelsiep zu dokumentieren, haben dreimal sein Zimmer aufgesucht, obwohl der Patient schon beim ersten Betreten des Krankenzimmers den Polizisten mitteilt, ohne seinen Anwalt nichts sagen zu wollen. Der zweite Besuch fand in Anwesenheit des Geschäftsführers des Katharinenkrankenhauses statt. Dieser empfand die Situation für den Patienten als belastend. „Ich wollte, dass die Polizisten gehen“. Dennoch betraten sie ein drittes Mal das Zimmer Wevelsieps, nachdem der Geschäftsführer zurück in sein Büro gegangen war. Weil eine Krankenschwester darum bat, das Zimmer zu verlassen, da ein frisch operierter Patient in den Raum gelegt werden sollte, verließen Polizisten und Familie Wevelsiep das Zimmer. Die Verlobte Wevelsieps nahm die Daten der Polizisten auf. Dann verließen die Polizisten den Flur, drehten sich aber beide noch einmal um und wollen jetzt gesehen haben, dass Wevelsiep hinkte, was er vorher nicht getan habe, da lag er allerdings auch die meiste Zeit auf dem Bett.

Mein Fazit: Ich halte die nachgeschobenen Aussagen der KDD-Polizisten nicht für glaubwürdig und damit eine Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils für nicht angezeigt. Ich bin gespannt, was der letzte Prozesstag am 31.5. um 9.30 Uhr ergibt.

Zu Teil 1 und Teil 2 der Berichterstattung des Berufungsverfahrens.

Advertisements

3 Gedanken zu “Vorläufiges Fazit zum Berufungsverfahren Wevelsiep

  1. freiedenkerin 13. Mai 2016 / 11:39

    Was für eine ungute Geschichte… Ich bin auch sehr gespannt auf das Ende dieses Prozesses. Und ob man Herrn Wevelsiep Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.

    • Carmen 15. Mai 2016 / 14:01

      Ich versuche beim letzten Prozesstag anwesend zu sein und berichte dann.

  2. Carmen 20. Mai 2016 / 08:09

    Zur Erinnerung an weitere Fälle von Polizeigewalt in Frankfurt in den letzten Jahren verlinke ich zum Blog Justizfreund und zur FNP.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s