Volker Bouffier: „Flüchtlinge zu Mitbürgern“

„Den Grünen hast du die Herzen erweicht, Volker“ – Einen interessanten Einstieg hatte Uwe Becker, CDU-Kreisvorsitzender und Kämmerer von Frankfurt, für seine Rede beim politischen Aschermittwoch in Frankfurt-Harheim gefunden. Gelten doch gemeinhin die Grünen als die Soften und CDU-Granden a´ la Volker Bouffier als die Hardliner. Aber ganz falsch war der Satz nicht. Wann wäre ich je auf die Idee gekommen, freiwillig eine CDU-Veranstaltung zu besuchen?

Nachdem jedoch kürzlich bei einem Informationsabend zur geplanten Unterkunft für Geflüchtete in meinem Stadtteil Harheim der Eindruck entstanden war, die Bewohner bestünden zu einem beträchtlichen Teil aus Wutbürgern, die von der örtlichen CDU unterstützt werden (mein Bericht hier), erhoffte ich mir, dass der Ministerpräsident beim Besuch in unserem Dorf die richtigen Worte findet, um das Weltbild seiner Parteifreunde und der anwesenden „besorgten BürgerInnen“ ein wenig zurecht zu rücken.

Ich denke, das ist ihm gelungen. Volker Bouffier erzählte von seinen Reisen in den Süden Europas und der hohen Jugendarbeitslosigkeit dort. Was wünschten sich alle Menschen für ihre Kinder? Einen Job, eine eigene Wohnung, eine Zukunft. Was für die Deutschen selbstverständlich sei, dass jeder Jugendliche ein Angebot bekäme, davon könnten die Menschen im Süden nur träumen.

„Wir sind sehr stark und wir haben allen Anlass zur Dankbarkeit. Erfolgreich bleiben wir aber nur, wenn wir beieinander bleiben“, betonte Bouffier und fügte hinzu: „Übersteigerter Nationalismus hat immer in den Krieg geführt.“

Zum alles beherrschenden Thema „Flüchtlingskrise“ sagte Bouffier: „80 Prozent der Menschen wollen eine Obergrenze, aber 80 Prozent wollen auch Menschen in Not helfen“. Mit einer Aufzählung, welche konkreten Maßnahmen die hessische Landesregierung ergriffen habe, (z.B. böte Hessen als einziges Land schon in der Erstaufnahmeeinrichtung Deutschunterricht an; den hessischen Kommunen würden die Kosten für die Unterbringung erstattet, was es in keinem anderen Bundesland gäbe), plädierte Bouffier für die Integration der Neubürger: „Damit Flüchtlinge zu Mitbürgern werden.“ (Mehr dazu hier: „Hessen handelt“)

Mit einem Aufruf an die Wahlkämpfer und Wähler der CDU, die AFD zu stellen, beendete Bouffier seine Rede im Harheimer Bürgerhaus.

Schade, dass die Modernität und Liberalität, die Bouffiers Auftritt umgab, vom Podium konterkariert wurde. Acht Herren, darunter fast alle CDU-Dezernenten sowie der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein, hatten auf der Bühne Platz genommen, einzige Frau hingegen war die weithin unbekannte ehrenamtliche Stadträtin Erika Pfreundschuh. Frankfurts Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) hätte sicherlich einiges zu einer modernen Großstadtpolitik beitragen können, aber man wollte den Harheimern vermutlich nicht zuviel zumuten.

Advertisements

6 Gedanken zu “Volker Bouffier: „Flüchtlinge zu Mitbürgern“

  1. Mrs. Mop 11. Februar 2016 / 15:00

    Haha, der letzte Satz war gut! Also, den Rödelheimern war Frau Birkenfeld neulich durchaus zugemutet worden, und wenn nicht alles täuscht, hat Frau Birkenfeld die Rödelheimer als ziemliche Zumutung empfunden, denn die Meinungen bezüglich, ähm, „moderne Großstadtpolitik“ gingen da doch sehr auseinander 🙂

    • Carmen 11. Februar 2016 / 15:52

      Ja, die Frauen vom Sozialdezernat, Birkenfeld und Skotnik, haben keinen leichten Job zurzeit. Und die BürgerInnen im Publikum sind da auch wenig zimperlich ( http://www.fr-online.de/zuwanderung-in-rhein-main/fluechtlinge-in-frankfurt-verbitterung-und-haeme,24933504,33683586.html )

      Wenn der Landesvater den „schönsten Stadtteil Frankfurts“, die „Perle“ Harheim (O-Töne gestern) mit einem Besuch beehrt, ist die Stimmung natürlich weniger konfrontativ.

      • Mrs. Mop 11. Februar 2016 / 19:02

        Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen. Wer 500 Menschen in abgewrackten, teils fensterlosen Baracken wie Regalware zusammenpferchen will via Parzellierung mit nach oben offenen Trennwänden – prima fürs Kontrollieren und Überwachen, schlecht für Privatsphäre und Geborgenheit – und das als Nonplusultra moderner Großstadtpolitik verkauft, sollte unzimperlichen Gegenwind aushalten können.

        • Carmen 11. Februar 2016 / 19:19

          Oh, dann habe ich den FR-Artikel zu schnell gelesen. Ich dachte, Gegenwind sei nur von den Leuten gekommen, die keine Unterkunft in ihrer Nähe wollen?

          • Mrs. Mop 11. Februar 2016 / 20:04

            Tja, die gute alte Tante Rundschau. Leider mitunter etwas reflexhaft in ihrer Berichterstattung – die Guten, die Bösen, am Ende muss halt das Feindbild stimmen. Ich verlasse mich lieber auf meine eigene Wahrnehmung vor Ort. Der Gegenwind kam aus allen erdenklichen Richtungen. Auch z.B. seitens der Rödelheimer Flüchtlingsinitiativen, die bereits seit längerem knapp 200 Geflüchtete betreuen und ihren Frust äußerten, weil die Koordinierungsbemühungen teils ins Leere laufen, da Unterstützung „von oben“ fehlt. Da kann man schon ins Grübeln kommen, inwieweit es sich die Stadt auf dem Rücken der Freiwilligenarbeit vielleicht etwas zu bequem macht. Sicher, es kam auch Gegenwind von Bürgern, die keine Unterkunft in ihrer Nähe haben wollen; es kam aber mindestens ebenso viel Gegenwind von Bürgern, denen es nicht um „Flüchtlingsunterkunft ja oder nein“ ging, sondern um die Qualität der Unterbringung, samt der möglichen Folgen, die eine derart miserable Qualität nach sich ziehen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s