Frauen, okkupiert die Plätze!

Männer, allein oder in Gruppen, sind für Frauen gefährlich, überall auf der Welt. In meiner Jugend ging diese Gefahr von amerikanischen Soldaten in den hessischen Kasernen aus, die abends und nachts frustriert durch die Friedberger Altstadt flanierten, aber die dortigen Kneipen nicht betreten durften, da diese fast alle das „Off Limits“-Schild an der Tür hatten. Gefährlich sind betrunkene, verletzte, aggressive, schwache, dumme, intelligente, bürgerliche, proletarische – Männer.

Mit 19 Jahren schenkte mir ein Kollege eine kleine Schreckschusspistole, weil ich Angst hatte, im Winter nach der Arbeit zum Hauptbahnhof zu gehen. Eine Zeit lang trug ich Pfefferspray mit mir herum. Ich habe viele Kerle angeschrien, weil sie mir zu nahe kamen, jeden Pfiff gekontert und mich ausgiebig mit Männern über ihr Anmachverhalten gestritten. Vielleicht war ich als „radikale“ Feministin und treue Emma-Leserin auch ein bisschen hysterisch. Aber eins war für mich schon vor dreißig Jahren klar: Die Stadt gehört mir. Und wenn ich nachts allein unterwegs sein wollte, dann habe ich das getan.

Ich kann mich für Männer, die Frauen nicht respektieren, sie beleidigen und bedrohen, die glauben, der öffentliche Raum gehöre ihnen allein, nicht mehr interessieren und will sie auch nicht verstehen. Mögen sich Richter und juristische Gutachter bei der Beurteilung von sexuellen Straftaten mit den individuellen, kulturellen, religiösen Ursachen von Frauenverachtung beschäftigen. Eine feministische Antwort auf die sexistischen Übergriffe an Silvester in Köln und anderswo muss nach meiner Überzeugung heißen: Auf die Plätze, Frauen – die Welt gehört uns!

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11 Gedanken zu “Frauen, okkupiert die Plätze!

  1. LOB 12. Januar 2016 / 01:18

    Selbstbewusstsein ist keine verkehrte Antwort auf den Straßenterror – wobei auf Männer in Kompaniestärke, mit Frauen in Kompaniestärke geantwortet werden muss, da sollte es im Ernstfall eine smarphoneapp geben, die in
    No-time Menschen zusammenruft, um Bedrängten zu helfen ….

    • Carmen 12. Januar 2016 / 10:46

      Ich dachte natürlich an das Frankfurter Occupy-Camp, das 300 Tage vor der EZB – auch in der Kälte – ausgeharrt hat und die Hoffnung auf eine andere demokratische Kultur wiederaufleben ließ. Hier waren viele junge Frauen aktiv, die sich jenseits der auch von dir kritisierten Politik der gemeinsamen Erklärung (die bis auf ein paar Termini auch 1978 so hätte verfasst sein können und wahrscheinlich sogar ist, nur fand das ohne Internet noch keine Verbreitung, sondern hing im Frauenbuchladen an der Pinnwand), mit klarem feministischen Blick für eine andere, gewaltfreie Gesellschaft eingesetzt haben – Frauen, die zum Teil jetzt fehlen: (Link zu Die roten Schuhe).

      Von symbolischen Aktionen, wie z.B. jeden Freitag um 18 Uhr großer Frauentreff auf einem städtischen Platz bis zur von LOB genannten App sind viele Aktionen denkbar. Sich als Frau öffentlichen Raum nehmen, unser Freiheitsrecht selbstverständlich präsentieren, das scheint mir sinnvoller als jede Erklärung.

  2. Hauptbahnhof 12. Januar 2016 / 10:41

    Wenn Sie da mal nicht auf dem Holzweg sind. Die Antwort ist nicht „Frauen gegen Männer“ sondern „Frauen und Männer gemeinsam für eine freie und gleichberechtigte, gewaltfreie Gesellschaft“.

    Ihre Relativierung ist gefährlich. Es muss offen ausgesprochen werden, woher, von welchen Männern die Gefahr für die Frauen kommt. Natürlich gibt es auch Vergewaltiger unter Männern, die in unserem Kulturkreis sozialisiert wurden, was schlimm genug ist. Hier aber so zu tun, als würde der kulturelle Hintergrund keine Rolle spielen, ist schlicht falsch. Und nochmal: gefährlich, denn Probleme, die man nicht erkennt oder nicht erkennen will wird man nicht lösen.

    • Carmen 12. Januar 2016 / 10:52

      Ich relativiere nicht! Ich weise daraufhin, dass ich – wie alle Frauen – seit ich Teenager war, Erfahrungen mit sexuellen An- und Übergriffen machen musste und das gemeinsame Merkmal der Täter war und ist ihr Geschlecht.

      Politische Korrektheit interessiert mich überhaupt nicht, wenn es um Gewalt an Frauen geht. Soll heißen, ich bin für eine klare und harte Antwort des Rechtsstaates, unabhängig von der kulturellen Herkunft des Täters.

    • gnaddrig 13. Januar 2016 / 22:32

      Richtig, Probleme, die man nicht erkennt oder nicht erkennen will wird man nicht lösen. Daher ist es nicht zielführend, wenn jetzt weithin so getan wird, als seien vor allem arabische oder nordafrikanische oder muslimische Männer das Problem. Die sind nämlich nur ein Teilaspekt eines größeren Problemkomplexes. Wie Carmen schon schreibt beginnt das Belästigen und Bedrängen von Frauen nicht mit der Ankunft irgendwelcher Kerle aus den genannten Gegenden oder Kulturen, das gab es schon vorher und hat auch im sogenannten christlichen Abendland, im freien, aufgeklärten Westen, also bei uns, bei „den Guten“ lange Tradition.

      Man muss natürlich schauen, wer da im Einzelfall übergriffig geworden ist, da ist auch ein Blick in die Herkunftskultur angebracht. Wenn arabische, nordafrikanische, muslimische Männer da bestimmte, typische Defizite erkennen lassen, sollte man sich damit durchaus auseinandersetzen. Dasselbe gilt aber für einheimische Belästiger genauso. Die gut eingeführte und ausgereifte einheimische Rape Culture gehört genauso angegangen.

      Am Ende läuft es nämlich darauf hinaus, dass irgendwelche irgendwie sozialisierten Kerle meinen, Frauen wie Freiwild behandeln zu können, mit Eye Candy am harmloseren und Vergewaltigung, Verstümmelung und Mord am gefährlicheren Ende. Alle Wege führen nach Rom, und wenn man dort ist, ist egal, welchen Weg man gekommen ist. Wenn man einen Weg sperrt, werden sich die allermeisten Reisenden einfach auf die übrigen Wege verteilen.

      Wer halbwegs bei Verstand ist, spricht sich eben nicht dafür aus, die Täter von Köln in Ruhe zu lassen. Was dagegen gerade Feministinnen fordern ist, das ganze nicht auf die (mutmaßliche) arabische oder nordafrikanische oder muslimische Herkunft der Täter von Köln zu reduzieren als wären sie die einzigen, die jemals eine Frau schief anschauen oder berühren würden; auch wollen sie das ganze nicht auf diesen einen Fall reduziert sehen, als wäre vorher noch nie eine Frau unsittlich berührt worden im Land der Dichter und Denker. Drohungen und handfeste (ganz oft sexualisierte) Gewalt gegen Frauen sind auch in Deutschland Gang und Gäbe.

      Allein die Drohungen, mit denen sich praktisch jede konfrontiert sieht, die nicht zur Jagd auf die bösen Araber, Nordafrikaner, Muslime usw. trompetet, sprechen doch Bände. Die kommen nämlich augenscheinlich vielfach von guten Deutschen, von mehr oder weniger christlich aufgewachsenen, mit den Tugenden und Werten der deutschen Leitkultur ausgestatteten Michels aus allen Schichten und aus den verschiedensten politischen Milieus, von denen offenbar viel zu viele nur eine Art der kritischen Auseinandersetzung kennen (gerade mit Frauen, die es wagen, anderer Meinung zu sein): Unflätige Beschimpfungen, Wüste Drohungen und im Extremfall tatsächliche körperliche Gewalt.

      Ob das hier vorgeschlagene Inbesitznehmen des öffentlichen Raums sinnvoll ist, kann man diskutieren. Es ist aber sicher nicht als die eine Maßnahme gemeint, die das Problem ein für alle Mal löst und die alle anderen Aktivitäten in dem Zusammenhang überflüssig macht, sondern nur als ein Baustein unter vielen sich gegenseitig ergänzenden Ansätzen, die sich dem Problem von verschiedenen Seiten nähern und auf verschiedene Facetten des Problems abzielen. Von daher sehe ich Carmen hier ganz bestimmt nicht auf dem Holzweg.

    • noowl 19. Januar 2016 / 12:03

      Meine Mutter wurde jahrelang von einem westfälischen Macker geschlagen und vergewaltigt. Ich bin heute noch fest davon überzeugt das der kulturelle Hintergrund rechter misogynistischer katholischer Schweinebauern und -liebhaber nicht vernachlässigt werden sollte

  3. Mrs. Mop 14. Januar 2016 / 21:46

    Alles paletti, was Du schreibst, @gnaddrig, nur eins, „nur“ eins:

    Mitnichten handelt es sich um „nur“ einen Baustein, „nur“? wieso „nur“? wieso brichst Du den Baustein – als eine tragende, für Frauen essentielle Komponente, ohne die das Gesamtgebäude (welches eigentlich??) keinerlei statische Relevanz besäße – wieso brichst Du diesen Baustein runter auf ein „nur“ und marginalisierst ihn damit? Was willst Du damit ausdrücken?
    Frauen, nehmt euch den öffentlichen Raum, fordert @Carmen zurecht, ohne „nur“ und wenn und aber, und dieser Raum, namentlich nächtens, wird dir als Frau nicht einfach so geschenkt, den musst du nehmen, ergreifen, besetzen, erkämpfen, denn wenn du das als Frau nicht tust, bleiben dir bloß Ängste und immer neurotischer werdendes Vermeidungsverhalten. An beides letzteres kann man/frau sich übrigens gewöhnen, so rein aus der Defensive heraus, und weißt Du, was dann passiert? Ich sag‘s Dir: Das macht krank. Unfrei, gehemmt und krank.

    Und darum, Carmen, danke für Deine klare Ansage. Raus auf die Plätze, Mädels, nehmt euch, was euch zusteht – muss ja nicht immer gleich mit Zelt, Schlafsack und Feldküche sein 🙂 -, zur Not tut‘s auch ein solides Grundtraining in basic Selbstverteidigung, kick and hit it, Joe. Hat schon manchen übergriffigen Kerl Bauklötze staunen lassen.

    • Carmen 14. Januar 2016 / 22:01

      Wie schön, wieder einmal von dir zu lesen, Mrs. Mop!

    • Hauptbahnhof 15. Januar 2016 / 11:00

      Ja, in einer Gesellschaft, wie wir sie bisher kennen, funktioniert das. Auch wenn es natürlich auch bisher schon Gefährdungen und reale Gewalt gibt. Carmen hat das in ihrem Eingangsstatement beschrieben.

      Aber bitte, sehen Sie doch die Gefahr! Durch den Massenzuzug junger, männlicher Moslems wird sich dieses Land grundlegend verändern. Ich weiß, dass sie das nicht wahr haben wollen. Aber die werden bald die Straßen beherrschen. Und dann ist nix mehr mit „Wir Mädels nehmen uns die Räume“. Dann ziehen Sie einen langen Rock an und ein Kopftuch und das wird Ihnen trotzdem nichts nützen!

  4. Carmen 15. Januar 2016 / 17:13

    Warum satte und seit Jahrzehnten in Frieden lebende deutsche Männer so ängstlich sind, ist des Nachdenkens wert. In meinem Stadtteil Harheim ist eine Flüchtlingsunterkunft geplant und nach den Kommentaren in der FNP zu schließen, bin ich in meinem Dorf von lauter AFDlern und Pegidisten umgeben. Die Neubürger, die hier teures Eigentum erworben haben, fürchten um den Wert ihrer Immobilie und haben jetzt eine Interessengemeinschaft gegründet.

    In meiner Familie heißt es, dass unsere Vorfahren vermutlich Hugenotten waren, also protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, die in den ersten Jahrzehnten nach der Ankunft in Deutschland nicht gut gelitten waren und häufigen Brandanschlägen ausgesetzt waren. Jüngere Recherchen ergaben jetzt aber, dass mein Nachname möglicherweise auf im 17. Jahrhundert getaufte Juden zurück geht. (Interessant in diesem Zusammenhang dieser Artikel auf deutschlandfunk). Ich entstamme also so oder so einer Minderheit, vor der die damalige Stammbevölkerung Angst hatte und die deshalb verfolgt wurde. Wo kommt Ihr her?

    Die meisten geflüchteten Menschen wollen sich hier ein gutes Leben aufbauen, sie brauchen Ausbildung, Arbeit und unsere Bereitschaft, sie aufzunehmen. Nur so können wir Parallelgesellschaften verhindern.

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